Sonntag, 16. Juli 2017

Westerwald Mai 2017

Die Schafe im Weiten Gehüt zwischen Wasser und Mittagsschattenplatz. Lille läuft alleine raus auf eine ihm bekannte Grenze.
 
Ein Jahr ist es her, dass ich das erste Mal die Urlaubsvertretung im Westerwald machte.
Nun sollen es wieder sechs Tage sein.
Als ich das in meiner Familie erzähle singen Mutter und Oma:
„In dem schönen Westerwald
Ja da pfeift der Wind so kalt“
Was für wahre Worte.
Habe ich doch letztes Jahr jämmerlich gefroren. Wie konnte ich auch ahnen, so weit im Süden das gleiche Klima wie in Schleswig-Holstein vorzufinden.
Das soll mir diesmal nicht passieren!
Ich bin ausgerüstet, habe Wollunterwäsche, Fellweste und Umhang im Gepäck.
Freudig begrüßt wird meine Ankunft samt Hund und Katz.
Die Einführung dauert nicht lange, steht die Herde doch im gleichen Gebiet wie letztes Jahr.
Am nächsten Morgen geht es zum Stall.
Etwas nervös bin ich schon, habe ich die Hunde doch nur sechs Tage vor einem Jahr gesehen.
Aber kein Problem, sie wissen noch wer ich bin und freuen sich ein Loch in den Bauch.
Hingerissen sind sie von meinem Altdeutschen Rüden Lillebror (Lille).
Beim letzten Mal war er noch ein halbjähriger Welpe, nicht ernst zu nehmen.
Was für ein stattlicher Kerl er geworden ist!
Das Hündinnenrudel überschlägt sich vor Begeisterung.
Der Stall ist bis auf ein paar frisch gelammte Mutterschafe leer. Die sind schnell versorgt und auf geht es zur Herde.
Die Schwarzköpfe sind nicht so begeistert mich zu sehen wie ihre Hüter.
Eher das Gegenteil.
Die kennen wir nicht, der folgen wir nicht.
Naja, das hatten wir ja schon.
Zum Glück kennen sie ihre Routine. Und auch der Schreck vor den fremden Hunden legt sich schnell.
Lillebror ist nach längerer Arbeitspause völlig außer Rand und Band, läuft, läuft, läuft.


Um eins zieht es die Herde auf den Stellplatz in den Schatten einer kleinen Baumgruppe.
Zeit zum Klauenschneiden.
Normalerweise binde ich den jungen Hund nun an, er soll Pause machen, während Ylva, meine erfahrene Strobelhündin, die Herde stellt.
Nun sind wir dieses Jahr einen Monat früher dran und es sind viele Mütter mit noch recht kleinen Lämmern in der Herde. Auch wenn ich die beiden frisch gelammten morgens ins Auto geladen habe, Ylva findet es gruselig, stellt die Herde nicht eng genug.
Damit ich Tiere fangen kann, muss die Herde zusammen stehen, nur so komme ich leicht an Hinker.
Nein, ich bin nicht gereizt!
Muss die herzallerliebste Hundedame immer noch extremer in ihrer Furcht werden?
Hilft ihr dabei, dass ich grantig bin?
Auch nicht.
Also mache ich sie fest.
Schaun wir mal, was der Junge zeigt.
Beide Hunde lasse ich nicht gleichzeitig laufen.
Ich bin doch sehr auf die Schafe konzentriert und zu zweit kann doch schnell mal das Jagdfieber durchbrechen.
Lille ist etwas irritiert, als ich in die Herde laufe und ihm verbiete, mir zu folgen.
Doch fängt er gleich an zu laufen. Immer außenrum.
Ich bewege mich, den Hund im Augenwinkel, auf der Suche nach Hinkern.
Viel Erfolg erwarte ich nicht, kennen die Schafe mich doch nicht, halten ordentlich Abstand.
Vor Jahren, bei meiner ersten Aushilfe, versprach ich noch vollmundig vor dem Ausfahren morgens, Klauen zu schneiden. Die Schafe drehten völlig am Rad, fremder Hund, fremder Mensch. Das sie mir nicht den Pferch einrannten war alles.
Mittlerweile weiß ich mehr.
So gehe ich langsam, entspannte Bewegung, entspannter Blick, dabei singe ich.
Alles, damit die Herde ruhig bleibt, sich an mich gewöhnt. Ist eins nahe genug an mir, schnell Anspannung aufbauen, vorschießen, mit dem Fanghaken an der Schäferschippe das Hinterbein einhängen und heran ziehen.
Ich setzte das Tier auf den Hintern und kümmere mich um die Klauen. Gleichzeitig habe ich ein wachsamen Blick zum Junghund.
Dies ist die Gelegenheit für Unsinn.
Doch Lille würde lieber zu mir kommen, gucken was ich da schaffe. So muss ich ihm klar sagen, dass das mein Tun ist, er außerhalb der Herde zu warten hat.
Leider.
Ach, wenn die Hunde einem auch noch das Klauenschneiden abnehmen könnten!
Viele Schafe bekomme ich nicht, am ersten Tag gerade mal drei. Nervöses Schafsvolk.

