Samstag, 18. März 2017

Frühjahr 2017

Februar 2017 in Hessen.
Wir sind immer noch draußen.


Es ist ein perfekter Winter. Genug Futter, nicht zu viel Regen, nicht zu kalt und in den kurzen Zeiten mit starkem Frost hat Schnee das Gras vor dem Absterben geschützt.


Die Herde ist rund und zufrieden.
Doch das Hüten ist ziemlich anstrengend.
Manchmal würde ich es sogar als nervenaufreibend bezeichnen.
Winterweide.
Das sind nie die eigenen Stücke. Es sind landwirtschaftliche Flächen, ob Ackerfrucht, Mäh- oder Obstbaumwiesen. Der Bauer freut sich, wenn der Bewuchs nochmal runter kommt. Gemäht wird um diese Jahreszeit auf Grund von Nässe und Kälte nicht mehr. In kurzes Gras kann der Frost nicht einfallen und es wächst im Frühling schneller.
Für die hessener Herde gibt es hauptsächlich Obstbaumwiesen.
Leider will nicht jeder in einer Gemarkung, dass seine Flächen nachgeweidet werden. Also sind es meist kleine Parzellen und Streifen die zu hüten sind, kaum zu unterscheiden von den verbotenen daneben.
Als ich die Stücke gezeigt bekomme, habe ich Schwierigkeiten, mir zu merken, wo ich drauf darf und wo nicht.
„Da, da kannst du drauf. Da nur bis zu dem etwas kürzeren Gras. Da nicht. Da wieder. Da nur drüber ziehen, wenn sie etwas fressen macht es nichts. Auf das gar nicht, der mag uns nicht und macht gleich den riesen Tamtam, wenn er da nur einen Köddel findet. Das kannst Du ganz hüten usw. usw.“
Dazu die Problematik mit dem Nachtpferch. Viele wollen schon mal gar nicht, dass man auf ihren Stücken pfercht. Und denen, die es es erlauben, will man natürlich auf keinen Fall die Fläche „schwarz machen“. Stehen die Schafe nachts zu eng und ist der Boden noch etwas matschig, oder es regnet die Nacht, ist morgens der Pferch schwarz. Nicht nur kann jeder von weitem sehen, was einem da passiert ist, auch wächst es im Frühling später.
Dazu ist das natürlich keine gemütliche Nacht für die Schafe.
Also groß einsperren.
Und das mit all den Obstbäumen.
Mit der vielen Zeit, die so ein Schaf nachts hat, da nagt es auch mal an einem alten Baum, den es sonst höchstens mit dem Arsch angucken würde. Ja, zum schuppern eignet sich die borkige Rinde immer.
So baue ich also Nachtpferche kurvig, mit schleifen. Viel, viel Zaun für wenig Fläche.
Doch die eigentliche Herausforderung sind die Obstbäume am Tag.
Das die Stücke so klein sind, finde ich als Schleswig-Holsteiner zwar ungewohnt, aber gleichzeitig macht das auch Spaß, ist ordentlich Arbeit für die Hunde.
Das eigentlich nervenaufreibende sind die Bäume.
Ist der Stamm geschält, hat der Flächeneigentümer die Herde sicher den letzten Winter drauf gelassen.
Für mich ist es das erste Mal.
Mit der Merinoherde im Taunus hatte ich schon im Frühherbst Obstbaumstücke gehütet. Aber das ist kein Vergleich. Damals waren die Schafe, und ich, mit Obstessen beschäftigt, die Rinde hat niemanden interessiert.
Nun gibt es kein Fallobst mehr, die paar Äpfel am Boden sind in Sekunden weggefressen, da lockt der Baum.
Mancher mehr, mancher weniger.
Und ich habe keinen Ahnung von Bäumen, schnelles lernen ist angesagt.
Wahlnussbäume.
An denen darf man nicht mal vorbei ziehen. Die reizen das Schaf, wie mich ein Schokoladentörtchen aus kleiner Manufaktur.
Glatte Rinde mögen sie lieber als borkige.
Junge Bäume schmecken besser als alte.
Ist man frisch auf dem Stück, zieht Schaf erst mal das Gras vor.
Doch die Ziege niemals.
Zum Glück sind bis auf vier schon alle aufgestallt.



Ben, Böcki, Bobo, Bodo, ich wache über euch!
Sind die Bäume nicht zu Hochgewachsen bevorzugen Ziegen Wassertriebe, hängen in den Baumkronen und lassen so die Stämme in ruhe.
Da sind aber auch Klimke, der Leithammel, Balthasar, die Schöne und noch so paar Spezialisten die Rinde besonders lecker finden.
Dazu gibt es Bäume die besonders anziehend sind, denen ich aber überhaupt nicht ansehen kann, was an ihnen so anders ist.
Schön sind Stücke, auf denen frisch die Bäume beschnitten wurden und die Zweige noch nicht abgeräumt. Da kommt jeder auf seine Kosten.


Außer mir, ich habe nur die ganze Zeit die Herde, die Ziegen, die Baumliebhaber unter den Schafen und die Bäume im Auge. Immer in der Herde unterwegs, bereit zur Verteidigung der Rinde.
So viel zu gemütlicher Schäferromantik.
Aber da war doch noch was.
Ja, genau.
Eigentlich hüte ich ja mit Hunden.
Der eine dazu noch ziemlich jung.
Lillebror ist nun 14 Monate. Er hat sich zu einem fleißigen Riesen gemausert, der nie die Füße still halten kann. Er läuft unermüdlich, mit Überblick und sehr weit. 

