Freitag, 29. Juni 2018

Hüten im Mai 2018 und Buchempfehlung

 
Mai.
Mein absoluter Lieblingsmonat.
Endlich wächst es, sprießt, explodiert.
Alles erstrahlt in frischem neuen Grün, in allen Schattierungen und Abstufungen.
Nur unterbrochen von Blüten, winzig klein, kaum sichtbar, bis groß, Blicke auf sich ziehend.

 
So bunt, so schön.
Der blaue Himmel darüber, besetzt mit kleinen Schäfchenwolken.
Darunter die weit verteilt grasende Herde, wollige Tupfen auf dem Grün.


Und ich stehe, kann mich nicht satt sehen!
Noch brennt auch die Sonne nicht gnadenlos, noch ist nichts überständig, am vertrocknen.
Auch wenn die Temperaturen darauf hin deuten, dass das nicht mehr lange dauert. Darüber bleibe ich entspannt, die Vergangenheit hat doch immer wieder gezeigt, dass auch das Jahr den Mai als Lieblingsmonat auserkoren und den Sommer hierher verschoben hat.
Das Hüten um diese Jahreszeit ist abwechslungsreich und spannend. Die kleinen, übermütigen Lämmer haben noch viel Quatsch im Kopf. Und auch die Mütter, froh draußen zu sein, froh ihre Wolle los zu sein, froh über all das frische Grün, können nicht genug bekommen. Begeistert wollen sie überall mal einen Happen nehmen, möglichst einen ganz besonders frischen. Dafür laufen, rennen, drücken sie und die Hunde haben ordentlich zu tun. 







Vorbei die Zeit der Langeweile für meine beiden Altdeutschen Hütehunde Lille und Ylva, den ganzen Tag laufen, lange Zungen. Abends steigen sie schwerfällig aus dem Auto, müde von der Tagesarbeit. Nur um morgens wieder begeistert los zu stürzen.







Genau wie ich auch.
Ja.
So fühlt sich Schäferglück an!


Außer Mai, Mai, Mai, gibt es nicht wirklich etwas zu erzählen.
Und dann gibt es beim Hüten diese entspannten Momente, die Schafe stehen ruhig, die Hunde tun ihre Arbeit und ich habe Zeit zu lesen.


Hier mal wieder eine Buchempfehlung.

Schweinebande!
Der Fleischreport
Ein Metzgermeister über die Praktiken seiner Zunft
von Franz Josef Voll
Erschienen im LUDWIG Verlag
ISBN: 978-3-453-28087-8
für 16,99 Euro