Lille hält die Herde locker zusammen. Zum Fangen könnte es enger sein, aber ich werde mich hüten, den jungen Hund jetzt zu mehr Druck anzufeuern. Dafür ist er zu jung und arbeitet zu weit weg von mir.

Direkt neben dem Stellplatz geht es zur Tränke.
Ein kleiner See im ehemaligen Steinbruch, der malerisch zwischen bewaldeten Steilhängen liegt.
Zu dem schlängelt sich ein schmaler, von den Schafen ausgetretener Pfad.
Auch wenn das ihr täglicher Weg ist, die Herde tut, als wäre sie hier noch nie gelaufen.
Ich muss um jeden Meter kämpfen, sie wollen mir nicht folgen.
Ich lasse Ylva von hinten schieben. Da hilft nur pure Hundegewalt.
Auf der Hälfte ist eine größere Freifläche, ich selbst wechsele hinter die Herde, schiebe mit beiden Hunden.
Und immer noch laufen sie vorne nur sehr, sehr zögerlich.
Dann endlich besiegt der Durst ihre Unsicherheit, sie rennen zum Wasser.
Gierig wird getrunken.
Oh, man, Leute! Mehr wollte ich von Euch nicht!
Und zurück auf die Futterflächen könnt ihr alleine laufen.
Ich bleib hinten, habe Geduld, schaue das alle Lämmer mitkommen.

Wasser in der Kieskuhle

Schafe sind in unsicheren Situationen eher wie Esel, nicht wie Pferde. Sie stellen ihre Beine fest, laufen nicht, rühren sich nicht. Das sie auf die Idee kommen panisch zu fliehen, da muss schon richtig mörderischer Rabatz in die Herde kommen. Wobei das auch immer etwas auf die Schafrasse ankommt und auf die Herdenführung. Ein Schaf, das über Generationen gelernt hat, dass der sicherste Platz mitten in seiner Herde ist, will genau diesen aufsuchen, wenn etwas fremd ist.
In diesem Fall bin leider ich das Fremde.
 