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Doch auch, wenn er von Natur aus weit ist, ist er mir eigentlich noch zu klein für die Außenseite. Es ist eine Sache, ihn raus laufen zu lassen, eine ganz andere, ihn zu zwingen dort zu bleiben. Noch braucht er die Sicherheit, dass er jeder Zeit wieder zu mir kommen kann. Ich möchte ihn nicht in die Selbständigkeit drängen. Er hat noch zu oft Blödsinn im Kopf, als dass ich ihn ermutige, losgelöster von mir zu arbeiten.
Aber das eine was man will, das andere was man muss.
Ich muss mich in der Herde bewegen, Bäume schützen.
Das innere der Herde ist für den Junghund unantastbar, da darf er nicht rein.
Somit muss er draußen bleiben.
Auf der Außenseite.
Er ist dabei sehr unsicher, aber sein starker Lauftrieb lässt ihn schnell pendeln.

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So habe ich also Schafe, Ziegen, Bäume, jungen Hund und Hütegeschehen dauerhaft im Blick und in der Konzentration.
Ist es Winter?
Kalt ist es mir nicht.
Und dann fangen die Schafe an zu lammen.


Ja, es kommt nicht überraschend.
Immerhin war vor 150 Tagen, oder 5 Monaten, der Ritt eröffnet worden. Was heißt die Böcke kamen in die Herde.
Seit Wochen hatten wir schon immer mal ein ungeplantes Lamm, da irgendein Lammböckchen zu lange in der Herde geblieben war.
Auch, dass die Schafe jetzt gleich richtig loslegen, war absehbar. Da sind viele Mütter so kugelig, dass sie sehr langsam ihre runden Bäuche und Euter tragen.
Alles was Zwillinge bekommt oder nicht ganz sicher fit ist, kommt Heim.
So habe ich nur frischgebackene Mütter mit Einzellämmern in der Herde.
Der junge Hund darf arbeiten, arbeiten, arbeiten.
Ich habe schon mal erwähnt, das Ylva, meine Haupthündin, nicht in die nähe von Neumüttern geht. Viel zu gefährlich.
Immerhin, Lille lässt sich davon nicht beeindrucken.
Er arbeitet Mutterschafe entschlossen, ohne dabei auf das Lamm daneben auszuweichen. Dabei findet er Lämmer nicht uninteressant. Wenn sie etwas älter sind, anfangen Grenzen zu testen, zeigt er viel Talent sie vorsichtig, aber bestimmt zu behandeln.



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Die Lammzeit startet richtig durch.
Morgens fahre ich nun in aller frühe zur Herde.
So dass ich mit dem ersten Licht durch die Schafe wandern kann. Die liegen zu meist noch und lassen sich von mir nicht stören.
Ich verschaffe mir einen Überblick. Wie viele frische Lämmer? Haben alle eine Mutter? Haben alle schon getrunken? Ist überall alles in Ordnung?

Ein ungeliebter Zwilling. Ich klaue mit ihm Biestmilch bei einer Einzelmutter mit viel Milch. Zuhause bekommt er die Flasche.

Nun zeichne ich Zwillinge mit ihren Müttern zusammen. Alle drei bekommen mit dem Viehzeichenstift einen Strich an die gleiche Stelle. Dann lade ich sie ein.

Fehlt jemandem, dass ich mich hingerissen über diese kleinen Lämmer äußere?
Ja, vielleicht habe ich nach 26 Jahren Lammzeit nicht mehr dieses: Oh, wie süüüüüß!
Aber ich sehe mich nicht als abgestumpft. Mich sprechen einfach andere Dinge an.
Ein Schaf, das sein Lamm problemlos bekommt.
Der erste Kontakt zwischen Mutter und Lamm.
Das tiefe Grunzen der Mutter und das zarte zirpen des Lammes.
Dieser Moment ist so magisch!
Das zu beobachten erfüllt mich zu tiefst.










Wenn ich denke, dass es okay ist zu stören, nehme ich das Lamm an den Vorderbeinen.
Etwas, was Tierfreunde auch gerne monieren.
Wie kann ich auf so grobe Art das Lamm halten!
Hab ich denn gar kein Gefühl?
Doch.
Das ist nicht mein Baby! Hat in meinen Armen nichts verloren!
Keine fremden Gerüche und Keime an dieses Neugeborenen.
Es gehört mir nicht!
Möchte ich mein egoistisches Kuschelbedürfnis ausleben, kann ich das mit älteren Lämmern machen. Toll finden die das auch nicht, nehmen aber keinen Schaden daran.
Oder ich kuschel mit Flaschenlämmern. Die sind mutterlos und einsam, für jede Zuwendung dankbar.
Ich nehme also das Lamm an den Vorderbeinen und halte es dabei so, dass es nicht auf dem Boden schleift und das sein Bauch und Nabel der Mutter zugedreht sind.
Ein gutes Schaf läuft mir nun überallhin nach.
Weg von der Herde, über den Acker, zum Auto, egal.
Auch das berührt mich sehr.
Dieser absolute Trieb, diese Liebe zu dem eben geborenen.