Ein Buch, bei dem ich denke, es sollte jeder gelesen haben.
Eine Berufskollegin und Freundin hat es mir geschenkt und ich gebe zu, zuerst hatte ich keine Lust hinein zu schauen. Einerseits weil ich nicht wirklich der Sachbuchleser bin und andererseits weil ich dachte, doch das meiste über Fleischproduktion zu wissen.
Ha, ha.
Lag ich bei letzterem falsch!
Als ich dann doch hinein blätterte, immerhin war es ja ein Geschenk, zog es mich sofort in seinen Bann.
Franz Josef Voll schreibt eingängig, leicht zu lesen und unglaublich spannend. Das Buch liest sich wie ein Krimi, man möchte wissen, wie es weiter geht.
Der Autor erzählt seine Lebensgeschichte. Nach der Schule hat er 1969 das Metzgerhandwerk, in einem von damals 400 Betrieben in Essen, von der Picke an gelernt.
Mit der Industrialisierung der Wurst starben die meisten der Metzgereien und Voll wechselte zu einer Kaufhauskette in die Fleischerfachabteilung.
Danach kam eine kurze Zeit in einem industriellen Schlachthof, wo am Tag um die 3000 Schweine geschlachtet wurden. Fließbandtod im Akkord. Jeder war nur für genau einen oder zwei Schnitte zuständig, stumpfsinnig, nur betrunken zu ertragen. Schweine die nicht richtig betäubt am Haken im Tunnel, in dem ihnen bei 80 Grad die Haut abgebrüht wird, wieder zu sich kommen, schreiend.
Lange ertrug Voll das nicht, machte seinen Meister und arbeitete in einem mittelständigen Betrieb der Fleischprodukte für Läden herstellte.
Von dort wechselt er in die Lebensmittelkontrolle. Er der alle Tricks Fleischproduktion kennt.
Und hier muss er erleben, was die in Deutschland so hoch gelobte Lebensmittelkontrolle bedeutet.
Staatliche Lebensmittelkontrolle deren Befugnisse an der Gemeindegrenze endet, die international agierende Konzerne kontrollieren sollen.
Ha, ha.
Voll gibt nicht auf, wendet sich an die Medien, versucht die Öffentlichkeit über Realitäten zu informieren, schreibt dieses Buch.
Ein Buch das mich fast sprachlos zurück lässt.
Und wer glaubt, es beträfe ihn nicht, er sei ja Vegetarier, der irrt.
Denn auch zur Herstellung von vegetarischen und veganen Erzeugnissen hat Voll etwas zu sagen, von Zusatzstoffen, Farbstoffen, Stabilisatoren und zur Not auch Hühnerfleisch, das nicht deklariert werden muss.
Dann das Seperatorenfleisch, wieso Knochen und Reste überhaupt Fleisch im Wort haben? Seperatorenfleisch darf nirgends drin sein, und doch steht in vielen Fleischverarbeitungsanlage ein Kutter, der genau dies verarbeitet. Seperatorenfleisch, was sich nicht einmal im Labor in der Wurst nachweisen lässt.
Voll nennt als Kriterien der Industrie für die Verwendung von Zusatzstoffen:
  • billig
  • billig
  • lässt sich im Labor schlecht oder überhaupt nicht nachweisen
  • kann noch mehr Wasser am Fleischeiweiß binden

Das Lesen dieses Buches beraubt einem aller Illusionen.
Auch derer, dass wir Verbraucher doch Schuld an dieser Misere wären.
Ja, der Verbraucher kauft billig, aber das was gekauft wird, ist so billig in der Produktion, dass er immer noch beraubt wird. Ohne es zu wissen.
Kleine und mittelständige Handwerksbetriebe, alle tot.
Hygieneauflagen sind so ausgelegt, dass sie den kleinen das Genick brechen, irgendwo muss der machtlose Kontrolleur doch ansetzen.
Politik und Industrie gehen Hand in Hand.
Und wer glaubt, dass das nur die Fleischverarbeitung betrifft, der hat nicht zwischen den Zeilen gelesen.
Voll beschreibt die Dinge, von denen er Ahnung hat, sehr genau.
Und doch ahnt man, dass es überall wo es um Gewinnmaximierung geht, die gleiche Geschichte ist.
Denn: „Technisch haben wir heute einen Punkt erreicht, an dem alles machbar ist, und moralisch haben wir einen Punkt erreicht, an dem alles, was machbar ist, gemacht wird.“

Was hat das alles mit einer Geschichten schreibenden Schäferin zu tun?
Auch ich bin Verbraucher.
Auch ich bin Bürgerin.
Und in den meisten Schäferein, in denen ich arbeite, wird der Großteil der Lämmer und Altschafe an den Handel verkauft. Zu Preisen, die den Betrieb schon lange nicht mehr tragen. Der normale Schäfereibetrieb kann sich die Selbstvermarktung nicht leisten, zu hoch sind alle Hygieneauflagen. Und auch den kleinen Schlachter neben an gibt es nicht mehr, auch er ist an diesen Auflagen gescheitert. Und dies nicht, weil irgendjemand damit einen Verbraucher schützen wollte. Nein, dies nur um alle Macht der Industrie zu überlassen.
Oh, es ist traurig.
Es macht wütend.