Schafweide, ein Blütenparadies

Da die Schafe so an ihre Routine gewöhnt sind, stellen sie sich abends um acht, nach dem sie sich satt gefressen haben, freiwillig vor ihrem Pferch auf.
Nur hinein laufen wollen sie nicht, ist es doch der Pferch in dem sie die zweite Nacht verbringen, also keinen frischen Nachtisch mehr enthält.
Wenn eine Herde nicht läuft, ist es eigentlich unsinnig einen Hunde an ihr entlang zu schicken. Zwar setzt sie das in Bewegung, aber wenn der Hund hinten gedreht hat, wieder nach vorne kommt, stoppen sie wieder.
Auch dem Hund zu befehlen hinter den Schafen zu bleiben, von hinten zu drücken, bringt bei einer großen Herde nicht viel. Entweder sie machen die Front nur immer breiter, oder sie fangen an zu drehen. Letzteres heißt, die Herde läuft im Kreis, wie ein Malstrom. Dies wieder aufzubrechen ist dann sehr schwierig, da Schafe immer gerne anderen Schafen folgen, auch im Kreis.
Nun habe ich aber nur Ylva, die ich weiter weg von mir steuern kann.
Lillebror kennt bisher nur, dass ich ihn an der Herde entlang schicke und dass er, ist er an ihrem Ende angelangt, wieder umdreht und zu mir zurück kommt.
Noch ist es nicht einmal sicher, dass er nicht hinter der Herde wechselt und dann auf der anderen Seite vor kommt.
Hinter der Herde wechseln ist ein absolutes „no go“ in der Hüteschäferei.
Ich schicke ihn ja auf die Seite, auf der etwas geschehen muss. Wechselt der Hund dann hinten, kommt der Druck von der falschen Seite, schiebt die Herde noch dahin, wo ich sie gerade nicht haben will. Das kann im Straßenverkehr tödliche Folgen haben.
Auch möchte ich bei einem jungen Hund, dass er IMMER nach dem Wenden wieder zu mir zurück kommt. Lasse ich ihn auf halbem Rückweg umdrehen und nochmal nach hinten laufen, wird das schnell zur selbstverständlichen Angewohnheit.

Doch das eine was man will und das andere was man muss.

Ich brauche den zweiten Hund auf der anderen Seite der Herde.
Und wie es mit Lillebror nun schon öfter so war, er funktioniert.
Trotz breit stehender Herde wechselt er hinten nicht rüber auf Ylvas Seite.
Und das, muss ich sagen, ist echt total erstaunlich. Der Junghund weiß ja nun nicht um was es geht, und die Verlockung hinter der Herde zum Althund zu wechseln, mit dem zusammen aufzumischen ist riesig.
Aber er tut es nicht, bleibt auf seiner Seite und lässt sich auch weiter entfernt von mir stoppen.
Das „Steh“ Kommando kennt er bisher nur trocken von Spaziergängen.
Doch er macht es!
Zuträglich ist dem natürlich, dass er in diesem Moment bereits neun Stunden durchgehend gelaufen ist und dem entsprechend müde. Doch hat er auch eine große Anbindung an mich und nicht zu mir kommen zu dürfen, fällt ihm sichtlich schwer.
Ich stehe also auf Lilles Seite der Herde im Pferch, rufe die Schafe. Ylva steht auf der anderen Seite der Herde, etwas zurück vom Pfercheingang. Und langsam laufen die Schafe in den Pferch. Bleiben sie stehen lasse ich die Hunde noch mal drücken, aber vor allem habe ich Geduld.
Eingepfercht!
Zaun zu, Strom an, zum Stall gefahren, die beiden Mütter mit ihren Lämmern entladen und Schafe und Hunde versorgt.
Heim geht’s in den wohlverdienten Feierabend und zu lecker Westerwälder Küche.
Die Hunde werden heute genau wie ich schlafen wie Steine.

Abends nach getaner Arbeit, schonmal auf dem Hof einschlafen

Über Lillebror bin ich immer noch etwas fassungslos, NEUN Stunden durchgelaufen.
Etwas besorgt bin ich ja über so viel Arbeitseifer. Es gibt sie, die Hunde die sich tot laufen würden, wo ich die Pausen erzwingen muss. Da hab ich dann einen total nervösen, schwer hechelnden Hund an der Leine, der einfach nicht begreift, dass er ohne Auszeit nicht überlebt.
Doch die nächsten Tage die immer heißer und heißer werden, von wegen Westerwald, der Wind so kalt, zeigen, dass Lille sich auch einteilen kann, das Laufen den Witterungsverhältnissen anpasst.