Zuhause kommen Mutter und Lämmer erst einmal in eine Einzelbucht. So können sie sich in Ruhe aneinander gewöhnen und wir habe den Blick darauf. Nach ein paar Tagen, wenn alles sicher ist, bekommen die Lämmer je nach Geschlecht ins rechte oder linke Ohr eine weiße Marke mit identischer Nummer. Die wiederum bekommt die Mutter auf den Pelz gesprüht. So kann man sie auch später noch zusammen erkennen, sollte doch noch etwas sein.
Aus der Einzelbucht geht es in eine größere Gruppe mit anderen Zwillingen.
Einzellämmer bekommen eine grüne Marke und kommen im Stall auch in Gruppen zusammen. So kann man beim Füttern den Zwillingsmüttern mehr geben.

Ich mache mir schnell Frühstück und fahre aufs Neue raus, als erstes wieder die Herde kontrollieren.
Dann baue ich den neuen Nachtpferch auf. Glück habe ich, wenn der direkt neben dem Alten liegt, so kann ich Frischgelammte gleich dort rein setzen und habe sie beim Hüten nicht dabei.
Das ist jetzt eh ziemlich abenteuerlich.
Immer muss ich im Blick haben, dass alle Mütter ihre Lämmer mitführen. Dabei akzeptiere ich, dass manche ihr Kind in eigenen Tempo nachbringen. Lillebror schicke ich nicht zu ihnen, würde der sie nur stressen und zur Verteidigung ihres Lammes anregen.
Auch wenn ein Schaf lammt, lasse ich sie mit ihrem Neugeborenen stehen.
Abends kann ich sie immer noch holen.
Es ist Dorfrand und all die Spaziergänger sagen mir dauernd Bescheid, wo noch eine Mutter mit Lamm steht. Ich beruhige und erkläre.
Lobo hat ein Lämmchen!!! Sie war so ein Krepel un nun eine tolle Mutter!

Fragt sich nun jemand, wie wir überhaupt die Schafe draußen lammen lassen können?
Ist es im Stall nicht viel besser, sicherer und einfacher zu handeln.
Dazu macht man sich nicht durch Tierschützer angreifbar.
Letzteres stimmt sicher.
Aber ich widerspreche entschieden der Behauptung das Lammzeit im Stall immer besser ist.
Und damit meine ich nicht, dass noch draußen zu bleiben, weniger Arbeit macht und die Futterkosten senkt. Sicher, letzteres ja.
Aber auch für die lammenden Schafe ist es besser.
Natürlich gehört dazu, dass das Futter gut ist, die Temperaturen nicht zu tief unter 0°C fallen oder es zu nass ist, man die Weide häufig wechselt und die Herde in Überwachung hat.
Schafe die zum Lammen mehr Platz haben, sind entspannter, haben weniger Schwergeburten, stehen sicher zu ihren Kindern.
Im Stall muss ich auch nachts dauernd raus und trotzdem kommt es zu vertauschten und verlorenen Lämmern, die dann nicht mehr angenommen werden. In meiner Erfahrung deutlich häufiger, als draußen.
Auch Krankheiten streuen lange nicht so schnell. Der Infektionsdruck draußen ist wesentlich geringer. Wobei ich da nun nicht von Standweide rede.
Im Stall verbreiten sich Infekte schnell und häufig.
Natürlich, Stallhygiene ist dabei mit entscheidend.
Aber auch wenn sich an alle Protokolle gehalten wird, wie Nachgeburten entsorgen, Wasser- und Fresströge regelmäßig und gründlich reinigen, häufig Einstreuen, kalken, kein Eutersekret ins Stroh melken usw. ist der Krankheitsdruck im Stall größer.
Wir brauchen doch nur bei uns Menschen gucken. Was für unglaubliche Hygienemaßnahmen gibt es in Krankenhäusern und wie oft werden dort Menschen angesteckt?
Krankenhäuser sind kein gutes Beispiel, da da so viele Kranke aufeinander treffen?
Dann schaut doch mal in Kindergärten und Schulen.
Gerade im Winter, wo es nicht viel raus geht, jagt eine Infektwelle die nächste.
Und wie oft steht an der Eingangstür: „In der Mäusegruppe sind Läuse aufgetreten“ oder „In der Blümchengruppe gibt es Würmer“.
Warum sollte es dann in Tierställen anders sein?
Viele glauben, im Stall ist alles gut.
Doch die Wahrheit ist doch, wir sehen nicht, was in Ställen abgeht.
Bisher habe ich immer in Betrieben gearbeitet, die möglichst lange draußen geblieben sind und ich hatte nie das Gefühl, das irgendwann dadurch Tierwohl gefährdet war.
Es ist natürlich immer eine nervenaufreibende Zeit. Da jeder neue Tag anders sein kann, man immer schnell und spontan auf Futtergegebenheiten und Wetter reagieren muss.
Gibt es zum Beispiel Eisregen, und das Gras ist mit einer dicken Eisschicht überzogen, muss sofort gefüttert werden.
Zu viel Regen und aufgeweichte, matschige Weiden, dazu noch kalter Wind. Schnell in den Stall.
Der Nachtpferch muss nicht nur in der Größe passen, sondern auch richtig liegen. Wird es stürmisch braucht es Schutz im Windschatten.
Schnee, nicht zu hoch, schützt das Gras vor Frost und die Schafe scharren sich gerne ihr Futter frei. Regnet es auf den Schnee und friert dann wieder, kommt kein Schaf mehr ans Gras.
So bringt der Winter viel Spannung und muss gemanagt werden.
Etwas was sich nicht mit Tierschutzgesetzen regeln lässt und auch nicht von Amtstierärzten, die von Schafhaltung leider meist zu wenig Ahnung haben.
Den Schäfern ihr Wissen und Können abzuerkennen und sich mit „alle Tiere im Winter in den Stall“ zu behelfen, ist nicht im Sinne der Schafe!