Und antworten hab ich keine.
Außer vielleicht, dass ich immer mehr versuche darauf zu achten, dass ich regional einkaufe, weiß, wie die Dinge produziert werden.
Ohne dabei jemand mit Fanatismus zu nerven.
Der Verbraucher ist Unschuldig, zu viele mächtige Kräfte hat er gegen sich.
So möchte ich mich aber auch nicht mehr für seltsam halten, wenn ich die Tiere in meiner Gefriertruhe persönlich kenne. Der einjährige Ziegenhammel, der den ganzen Winter wild durch den Stall gehupst ist, über alle Absperrungen hinweg, sich im Lämmerschlupf fett gefressen hat, Schafe schikanierte. Bis er oben im Gitter hängen blieb und sich das Bein so ungünstig brach, dass ich nun leckeren Braten habe.
Oder das alte Saffolkschaf, das Lungenkrank war. Ihr Hackfleisch zieht doch viel Wasser und ich habe die Vermutung, dass sie wohl eher Herzkrank war, was zu Wassereinlagerungen nicht nur in der Lunge führt. Aber als Spagettisoße essen sie sogar die Kids. Lecker!
Guten Appetit!

Schweinebande!
Der Fleischreport
Ein Metzgermeister über die Praktiken seiner Zunft
von Franz Josef Voll
Erschienen im LUDWIG Verlag
ISBN: 978-3-453-28087-8
für 16,99 Euro in der Buchhandlung um Deine Ecke

Und wer wirklich nicht lesen mag, der kann Franz Josef Voll auch einfach mal bei einem Videoportal eingeben und sich ein paar Beiträge zu dem Thema ansehen.
Hiermit versichere ich das ich Herr Voll nicht persönlich kenne, mich nur auf sein Buch beziehe und auch keinerlei Vorteile durch diese Empfehlung habe. Ich hoffe auch keine Nachteile. ;)





 

Dienstag, 29. Mai 2018

Stallaustrieb im April 2018


Geschafft!
Wir haben es überstanden!
Stallzeit, ich mag sie nicht!
Wie ich das Frühjahr herbei sehne!
Sonne!
Wärme!
Grünes Gras.
Nicht dieses tote Zeug, was ich den Schafen jeden Tag auftischen muss.
Nein, es ist kein schlechtes Heu und auch die Silage ist gut. Die Schafe fressen gerne.
Aber eben, es ist keine grüne Wiese.
Und es wird auch echt Zeit, die Lammzeit ist schon seit vier Wochen rum. Die weibliche Nachzucht, die ohne Lämmer, die Mütter der nun abgesetzten Dezemberlämmer, alle haben wir raus auf die Koppel gefahren.
Alle Klauen sind durchgeschnitten und auch die Wolle ist runter.


Anfang April scheren und dann raus aus dem Stall. Für Schleswig-Holstein unvorstellbar, hier im Rhein-Main Gebiet kein Problem. Bin ich aus dem Norden bei Schneefall zum Arbeitseinsatz gefahren, in Hessen trägt man schon T-Shirt.
Ich baue den Zaun auf der Wiese neben dem Stall.
Die Schafe beobachten mich durch die Gitter und ein Raunen geht durch die Herde.
-Die Schäferin baut Zaun! Wir kommen raus!
Ja, die Schafe wissen was das bedeutet, rufen aufgeregt.
Die Lämmer hingegen sind ahnungslos.
Noch nie waren sie draußen, kennen keinen grünen Halm, kein gar nichts.
So bauen wir aus Hurden einen Gang zur Wiese, schließen das stark schlagende Hausstromgerät an den Elektrozaun.
Und auf gehen die Tore.
Um die 400 Muttern und ihre Lämmer rennen, springen, schreien, in alle Richtungen.
Wir sind mit Hurden und Hunden dabei sie aus dem Stall zu drängen.
Endlich ist auch das letzte Lamm gepackt, alle draußen.
Der Lärm ist ohrenbetäubend.
Jedes Lamm schreit nach seiner Mutter.
Jede Mutter schreit nach ihren Lämmern.
Mutter will grünes Gras fressen und dabei das Lamm beaufsichtigen.
Lamm findest alles gruselig und unglaublich spannend, will am Gras nibbeln, am Elektrozaun...oh. Aua, Mama! Oder doch lieber mit anderen Lämmern rasen.
Was für ein Chaos!
Was für eine Freude!




Am Abend hat sich die Stimmung beruhigt, was das ganze nicht leiser macht. Mütter und Lämmer halten beständig stimmlich Kontakt.
Es ist Zeit für den ersten Flächenwechsel.
Es sind nur zweihundert Meter und doch ist am Getreide entlang ein Zaun gestellt.
Und es läuft gut, alle kommen auf der Nachtweide an.
Morgen wird es ernst.