Am nächsten Morgen erwarten mich Zwillinge.
Ich öffne den Pferch und lasse die Herde aufs Futter ziehen. Die Mutter bleibt bei ihren Lämmern stehen.
Da sehe ich ein Schaf, dass den Pferch schon verlassen, sich jetzt aber hingelegt hat.
Seltsam.
Das ist nicht normal, irgendwas hat sie.
Nun rappelt sie sich wieder auf, hinkt ein paar Schritte.
Gut!
Das heißt sie hat nur etwas eingetreten und deshalb Schmerzen. Ich merke sie mir um sie später zu fangen.
Mit diesen Gedanken wende ich mich dem Pferch zu, schließe ihn, so dass die Mama ihre Zwillinge nicht doch der Herde nach führen kann. Später, wenn die Schafe auf dem guten Abendfutter stehen, werde ich sie ins Auto laden und den Pferch umbauen.
Ich setze mein Rucksack auf, will der Herde ins Gehüt folgen, da sehe ich das Schaf wieder liegen, den Kopf in die Luft gereckt, das Maul zu Schnappatmung geöffnet.
Komisch!
Scheiße, der geht es schlecht.
Ich befehle die Hunde ins Platz und gehe zu dem Schaf.
Als ich bei ihr ankomme, schiebt sie die Beine zur Seite weg, das Maul ist geöffnet.
Nichts ist zu hören.
Sie stirbt.
Gerade jetzt in diesem Moment.
Ich lege meine Hand auf ihren Brustkorb, spüre den langsam werdenden Herzschlag.
Und da hat der Tod sie schon.
Einfach so.
Tod.
Still und leise.
Es braucht einen Moment bis es bei mir so richtig ankommt.
Auch, was da eigentlich gerade passiert ist.
Das Schaf ist erstickt.
Es war so still, weil da keinerlei Atemgeräusche waren.
Kein Schnaufen, kein Röcheln, nichts.
War es ein Insekt, dass ihr in den Hals gestochen hat?
Oder eine Lungenembolie?
Einfach nur Stille.
Tod.
Ich schüttel mich.
Es muss weiter gehen!
Das Schaf hatte den Weg unter einen Baum genommen, da kann es liegen bleiben bis ich jemand angerufen habe, der mir beim Einladen hilft.
Sorry, aber diese großen, schweren Fleischschafe bekomme ich gerade noch lebend verladen, so nicht.
Abends wird jemand kommen und mir beim Einladen helfen. Ausladen schaffe ich alleine.
Und dann kommt am nächsten Tag der Abdecker.
Aber jetzt muss es schnell weiter gehen!
Ich muss der Herde hinterher.
Hüten.
Heute kann Lille auch schon die freie Grenze an der Herde laufen, die Hunde werden doch erstaunlich schnell akzeptiert.
Dann wollen wir mal schauen, ob wir die kleine, separat liegende Wiese auf der anderen Seite der Kieskuhle erreichen. Der Weg dahin geht über einen schmalen Wall.
Langsam hüte ich sie zum Eingang, dann lasse ich Ylva hinten, gehe vor und locke.

"Sollen wir Ihr wirklich hinterher laufen?"

 Das Futter auf dem Wall ist lecker und tatsächlich folgen sie mir vorsichtig.

"Bei dem leckeren Futter kommen wir. Vorsichtig."

Die Wiese ist von Wald umgeben, hier kann ich sie einfach fressen lassen.