Zurück zu der draußen lammenden Herde.
Wir sind bei über 20 neuen Lämmern am Tag.
Das Hüten wird nicht mehr möglich, habe ich doch nun so viele Schafe die Junge führen, dass sie einfach stehen bleiben, in ihrem großen Verbund keinen Trieb mehr haben, sich der Herde anzuschließen. Ich laufe von vorne nach hinten, schiebe Schafe nach.
Leider hatte die Handycamera nicht gedreht und für mehr war der Moment zu hektisch

Aber da waren doch auch noch die Obstbäume auf die geachtet werden muss.
So geht’s nicht weiter.
Es ist auch abzusehen, dass sie in dem Tempo weiter lammen werden.
Aber wie schon gesagt, spontanes Neuplanen ist Alltag in einer Schäferei.
Es gibt drei Möglichkeiten.
A - alle Schafe die gelammt haben werden Heim gefahren
B - wir bauen draußen einen Trichter auf, lassen die Schafe durch laufen, kontrollieren die Euter und fahren alle Hochtragenden Heim
C – wir stallen auf
A bedeutet nicht nur einen riesen Aufwand, sondern auch Stress für Mütter und Lämmer bei diesen Ablammzahlen.
Das gleiche gilt für B.
Da das Futter draußen bei besten Witterungsbedingungen nur noch ein bis zwei Wochen reichen würde und wir dann bis zum Frühjahr eh aufstallen, entscheiden wir uns für C.
Drei Etappen sind es bis nach Hause.
Es sind keine langen Märsche, die Herde soll es gemütlich haben.
Ich gehe vorne, habe den entspannten Spaziergang.

Die hinten haben den Stress. Alle nicht laufenden Lämmer werden ins Auto verladen. Das bringt natürlich die Mütter in Rage. Sie suchen ihre Lämmer und der Hund hinten muss hart arbeiten, sie der Herde nachzuscheuchen.
Auf der Etappenwiese angekommen, werden die Lämmer ausgeladen. Schnell sortiert es sich und Friede kehrt ein.
Die Sonne kommt raus und es schmeckt fast nach Frühling.
Die Schafe fressen entspannt, die Mütter nahe bei ihren Lämmern, durch rufen immer wieder Kontakt haltend.
Ich genieße diesen letzten Hütetag in vollen Zügen.

Sonntag, 19. Februar 2017

Danewerk


Schon zwei Jahre ist es her, dass ich das letzte mal am Danewerk, dem Wikingerwall, gehütet habe.
Die Schnuckenherde meines Ursprungsbetriebes weidet dort immer im Januar und Februar.
So auch dieses Weihnachten 2016. Für die drei Feiertage gilt Hütepause und die Herde wird in großen Netzen neben dem Wall auf Bauernwiesen gestellt.

Frohe Weihnachten!
Und auch wie jedes Jahr komme ich auf meinem Feiertagsbesuch mit raus, die Schafe umstellen auf frisches Grün.
Ein wiedersehen mit den zappeligen Schnucken und dem altehrwürdigen Wall, der in dem flachen Schleswig-Holstein einfach Eindruck macht.
So schreibe ich diesen Januar einen Bericht über das Danewerk:

Die Schnuckenherde die ich hüte macht Naturschutzarbeit.
Magerrasen auf dem Danewerk.
Diese werden einmal im April direkt nach dem Stallaustrieb und dann nochmal im Winter beweidet.
Das Danewerk ist ein alter Wall der von den Wikingern um 700 n.C. erbaut wurde und sich quer durch das heutige Schleswig-Holstein zieht. Er diente als Verteidigungsanlage, Schiffe wurden darüber von Nord- zu Ostsee transportiert oder das Vorland gegen Feinde geflutet. Über die Jahrhunderte ist er ausgebaut und erweitert worden, um dann in friedlicheren Zeiten eingerissen zu werden.
Heute sind nur noch Teilstücke erhalten. Diese stehen unter Natur- und Denkmalschutz. Eine Nominierung zum UNESCO Weltkulturerbe ist angestrebt.

Frühjahr 2014, vor der Waldemarsmauer, Baubeginn 1163

So tragen die Schafe mit ihrer schonenden Beweidung zur Denkmalpflege und Geschichtserhaltung bei.
Das Hüten ist nicht einfach, der Wall schmal, an manchen Stellen kaum breiter als zehn Meter. Das Futter ist karg, links und rechts fette Wiesen.
Wo die Schafe wohl lieber fressen würden?

Ylva wehrt zum "guten" Futter

So müssen die Hunde beständig hart wehren. Wall rauf, Wall runter.
Und ich stehe oben.
Nur da kann ich beide Seiten im Blick haben.
Immer im Wind, bei Regen, Hagel oder Schnee.


Junge Hunde lassen sich hier hervorragen trainieren. Die Herde steht immer eng, macht immer druck, an den Wallseiten klare Grenzen. So mancher Junghund hat sich am Wall seine Flausen abgearbeitet.

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Drei Hunde, Murla, Marlis und Ylva

Hier habe ich, selbst noch Auszubildende, meinen ersten Hund gerichtet.
22 Jahre ist das nun her.