Der nächste Tag.
Heute geht es auf Tour.
Morgens fahren wir die zu ziehende Strecke ab, bauen den Zaun auf der Nachtwiese auf.
Gleich zu Anfang muss die Herde über die Straße, einen Weg runter, dann ein Brückchen über den Bach und dahinter scharf nach rechts, am Bach entlang. Weiter geht es immer am Bach durch den Wald. Dieses Stück fahren wir nicht ab, bin ich das doch letztens gelaufen. Neben der Brücke bauen wir Zäune, wir hatten schon mal Lämmer im Bach.
Los geht’s.
Ich gehe vorne weg, rufe die Schafe.
Die laufen sehr zögerlich.
Natürlich.
Kein Tier ohne Lämmer in der Herde.
Die Lämmer wissen nichts.
Nicht das sie folgen sollen, nicht was ein Hund ist, was eine Straße, was ein Baum.
Und selbst das beste Leitschaf denkt zuerst an sein Lamm.
So lasse ich Lillebror, meinen zweijährigen Altdeutschen Hütehund, an der Leine, aufgeregt wie er ist, ist es doch zu viel für ihn.
Ylva kann ich auf Abstand an der Herde laufen lassen.
Der aufgebaute Zaun macht das queren der Brücke leicht, und dann sind wir auf dem Waldweg.
Es geht langsam voran, aber das macht nichts, laufen wir eben langsam.
Die Arbeit hat meine Kollegin hinten.
Lämmer die nicht folgen, Mütter die zurück gerannt kommen, nach ihren Lämmern gucken.
Und dann liegt ein Baumstamm quer.
Groß genug, dass die Lämmer nicht rüber gucken können.
Der lag da schon auf meinem Spaziergang, aber hatte ich ihn wahr genommen? Nein.
Die Schafe wollen nicht darüber.
Und auch wollen sie mir nicht drum herum folgen.
Ich rufe und locke.
Es bewegt sich nichts.
Meine Kollegin kommt vor gerannt. Sie ist die Mutter dieser Herde, jedes Schaf liebt sie.
Und tatsächlich, die Herde zieht an.
Doch da drehen hinten die Lämmer, rennen zurück.
Die Herde wendet.
Zurück in vollem Galopp.
Zum Glück ist noch einer an der Brücke, die Zäune wieder abbauen.
Er schafft die Herde vor der Straße zu stoppen.
Durchatmen.
Nochmal das Ganze.
Wieder stoppt es am Baum.
Mein Locken und Rufen hilft nicht.
Meine Kollegin kommt vor, doch diesmal ist noch ein Mann hinter der Herde.
Die Schafe bewegen sich endlich am Baum vorbei und darüber, weiter geht’s.
Die Herde folgt, aber es zieht sich.
Ich kann nicht bis zum Ende sehen, so höre ich erst später, dass ein großer Schwung Lämmer nicht am Baum vorbei gekommen war, einzeln hinüber gehoben werden musste.
Es geht zögerlich. Lille ist hibbelig, will Laufen, darf nicht.
Auch das schreckt die Schafe, der energiegeladene Hund neben mir.