Der Tag ist unglaublich warm, überhaupt wird es jeden Tag nur heißer.
Ich laufe mit den Hunden den Pfad runter zum Wasser, lasse sie baden und trinken.
Als wir zurück kommen fressen die Schafe zufrieden und wir lümmeln uns in den Schatten.
Zurück lasse ich sie alleine gehen, wenn sie keine Lust mehr haben auf der Wiese zu fressen.
Das klappt zu Anfang sehr gut, doch nach der Hälfte des Walles bleiben sie stehen. Wie angewurzelt, selbst die von hinten schiebende Herde bringt die vorne nicht zum Laufen.
Von hinten drücken hat bei der lang gestreckten Herde keinen Sinn. Nach rechts ist ein alter, morscher Zaun, der droht einzubrechen.
Nach links kommt Wiese, da lasse ich Ylva laufen.
Aber nein, die Herde bewegt sich nicht.
Mir fällt ein, dass rechts im Zaun eine Öffnung ist, vor der nur sehr notdürftig Zaun hängt. Wenn sich da Lämmer durch drücken und dann hinter dem Zaun entlang laufen, habe ich ein Problem.
So schiebe ich mich zwischen Herde und Zaun entlang, Lillebror an der Leine, bis zu der Öffnung. Noch kein Lamm durch, Glück gehabt. Da ich nun weit genug an der Herde entlang stehe um die vorne zu beeindrucken, bewegt sich wieder was.
Es geht zurück auf die Wiesen und in den mittäglichen Schatten, Singen für die Schafe.
Das tränken erweist sich als ähnlich schwierig, wie zuvor.
Erst am nächsten Tag klappt es besser. Vielleicht auch, weil es noch heißer ist und ich das Tränken hinauszögere, höre ich doch von der Kuhle hysterisches Hundegekläff.
Als dies endlich für längere Zeit verstummt ist, machen wir uns auf den Weg.
Als ich mit der Herde im Gefolge aus dem schmalen Hohlweg zum See komme, sehe ich eine Frau mit buntem, maulkorbbesetzten Australian Shepherd an der Leine und Pferd, dass unter Bäumen am Wasser angebunden ist.
Ich bitte sie, eine Zeit Platz zu machen, damit ich die Herde tränken kann.
Zur Antwort kommt: Ja, sie hätte uns schon gehört. Jetzt müsse sie aber erstmal noch die Schuhe anziehen.
Etwas was natürlich dauert, hat man doch noch einen zappelnden Hund an der Leine.
Ich halte derweil die Schafe, die es schon sehr zum Wasser zieht.
Der Shepherd fängt an zu kläffen.
Endlich zerrt Frauchen die Töle zum Pferd, macht dieses, nun auch nervös, umständlich los.
Einige Schafe sind nun schon rechts von ihnen zum Tränken gelaufen.
Der Shepherd kreischt in den höchsten Tönen.
Die Schafe sind schreckhaft, hin und her gerissen zwischen Durst und Angst vor dem Köter.
Und was macht die Frau?
Sagt sie ihrem Vieh, dass es nun endlich mal das Maul halten soll?
Oder geht einfach zügig, um uns nicht weiter zu belästigen?
Nein.
Keins von beidem.
Der Hund muss sich setzen.
Und zwar so lange, bis er ruhig ist.
Dann darf er wieder aufstehen.
Was er mit kläffen quittiert.
Also wieder sitzen.
Ich bin zu sprachlos, um der Tante lauthals mitzuteilen was ein Schäfer von ihrer Blümchenerziehung hält.
Den Schafen reichts. Sie nehmen Reißaus. Fliehen zurück, den Berg hinauf.
Und ich hinterher.
Wie war das mit dem Witz zur antiautoritären Erziehung und dem Honigglas?
Am liebsten hätte ich...
Aber was solls, so Leuten kommst Du eh nicht bei.
Und was mache ich nun?
Die Herde nochmal zum Wasser prügeln?
Wo sie da unten nur eine Kackbratze mit Köter erwarten?
Nein.
Das wäre auch zu viel für meine Hunde, müssen wir heute doch noch reisen. Und am Ende erwartet uns ein Wassertank mit Bütten, die ich am Morgen bereits befüllt habe.
Für die Hunde, die nun auch um ihr kühlendes Bad gekommen sind, habe ich Wasser im Auto dabei.
Sorry, wenn sich jemand an meiner Ausdrucksweise stört, natürlich weiß es die Hundehalterin nicht besser und ihr Schützling erst recht nicht. Aber adäquat sind Gedanken in so einem Moment einfach nicht.
Ich lasse die Herde grasen, das Futter ist gleichmäßig abgefressen, nichts mehr, was besonders lockt. Sie stellen sich weit auf und ich kann mich den vielen Zäunen zuwenden, die es noch abzubauen gilt. Da einfacher Nadelwald nicht mehr angesagt ist, hatte man an den Waldrändern Rodungen vorgenommen und direkt dahin junge, gerade mal ein Meter hohe, Laubbäume gepflanzt. Große Verlockung selbst für Schwarzköpfe. Direkt dran den Hund laufen zu lassen, hätte viel gutes Futter gekostet, da die Herde doch gewohnt ist, ein, zwei Meter Abstand zum Hund zu halten.
So stehen überall E-Netze, die ich nun abbaue.
Auch der Nachtpferch muss weg, aber es gilt noch zwei Gelammte einzuladen.
Die eine steigt brav ein, ist sie doch ein erfahrenes Schaf.