1995 mit meiner Gipsy und Racker


Eine Begebenheit von Januar 2015:
Ich stelle mittags die Schafe.
Es ist ein windiger Tag. Um uns in dieser dreiviertel Stunde etwas Schutz zu geben, stehen wir zwischen dem Wikingerwall und einem kleinen Buckel.
Die Schafe haben Mittagspause und käuen wieder. Ich trinke einen Tee, schleife meine Messer und schneide dann Klauen. Dazu stehe ich in der Herde und schaue mich nach Hinkern um. Oft genug stellen diese sich schon an, warten, den wehen Fuß leicht angehoben, darauf, dass sie an der Reihe sind. So greife ich sie mir, kaum habe ich das Schaf zwischen meinen Beinen fertig behandelt.
Wenn sie denn auch mal beim Schneiden still halten würden!
Anstehen ist kein Garant dafür, das Füßebehandeln ruhig über sich ergehen zu lassen. Oft sind es sogar die Leitschafe, die Tiere die immer bei mir stehen, die sich am heftigsten gegen solch empörendes Verhalten meinerseits wehren.
Während dem Schneiden habe ich meine Hunde immer im Blick. Einer ist angebunden, hat Pause.

Stellpause. Ich schneide Klauen. Die Herde verschiebt sich. Murla bleibt ruhig, sie hat Pause.
 Der andere stellt mir die Herde. Dicht sollen die Tiere stehen, so dass ich an jedes ran komme. Aber stapeln soll er sie nicht. So schon muss ich die zutraulichen Schafe immer etwas wegschieben, da sie sich an mich kuscheln, an mir herumnutzeln und sich gegenseitig aus meiner Nähe drängeln. „He, macht mir Platz, ich kann nichts sehen, Lumpenpack!“
Als ich so mit Schafsklaue und Hund im Augenwinkel beschäftigt bin, kommt ein Schaf an mir vorbei gerannt. Total eingewickelt in Stacheldraht, zwei rotte Zaunpfosten schleift es noch nach. Scheiße!
Ich lass mein Schaf sausen und greife mir die Alte.
So ein Kack!
Wo hat sie das den her?
Naja, eigentlich habe ich ja Glück. Es hätten in diesem Stacheldrahtchaos auch mehrere Tiere hängen können.
„Na, komm, halt still Mäuschen, ich muss Dich da irgendwie raustüddeln.“
Beruhigend vor mich hinmurmelnd zerre ich Fell aus Draht.
Das Schaf steht ganz still, lässt mich machen. Auch die Herde schiebt sich wieder kontaktsuchend heran.
Haut ab! Nicht dass ihr auch noch hineingeratet!
Während ich so am machen bin, kommt eine Spaziergängerin mit Hund vorbei. Sie schaut zu: „Brauchen Sie Hilfe?“
„Danke, was ich bräuchte sind feste Handschuhe.“
Die erste blutige Schramme hab ich bereits.
Die Frau guckt noch einen Moment, dann bindet sie ihren Hund weg und kommt zum Helfen.
Danke!
Die Herde wird nervös, die Alte zappelig, aber als die Fremde sich friedlich zeigt, beruhigen sich alle schnell. Zusammen pulen wir das Schaf aus dem Draht und ziehen den Stacheldrahthaufen weg auf den Acker.
Vielen, vielen Dank!
Nun stehen wir noch eine weile gemeinsam vor der friedlich käuenden Herde. Die steht entspannt, schiebt sich wieder kontaktsuchend an uns heran. Die Frau ist erstaunt und fasziniert.
So zutrauliche Tiere!
Und dann die Standartfrage: „Die werden doch aber nicht gegessen? Diese süßen Tiere soll man essen?“
Dazu meine Standartantwort: „Was denn sonst? Wie kann ich überhaupt anderes Fleisch essen? Sieh, wie gut es ihnen geht.“
Schweigen.
Dann ist die Stellzeit um.
Der Hund der Spaziergängerin ist hocherfreut, weg zu kommen.
Ich werde später nochmal zu der Stelle fahren und den Stacheldraht aufladen, damit der Landwirt ihn nicht in seinen Maschinen hat.
Jetzt ziehe ich erstmal weiter mit der Herde.
Auf Wegen, älter als alt.

Ich liebe das Danewerk.
Bei jedem Wetter.
Da zu stehen, oben auf dem Wall, den Gezeiten ausgeliefert, sie zu spüren, mit ihnen zu leben.
Für viele wird es nur wie ein kleiner Hügel sein, nichts mit hoch, kein Vergleich zu Bergen.
Und doch.
Es ist der höchste Punkt in dieser absolut flachen, platten Landschaft.
Ich bin der höchste Punkt.
Mein Blick geht unendlich und weit.
Genau wie der Himmel über mir.
Ich fühle mich so frei, so offen und doch gleichzeitig so verwurzelt.
Die Vergangenheit, auch die ist zu spüren.
Hier sind schon die Wikinger gelaufen.
Und nun ich mit den Schafen.
Das ist Geschichte!


Ein Link zu Wikipedia für alle die mehr über das Danewert wissen wollen:
 

Sonntag, 29. Januar 2017

Marlis


21.12.2007 – 04.02.2016

 August 2010

Nun ist es schon ein Jahr her.
In Gedenken veröffentliche ich Marlis Bericht heute in meinem neugegründeten Blog.