Ich rufe meine Kollegin an, ob wir nicht tauschen wollen? Die Schafe vertrauen ihr einfach mehr, ist es doch ihre Herde, sie viel mehr mit ihnen zusammen.
Als der Weg breiter wird, eine verwilderte Wiese neben uns, tauschen wir. Ich renne nach hinten, sie nach vorne.
Und weiter.
Wir verlassen den Wald, kommen ins Feld.
Die Hitze schlägt auf uns wie Zement.
Neben uns junges Getreide.
Nun können die Hunde laufen.
Schaffen, schaffen, schaffen.
Bis die Zungen am Boden hängen, der Schritt taumelt.
Zum Glück läuft der Bach weiter parallel. So können die Hunde sich immer wieder ins kühle Nass stürzen.
Besonders Mühe machen die fremden, über Winter im Betrieb notuntergestellten, Coburger Fuchsschafe. Schon da hatten sie mit Zwergenlämmchen und über Hurden hupfen genervt. Und irgendwie sind sie jetzt immer noch da.
Lämmer die nichts von der Welt wissen, sind das Eine, Schafe etwas ganz anderes. Spritzt Ersteres von der Herde ab, will es doch immer wieder zurück. Ein älteres Schaf, dass nie gelernt hat, der Herde zu folgen, geht gerne seine eigenen Wege. Doch immerhin lassen sich diese Füchse auf extra Einladung vom Hund, dann doch wieder überzeugen mitzukommen.
Die Strecke zieht und zieht sich, es wird heiß und heißer.
Schafe, Hunde, Schäfer, alle taumeln unter der hämmernden Sonne.
Es ist nicht mehr weit, ein kleines Lamm fällt zurück, ich nehme es auf den Arm, trage es. Das Begleitfahrzeug ist umgedreht, Zuhause den 1000 Liter Tank mit Wasser einladen.
Endlich, da ist die Wiese, eine herrlich schattige Wiese mit altem Obstbaumbestand.
Doch bis dahin kommen wir nicht. Zur Wiese führt ein Grünstreifen mit Bäumen. Die Herde sinkt in den Schatten. Wir lassen sie, sollen sie zur Ruhe kommen. Auch wir und die Hunde genießen den Schatten.
Pause.
Erst nach einer Stunde fangen die ersten an zu fressen, langsam vorwärts fressend geht es auf die Nachtwiese. Hier gibt es noch Bütten mit Wasser, aber so durstig sind die Schafe gar nicht. Das Gras im Frühjahr hat einfach viel Flüssigkeit.
Fresst schön! Bis morgen, zur nächsten Etappe.

Eigentlich wäre mit diesem Tag mein Arbeitseinsatz schon zu Ende.
Doch ist es heute knapp an Leuten, und die Herde muss weiter.
So habe ich meine Kids organisiert und hänge einen Tag ran.
Die Strecke ist nicht so lang und doch brechen wir früh auf. Die Hitze soll uns nicht nochmal erwischen. Selbst morgens knall die Sonne schon und doch geht noch eine leichte Brise.
Wir brechen früh auf.
Heute geht es durch Feld und Dorf.
Ich gehe vorne und die Herde läuft schon viel besser als am Tag zuvor.
Die Hunde halten das Feld sauber.
Dann auf die Straße durch den Ort. Die Straßen sind eng und viele Blumenpötte säumen den Weg. Doch Lillebror pendelt sich ruhig auf der Blumenseite ein, schützt diese.


Die Dorfbewohner die uns begegnen sind alle hoch erfreut über ihre Attraktion.
Wir lassen das Dorf hinter uns, nun ist es nicht mehr weit.
Nur noch etwa zwei Kilometer Straße an Getreide entlang.




Und da ist auch schon die Wiese, ein malerisches Hangstück mit Obstbäumen, oben die Bahntrasse.
Unter der geht es später durch einen kleinen Tunnel auf die Nachtwiese.
Aber erstmal verteilt sich die Herde zum Fressen. Um diese Jahreszeit nie leise, beständig halten Mütter und Kinder durch Rufen Kontakt.

Ich mache mich auf, laufe die Strecke zurück. Es ist halb zwölf Mittags, die Sonne kracht. Wie gut, dass die Schafe schon angekommen sind.
Ich baue die sieben Zäune des alten Pferches ab, lade alles ein und fahre zurück.
Die Schafe liegen schon zum Wiederkäuen im Schatten.
Ich beaufsichtige sie alleine weiter.
Um zwei Uhr fangen sie wieder an zu fressen und, da sie das Stück schon etwas langweilig finden, auch zu Drücken. Ein Dreieckstück, auf der einen langen Seite Getreide, auf der anderen die Bahn, auf der Kurzen ein Kleingarten, nicht abgezäunt.
So haben die Hunde und auch ich zu tun. An der Bahnseite muss ich selbst wehren, da kann ich keinen Hund laufen lassen. Zum Glück ist der Hang zum Gleis fast vollständig mit meterhohem Dornengestrüpp bedeckt, nur weit weg von der Unterführung ist ein Stück frei.