Einsteigen, Dein Lamm wartet

Die andere aber ist ein Jährling mit ihrem ersten Lamm. Als ich ihr Baby nehme, hüpft sie nervös rufend um mich herum.
Niemals wird die ins Auto steigen!
Auch fangen wird nicht einfach.
Ich stelle mich gerade hin, das Lamm halte ich stehend zwischen meinen Beinen fest.
Nun verhalte ich mich ganz ruhig.
Ein Schaf, das seinem Lamm nicht folgt, es aber mag und es im Auge hat, spürt in dieser Situation den unbedingten Zwang doch zumindest einmal an seinem Lämmchen zu schnuppern. Nur um sicher zu sein, dass es wirklich ihr Lamm ist. Danach springt sie wieder auf Abstand.
Dieser eine Moment ist meine Chance.
Jetzt oder nie!
Ich packe zu, halte eisern, während sie zappelt und springt.
Entgleitet sie mir jetzt, ist es vorbei, dann kommt sie nicht mehr nahe genug.
Aber ich halte fest, verlade sie ins Auto und setze ihr Lamm dazu.
Geschafft.
Lang ist es nun nicht mehr, bis die Unterstützung kommt.
Die fahren erstmal das Auto heim und laden die beiden Neumütter aus. Dann bleibt Chefin, um hinter der Herde zu gehen.
Reisen wir doch lieber zu zweit. Besonders da es über eine große Straße geht.
Das erste Stück geht durch den Wald.
Ich habe vorne einen Eimer mit Kraftfutter, in der Hoffnung, dass sie dem Gerassel besser folgen, als mir.
Die Herde zieht auch gut an und kommt doch bald wieder ins Stocken.
Wieder ist jeder Meter erbettelt.
Endlich, nach einem halben Kilometer wird das Unterholz weniger dicht. So kann ich Ylva parallel im Wald laufen lassen. Wissen die Schafe den Hund da, laufen sie besser.
Das Ende der Herde kann ich nicht sehen, aber die Rufe die ich von da höre, zeigen, dass es anstrengen ist. Stauen sich die Schafe, kommen hinten die kleinen Lämmer auf quatschige Gedanken.
Nach dem Wald gibt es nur noch große Wiesen, die alle überhütet werden dürfen.
In meinen Gedanken eine einfache Sache.
Von wegen.
Die Schafe stellen sich gleich auf der ersten Wiese fressend fest.
Wieder müssen die Hunde laufen, von hinten kräftig schieben.
Nach dem wir die Herde über die große Schnellstraße bugsiert haben, verabschiede ich meine Chefin. Die zweite Hälfte des Weges will ich alleine schaffen. Es sind nur noch eine kleine Straße und zwei Asphaltwege zu queren und wir haben doch Zeit.
Es ist brazelheiß.
Wo kommt bloß diese Hitze her?
Wir sind doch extra erst abends los gegangen.
Aber egal, die Sonne brennt immer noch gnadenlos.
Zwar habe ich eine Flasche Wasser dabei.
Aber eben nur das.
Eine Flasche Wasser.
Ich leere den nutzlosen Kraftfuttereimer und fülle mein Wasser hinein.
Die Hunde haben es nötiger.
Immer noch stellen sich die Schafe fest, wenn man sie lässt.
Warum weiter drücken, wenn das Futter hier auch schon gut ist?
Ich gehe mit den Hunden hinten, schiebe.
Aber vorsichtig.
Die Schafe sollen schon fressen, nicht einfach alles platt rennen.
Auch stoppen sie ganz, wenn sie das schieben von hinten als bedrohlich empfinden.
So bewegen wir uns langsam, sehr langsam in die gewünschte Richtung.
Eine Herausforderung bleiben die Teerwege.
Ich hatte schon bewundert, wie weit ihr Schäfer die Herde fressen lasst, ohne sich zu Sorgen, dass einzelne Schafe außer Sicht über den Weg aufs nächste Stück gehen.
Nun weiß ich, dass sie das einfach nicht tun. Ein Teerweg wird beäugt wie ein Wildbach.
Gut erzogene Schafe!
Und sicher mit einer vertraut rufenden Stimme einfach weiter zu leiten.
Die ich nun mal nicht habe.
So schiebe ich sie von hinten an den Weg heran. Stehen sich dicht und gedrängt vor dem Weg, laufe ich vor, rufe. Die beiden Hunde drücken von links und rechts.
Irgendwann dann setzt ein Mutiges seinen Fuß auf die Straße, quert.
Und der ganze Haufen folgt.
Weiter geht es.
Endlich, endlich ist es nicht mehr all zu Weit zu den Tränkbütten.
Hunde und ich lassen Herde Herde sein und gehen vor.
Die Hunde fallen jeweils in eine Bütt und auch ich trinke glücklich das Wasser aus dem Tank, lasse es mir über die Arme laufen, bade mein Gesicht.
Schmeckt es lecker?
Das ist nicht die Frage!
Erfrischt wandern wir zurück zu den weit verteilt fressenden Schafen, schieben sie sachte weiter.
Bis auch sie die Wasserbütten sehen und in wilden Galopp verfallen.
Sie sind nicht weniger glücklich über das kostbare Nass.
Ich fülle mit dem Schlauch Wasser nach, bis aller Durst gestillt ist.