Es ist ein regnerischer, kalter Tag in Wiesbaden.
Mein Kollege und ich sind unterwegs, Besorgungen machen. Gerade stehen wir auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt, etwas Öl für das Auto besorgen.
Der Welpe, nun den zweiten Tag bei mir, bleibt derweil alleine im Auto.
Alles ist fremd für ihn, wir, Auto fahren, alleine bleiben.
Als wir zurück kommen, ist aber nicht das erwartete Jammern zu hören. Nein, er ist auf den Sitz geklettert und schläft dort.
Beeindruckend.
Während mein Kollege Öl nachfüllt, sitze ich im Wagen. Da klingelt mein Handy.
Meine Taunuskollegin: „Hay.“ sage ich vergnügt.
„Was machst Du?“
Fröhlich berichte ich, was gerade so geht.
Am anderen Ende ist schweigen.
Etwas irritiert hake ich nach.
„Marlis ist tot.“
Die Worte klingen an mir vorbei, als hätten sie keine Bedeutung.
Mein Hirn sagt, sie hat nicht gefragt: Was machst du?
Sie hat gesagt: Marlis ist tot.
Meine Güte habe ich mich verhört.

Marlis ist tot.

Es bedeutet mir gar nichts, berührt mich nicht.

Dann fällt mir auf, dass aus dem Handy gefragt wird, ob ich noch da bin.
„Ja, ja, was? Wie?“

Marlis hatte wieder eine Lungenentzündung.
Das wusste ich schon, sie hatte so schlecht Luft bekommen, dass sie in der Tierklinik waren. Tropf, Antibiotikawechsel und sie durfte mit Heim.
Nun war es plötzlich wieder schlimmer geworden, schnell zur Tierklinik.
Sie kam nicht mehr lebend an.

Da sitze ich im Auto, das Handy in der Hand und weiß nichts mehr.
Ich spüre...
Was spüre ich?
Nichts.
Oder doch? Oder...
Soll ich jetzt.
Muss ich irgendetwas sagen?
Mein Mund stammelt unsinnige Geräusche.
Glaube ich.
„Ich. Ich kann jetzt nichts sagen. Ich. Ich weiß nicht. Lass uns. Ich. Wir telefonieren später.“ Meine Stimme bricht und ich merke wie da Schluchzen ist, mein Schluchzen.
Ich lege auf und registriere, dass mein Kollege zugestiegen ist.
Was denkt der jetzt?
Hoffentlich nicht, dass irgendwas entsetzliches passiert ist. Es ist ja nur ein Hund.
Nur ein Hund.
Nur Marlis.
„Marlis ist tot.“
Ich kann ihn nicht angucken.
Spüre Verständnis.
„Kannst Du für mich fahren?“
„Natürlich.“
Wir tauschen Plätze.
Ich verstecke mein Gesicht unter dem Hut, spüre den Schmerz in Wellen, er rollt über mich, wie die Tränen.
Marlis ist tot.
Einfach so.

Tot.

Dieser Hund, der nie meiner war.

Etwas was Marlis völlig anders gesehen hat.

Der Schmerz liegt auf mir, wie ein Fels.

Zusammen mit Schuld.
Ich fühle mich so schuldig.
Daran, dass ich ihr nie das gegeben habe, was sie wollte.
Marlis Wunsch, für einen der eine Hund zu sein.
Ihr größter Wunsch, er hatte sich nun erfüllen sollen.
Zwei Woche war sie für jemanden DER Hund.
Und dann.
Tot.

Es will nicht in mein Hirn.
Sie kann nicht tot sein.
Nicht Marlis.

 
Geboren ist sie Dezember 2007.
Mit einem Jahr zog sie in meinen Ursprungsbetrieb.
Zu dem Zeitpunkt war ich dort nur sporadisch zu Besuch, trotzdem fiel sie mir gleich ins Auge. Natürlich, stammte sie doch aus der Zucht meines ersten Hundes, hatte das gleiche kurze Fell, die gleiche hellbraun dunkelbraun Tigerung. Ansonsten war sie auch sehr anders, kleine Schlappohren, gedrungen und sehr schüchtern.
Sie brauchte lange um den Umzug in das neue Lebensumfeld zu verdauen und auch der Start an den Schafen war nicht einfach. Für so einen Hund braucht es Samthandschuhe und viel Geduld.
Doch selbst das reicht nicht.
Man muss auch die passenden Hunde mitnehmen, wenn die eigentlich arbeitenden Hüter zu viel Druck benötigen, kann sich so ein Herzchen nie frei entfalten.
Mit viel Geschick kam dann auch Marlis ans Hüten.
Sie wurde eine fleißige Läuferin, die unermüdlich die Mannseite ging, ohne zu nerven und doch mit Druck.

Mannseite ist die Seite der Herde auf der der Schäfer steht

Die Außenseite hingegen verabscheute sie und auch am Weg lief sie nur die ersten Meter.
Da sie leichtführig war, keinen Schaden machte und doch ein Seelchen ging sie sehr früh mit den Auszubildenden mit.
Etwas was einem jungen Hund nicht unbedingt gut tut, zu viel Freiheit, zu viele Möglichkeiten für eigene Ideen.
In 2010 kam sie dann mit mir zum Hüten. Sie war zweieinhalb und ich frisch aus der Kleinkinderpause. Wir schlossen uns schnell sehr eng zusammen.
Wir harmonierten einfach.

Truppenübungspaltz, September 2013

Marlis ruhige Art an meiner Seite zu arbeiten, ohne die Hektik und das Gejiffel manch anderer lag mir sehr. Auch ihre Wesen sich an einen zu binden berührte mich, verband uns.