Gegen vier haben die Schafe keine Lust mehr, wollen weiter.
Kein Problem, der große Pferch wartet.
Meine Kollegin kommt, damit wir den kaum einen Meter breiten Tunnel zu zweit bewältigen.
Sie geht vor, die Schafe kennen seit vielen Jahren den Weg, folgen begeistert.


Ich scheuche Lämmer nach.
Fast alle Tiere sind durch, da spritzen drei ab.
Mist!
Die letzten Schafe sind im Tunnel verschwunden, die Lämmer haben jeden Anschluss verloren.
Ich versuche sie in die richtige Richtung zu scheuchen.
Sie weichen aus, schlagen Haken.
Eins ist extra, mit Lilles Hilfe bekomme ich es gepackt.
Das hat doch gut geklappt.
Ich trage es durch den Tunnel, setze es in den Pferch.
Meine Kollegin ist dabei, diesen zu sichern.
Ich gehe zurück, noch zwei zu fangen.
Auf der Wiese keine Lämmer.
Wo sind sie denn?
Wo?
Da höre ich Bremsen quietschen und Hupen von der Bahntrasse.
Mein Herz fällt in die Hose, ich renne los.
Ich gucke die Gleise entlang, in die Richtung, aus der das Geräusch kam.
Da, etwas 150 Meter entfernt stehen die beiden Lämmchen auf den Gleisen.
Ich greife mein Handy. Bei dem ich ausgerechnet heute Nacht vergessen habe, das Ladekabel anzuschließen. Noch 13%. Ich rufe meine Kollegin an, bitte sie, unseren Chef anzurufen und die Bahn, damit die Strecke gesperrt wird, erkläre wo ich stehe. Sie will telefonieren, den Zaun der Herde mit Strom versehen und dann kommen.
Ich bleibe stehen, beobachte die Lämmer, weiß ich doch genau, laufe ich zu ihnen, flüchten sie kopflos einfach immer die Strecke weiter.
Da kommt von vorne der nächste Zug.
Er bremst und kommt direkt vor den Lämmern zum stehen.
Nun muss ich doch handeln.
Ich renne los. Als ich fast an den Lämmern bin, schlagen die einen Haken um mich herum, rennen auf den Gleisen zurück.
Erst die Lämmer, dann ich mit den Hunden, dann der Zug.
Wir haben um die 30° Grad.
Wir kommen auf die Höhe, auf der rechts von uns die Herde steht. Die ist zwar durch Büsche und Dornen verdeckt, doch hört man sie laut.
Ich schaffe es, Ylva vor die Lämmer zu dirigieren, hoffe das sie abbiegen.
Aber die beiden sind schon so durch, dass sie nichts mehr schnallen, am Hund vorbei springen, weiter rennen.
Und ich bin nicht weniger durch, sonst müsste ich doch wissen wie unnütz mein Rennen ist, hätte dem Lockführer gesagt, dass wir jetzt hier stehen bleiben, auf meine Kollegin warten.
Ich weiß es auch, stoppe aber trotzdem nicht, renne immer weiter. Rufe nochmal meine Kollegin an, beschreibe in welche Richtung es nun geht, nämlich in die gegensätzliche als zuvor beschrieben, dabei keuche und schluchze ich.
Weiter rennen wir.
Das kleinere Lamm springt nach rechts in die Büsche. Noch auf Höhe der Herde in ihrem langgezogenen Pferch?
Das große rennt weiter.
Ich verliere ganz den Kopf, hetzte Lille auf das Tierchen. „Pack es, halt es!“
Lille rennt, erwischt es, hat es am Boden.
Einen Meter bevor ich dran bin, rappelt es sich hoch, rennt weiter.
Weiter und weiter.
Dann, irgendwann, springt es nach links den Hang hinauf.
Ich folge, der Zug kann passieren.
Ich klettere die steile Böschung hoch. Oben junges Getreide so weit ich gucken kann.
Aber kein Lamm.
Wo? Wo?
Da, etwa 200 Meter die Strecke zurück, sehe ich es im Gebüsch der Böschung zur Bahn verschwinden.
Ich renne los.
Dort angekommen, sehe ich kein Lamm mehr.
Ich gucke, schlage mich durch die Büsche zum Pferch, treffe meine Kollegin und auch schon meinen Chef. Die Bahn hat die Strecke gesperrt. Der erste Lockführer ist überzeugt, die Lämmer überfahren zu haben. Ob es doch mehr als zwei waren? Da noch Zwei tote liegen? Nein, ich weiß, dass es nur zwei waren, dass sie noch leben. Wir teilen uns zum Suchen auf.
Wieder folge ich der Bahntrasse. Und da sehe ich das größere der Lämmer, noch auf der linken Seite liegt es am Hang. 4% Akku, aber ich erreiche meine Kollegin, beschreibe wo ich bin und warte bis sie kommt. Mit ihrer ruhigen Art, mit der sie ihre Schafe handelt, fängt sie das völlig unter Schock stehende Lämmchen.
Die Bahnsicherheit kommt und die Polizei. Wir werden befragt, Daten werden aufgenommen.
Die Strecke wird freigegeben auf Sicht. Dass heißt, die Züge fahren wieder, aber langsam.
Wir dürfen das Gleisbett nicht mehr betreten.
Und doch suchen und suchen wir nach dem letzten Lamm.
Wir finden ein kleines Fuchsbaby, einen Rehbock und jede Menge Dornen.
Aber kein Lamm.
Am Abend geben wir auf.
Ich fahre noch Heim.
500 Kilometer, wie unter Schock.
Auf der A5 ein schwerer Unfall, auf der A7 Vollsperrung.
Es ist fünf Uhr morgens, als ich Zuhause ankomme.
Am nächsten Morgen frage ich nach. Aber das Lamm steht nicht wie gehofft neben dem Pferch.
Das andere Lamm muss gefahren werden.
Vielleicht hatte der Zug sie doch angefahren?
Wo ich das hier schreibe, übermannen mich Tränen.
Erschöpfung.