Kostbares Nass

Langsam geht es nun weiter zum Pferch.
Beim Einfahren stelle ich wieder auf beiden Seiten ein Hund. Lille ziehe ich langsam bis zur Ecke des Zaunes. Brav steht er da.
Es schaut so perfekt aus, dass ich schnell meine Kamera zücke.
Alle eingepfercht, Feierabend.

Einfahren in den Nachtpferch

Und damit sind es schon nur noch drei Tage.
Die bleiben wir hier auf diesen herrlichen, bunten Wiesen.


Die Schafe fressen gut, nur mittags müssen sie wirklich lange in den Schatten.
Es wird immer nur noch heißer.
Wir sind bei 28°C.
Mich tröstet einzig und allein der Blick auf meine WetterApp. In Wiesbaden sind es nun 35°C. Wie gut, dass ich da jetzt nicht bin. Nur mein Strohhut liegt dort, während ich hier mit dem dicken schwarzen Filzhut schmachte.

Mittagspause

In Zukunft plane ich jede Wettermöglichkeit ein!
Und doch genieße ich das Hüten, die weite der Blumenwiesen, die hügelige Landschaft und die verteilt fressenden Schäfchen!
Ade, du schöner Westerwald!

Kommentare:

  1. Einfach wunderbar, dieses Spüren von Glücklichsein bei einer Arbeit, die so anstrengend und schwierig ist. Ich könnte noch stundenlang weiter lesen.

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