Tetenhusener Moor, Außenseite ist die, dem Schäfer gegenüberliegende, Seite der Herde

Ja, sie war nicht die Druckstärkste, sie packte lieber die Lämmer und guckte auch etwas zu doll nach ihnen. Die Außenseite musste man immer erzwingen und am Weg lief sie einfach nicht durch.
Aber welcher Hund ist schon perfekt?
Sie hatte einen Blick für die Einzelnen, fand Steckenbleiber in Dornen oder Gräben, bei „Do Grad“ packte sie auf den Punkt und auch wenn sie faul wirkte, war ihr Fleiß auf der Mannseite unermüdlich.

Jardelunder Moor, August 2010

Ich liebte sie und wollte sie haben.
Diese Bitte bekam grünes Licht.
Für irgendwann.
Wenn sie im Betrieb nicht mehr gebraucht wurde.

Oktober 2014

Die Jahre vergingen.
Ich arbeitete in einem anderen Betrieb, Marlis wurde älter und eigener.
Die freie Hütegestaltung mit Lehrlingen brachte sie auf ganz eigene Vorstellungen, wie Kaninchen jagen, oder wenn man ein Schaf fing, beherzt von hinten anzupacken. Auch legte sie sich ein dickes Fell zu, sie von ihren Ideen abzubringen brauchte Druck und Wut. Eine ihrer großen Leidenschaften war Fressen, schon Stunden vor Fütterungszeit begann ihr Erinnerungskonzert, nur dafür, dass sie ihr Mahl in zwei Sekunden verschlungen hatte, um dann die anderen neidvoll zu beäugen.

Im Herbst 2013 trafen wir wieder aufeinander. Und immer noch hütete ich sehr gerne mit ihr. Auch, wenn sie mich nun oft ärgerte, gerade ihre Sturheit. Doch war sie die entspannte Ergänzung zu meiner gerade erst beginnenden Ylva. Immer die Ruhe, beim Einfahren sauber stehen, beim Stellen selbständig die Herde zusammen haltend. Da konnte ich Klauen schneiden, wusste ich doch Marlis hatte die Herde im Griff.

Oktober 2013, Marlis und Oma Melle

 So manches Mal verschätze ich mich auch, hatte nur Marlis und Ylva mit, und das nützte dann die Herde aus. Kein Hund der hinten ankommt, keiner der sich traut, die Ziegen in die Mangel zu nehmen. Tja, dann musste am nächsten Tag eben wieder eine der Granaten mit. 

September 2013

Nun ergab sich die Möglichkeit, dass ich Marlis als meinen Hund übernehmen könnte.
Für einen Probelauf durfte sie mit mir nach Hause.
Sechs Jahre alt und das erste Mal Zug fahren, das erste Mal im Haus. Ist sie überhaupt stubenrein?
Das alles meisterte sie mit Bravur.
Auch, dass die Katzen nicht gefressen werden dürfen, sah sie recht schnell ein. Die Katzen hingegen waren ziemlich beleidigt, rächten sich mit Kacken in die Betten.
Die Woche verging und Marlis war so glücklich.
Das war es was sie wollte, im Haus leben, mein Hund sein.
Damit wuchs auch ihr Selbstbewusstsein, das Haus und ich waren ihr Reich. Ihr Futterplatz, die Küche, durfte von den Katzen nicht mehr betreten werden. Es nervte Marlis schon, wenn sie an der Küchentür vorbei liefen. Und dann musste ich diesen Blick von ihr auch sehen, wenn die Kinder die Küche betraten.
Ach, Marlis.
Wieder auf der Arbeit, gab es übel Streit mit den anderen Hündinnen. Zuerst dachten wir, es lag an der Woche Abwesenheit, dass die Hunde das Marlis nachtrugen.
Aber nein.
Es war Marlis.
Sie fand, sie gehöre zu Anna und alle anderen gehörten nun unter sie.
Schweren Herzens entschied ich mich dagegen.
Es war zu spät, Marlis würde nie mein Hund werden.

Als im Herbst 2014 nicht genug Arbeit für Marlis im Betrieb war, wurde ein neues Umfeld für sie gesucht. Sie zog in eine Schäferei in Hessen.
Weg war sie, zurück blieb ich mit Ylva und den Betiebsgranaten.

Taunus 2015, an der Straße hält Marlis die weiße Linie

Nie hätte ich gedacht, dass das Schicksal uns nochmal wieder zusammen führt.
Aber doch, im Sommer 2015 fing ich in genau dem Betrieb im Taunus an zu arbeiten.
Marlis und ich hüteten wieder zusammen.


Was für eine Freude.
Ja, auch manchmal Ärgernis.
Aber lassen wir den älteren Hündinnen ihre Eigenheiten.
In dem Taunusbetrieb werden sehr läufige Hunde gemocht. So war Marlis doch wieder fehl am Platz, besonders auch durch ihre, mit der Weile, rücksichtslose Sturheit.
Nur hier geht kein Hund, nur weil er nicht passt, nicht, wenn man nicht was wirklich gutes für ihn gefunden hat.
Auch war Marlis mit ihrem neuen Leben nicht unzufrieden. Hüten war schon lange nicht mehr das wichtigste für sie. Im Hof, oben auf der Treppe vor der Haustür liegen, das Weltgeschehen im Blick, das genoss Marlis.