Erschöpfte Hunde


Freitag, 27. April 2018

Zombies in der Lammzeit



Februar.
Und da ist er, der Winter.
Eisiger Frost, bitterkalter Wind, Sonne.
Im Radio reden sie von Sibirisch-Hessen.
Und die Schafe lammen draußen.




Ja, denn die Wiesen sind immer noch grün, leckeres frisches Futter für die Herde.





Und, ich hatte schon letztes Jahr darüber geschrieben, lammen Schafe draußen meist problemloser ab. Sie haben mehr Platz sich für die Geburt zurück zu ziehen, stehen sicherer bei ihrem Lamm, werden seltener von anderen Tieren bedrängt.
Natürlich müssen dafür die Voraussetzungen stimmen, dazu gehört besonders auch eine gute Überwachung der Herde.
Alle Gelammten werden in den Stall gefahren, kommen dort in eine Einzelbucht. Hier bleiben sie, bis wir sicher sind, dass das Mutter-Kind-Band fest ist und die Mutter genügend Milch hat. Schafe mit Zwillingen immer etwas länger als Einzelne.


Die Lammzeit startet gleich richtig durch, 20 bis 25 Ablammungen am Tag, ca. die Hälfte davon sind Zwillingen. So haben wir nach zwei Wochen über 300 Lämmer im Stall.
Das alles will gemanagt, überwacht, versorgt werden.
Auch Nachts.