Marlis und Bud im Hof

Und ab und an kam ich ja auch und wir gingen hüten.
Der Sommer verging, es wurde September, meine Taunuszeit neigte sich dem Ende. In den letzten Hütetagen ärgerte Marlis mich so sehr, dass mir der Abschied von ihr fast leicht fiel.
Ja, die Ziege hatte es verdient, war sie doch schon den ganzen Tag auf verbotenen Abwegen. Aber das ist keine Entschuldigung sich nicht abrufen zu lassen!
Ich gebe zu, ich war so angepisst, dass ich sie die finalen drei Tage im Hof ließ.

Ich zog weiter und auch für Marlis gab es ein neues Abenteuer.
Ein befreundeter Auszubildender hatte Zwischenprüfung in Triesdorf. Und keinen Hund dafür.
So wechselte Marlis für zwei Wochen den Betrieb.
Mit der ihr eigenen Begeisterung schloss sie sich dem Azubi an und bemühte sich redlich ihm alles recht zu machen.
Marlis auf dem Lehrlingshüten in Triesdorf!
Selbst ihr Züchter war unter den Zuschauern.
Und für ihre Verhältnisse machte sie es sehr gut.
Waren wir alle Stolz auf sie!

Ende November bekam ich den Anruf, Marlis ist tragend und die Welpen können jeden Tag kommen.
Wie? Was? Wann?
Rechne, rechne.
Es muss in den zwei Septemberwochen passiert sein, als ich da war.
Ja, die anderen Hündinnen waren alle heiß.
Aber Marlis doch nicht.
Ganz ehrlich, ich würde Stein und Bein drauf Schwören, dass mir so was nicht entgehen kann.
Tja, Marlis bewies das Gegenteil.
Und der Vater?
Da die Rüden alle so im leidenden Herzschmerz steckten, waren sie an den Stall verbannt worden.
Es gab ja ruhebedürftige Nachbarn.
Bis auf einen.
Bud.
Ylvas Bruder.

Marlis, meine Ylva und Bruder Bud, ein heißer Augusttag 2015

Super.
Was für eine Kombi.
Beide Hunde Seelchen.
Bud dazu am Weg laut, überfleißiger Läufer und Keulengriff.
Definitiv keine Welpen für mich.
Zum Glück bin ich ja absolut Welpenresistent.

Und dann die Ängste um Marlis.
Fast acht Jahre, bis dato jungfräulich.
Ja, da kann man sich Sorgen machen.

Am 25. November bekam sie den ersten Welpen auf natürlichem Weg.
Die restlichen vier mussten per Kaiserschnitt geholt werden.
Das ganze strengte Marlis so an, dass sie eine Lungenentzündung bekam, die sich aber gut behandeln ließ.

November 2015, doch noch Mama

Als die Welpen zweieinhalb Wochen waren, war ich zu Besuch.
Marlis war total happy mich zu sehen, folgte mir auf Schritt und Tritt durch die Wohnung, erzählte mir von ihren Mutterfreuden.
Und ich erfuhr, dass sich jemand gefunden hatte, der Marlis als Liebhabhund wollte.
Einfach nur sie.
Ohne Schafe, im Haus, mit zu den Pferden. Endlich ein Herzensmensch für diesen Hund.

Anfang Januar war ich dann einen Tag zum Arbeiten im Taunus.
Die Welpen waren nun sechs Wochen, ein buntes Gewusel im Stall.
Einer unterschied sich deutlich von seinen Geschwistern. Während diese tobten und rauften, besah er sich in ruhe die Welt. Optisch war er das Ebenbild seiner Mutter.

Lillebror, 3 Wochen

Doch dies ist nicht seine Geschichte.
Marlis heftete sich bei meiner Ankunft sofort an meine Fersen, stand im Stall vor den Hurden und wartete darauf, dass ich mit Füttern fertig war. Sie überzeugte mich davon, dass sie unbedingt mit zum Hüten musste.
Überredet.
Dann, bei der Herde, war sie beim ersten Schicken ganz schön am Schnaufen.
Also Marlis, wir lassen das. Ich schicke Ylva und Du machst, was Du denkst.
Sie pendelte sich in ihrem typischen, schwankenden, gemütlichen Trab auf der Mannseite ein, kein pusten mehr.
In den Momenten, wo keine Arbeit war kuschelte sie mit mir.
Wir hatten einen unglaublich harmonischen Hütetag.
Wir waren so aufeinander abgestimmt, dass mir schon wieder Zweifel kamen.
Gehörte sie vielleicht doch zu mir?
Was wollte ich mit einem nervigen Welpen?
Hier war das Original. 

Januar 2016

Aber die Würfel waren gefallen.
Marlis hatte jemand, der kaum erwarten konnte, dass die Welpen weg waren.
So sollte es sein.
Dachte ich.

Vier Wochen später hatte Marlis wieder Lungenentzündung.

Tod.

Hilft es das Gesicht im Fell ihres Sohnes zu vergraben?


Keine Antworten.

Ich habe für all das keine Antworten.

Danewerk, April 2014


Ein Jahr.
Ein Jahr lebt sie nun schon nicht mehr.
Lese ich dies, kommen mir wieder die Tränen.
Doch nun gehört sie zu meiner Lebensgeschichte.
Marlis ist mir immer wieder präsent, in Bildern, ich habe so viele Bilder von ihr.
In ihrem Sohn. So manches mal kann ich seine Mutter in ihm sehen.
Und in Personen. Sie hat bei vielen einen Pfotenabdruck hinterlassen.
Nicht nur in meinem Herzen.