Es ist 22 Uhr.
Mit einem müden Stöhnen wälze ich mich aus dem Bett, schalte den Wasserkocher an.
Ich schlüpfe in Lagen über Lagen dicker Kleider und stopfe die Feuerkammer der kleinen Küchenhexe so voll mit Holz wie es geht. Das Wasser kocht, die Wärmflasche gefüllt und ins Bett gelegt.
Nun in die schweren Schuhe und die Stirnlampe auf die Mütze. Die Hunde stöhnen ähnlich wie ich als sie mir in Dunkelheit und bittere Kälte folgen, lassen sich im Auto sofort wieder zum Schlafen nieder.
Weit ist es nicht bis zur Herde, eine viertel Stunde, einmal durch den Ort.
Die Schafe liegen weit verteilt im Nachtpferch, schlafen.
Zu beginn der Lammzeit waren sie ziemlich irritiert als ich Nachts auftauchte, zwischen ihnen laufen wollte. Nun rühren sie sich nicht, schlafen weiter oder blinzeln in den Schein der Lampe.
Ich kann mich zwischen ihnen bewegen, kein Geräusch in der Nacht. Nur das derer, die gelammt haben, ihre Lämmer begrüßen. Oder die, denen die Geburt bevorsteht, die unruhig sind, leise Grunzen.
So kann ich schon durch Hören ganz gut einschätzen, was mich wo erwartet.
Langsam und ruhig durchstreife ich den Pferch, verschaffe mir einen Überblick, zähle Schafe und Lämmer. Vier Muttern, sechs Lämmer und eine am Machen.
Sehr gut, das bekomme ich verladen, muss nicht zweimal fahren. Das kam auch schon vor, denn mehr als fünf Schafe passen nicht. Ich will nicht prope voll laden, die Heimfahrt soll so entspannt wie möglich verlaufen. Den großen Ifor Williams Hänger mag ich Nachts nicht fahren, müsste ich ihn doch rückwärts hundert Meter an den Stall rangieren und das im Dunkeln mit der spärlichen Hängerbeleuchtung, womöglich für drei Schafe. Nein, Danke, da fahre ich zur Not lieber doppelt.
Die beiden Mütter mit den Zwillingen stehen in unterschiedlichen Ecken, die zwei mit den Einzellämmern stehen beieinander und die, die noch macht, tüddelt an den Lämmern der einen Zwillingsmama rum. Nach der Gebärenden gucke ich nun. Das Lamm liegt richtig, ich sehe die Vorderklauen und darauf das Näschen. Die Füße sind groß, und auch der Schleim ist ziemlich gelb, das darauf hindeutet, dass das Lamm schon übertragen ist. Alles kein Problem und zu jeder anderen Tageszeit würde ich sie noch in Ruhe lassen. Doch nicht jetzt. Als sie sich zum Pressen legt, greife ich sie mir. Vorsichtig ziehe ich abwechseln an den Füßchen, wische den Schleim vom Schnäuzchen.
Oh, das Lamm steckt schon ganz schön fest. Mit den Wehen und dem Pressen des Schafes ziehe ich kräftiger. Da, der Kopf ist raus! Nun noch die Schultern und der Rest flutscht nach.
Ich lege das Lamm der Mutter vor die Nase.
„Guck, was für einen Brocken, fein gemacht!“
Die Mama fängt sofort an mit leisem Grunzen ihr Lamm zu lecken.
Dieses hebt den Kopf, wackelt, schüttelt, zirpt hell.
Immer und immer wieder berührend.
Auch nach all den Jahren.
Auch mitten in der Nacht unter Taschenlampenlicht.
Aber weiter geht’s.
Ich nehme die Zwillingslämmer an den Vorderbeinen hoch und halte sie dabei tief über dem Boden, Bauch und Nabel zur Mutter gedreht. So kann sie ihre Lämmer am besten riechen und sehen.
Als erstes erkennt ein Schaf seine Lämmer am Geruch, dann an der Stimme und zuletzt am Aussehen. So ist es wichtig, dass ich den Geruch nicht mit meinem eigenen verfälsche und auch die Keime mit denen die Lämmer in Berührung kommen, sollen nicht meine sein. Das Schaf brummelt seinen neuen Lämmerruf und folgt, die Nase am Lämmerbauch zum Auto. Selbstverständlich steigt sie hinter ihren Lämmern ein. Ich zücke einen Viehzeichenstift und alle drei bekommen an der gleichen Stelle einen Strich aufs Fell. So kann ich sie später sicher zuordnen, die endgültige Nummer die Mutter und Lamm zusammen zeichnet, gibt es erst in der Einzelbucht.
Das Prozedere wiederhole ich mit den drei anderen Gelammten. Alle folgen sie brav, etwas was einerseits selbstverständlich für gute Mütter ist, andererseits mich jedes Mal wieder freut und erleichtert.
Gerade zwei Nächte zuvor hatte ich zwei Erstlammende. Die eine mit dickem Einzellamm, die andere mit großen Zwillingen. Beide waren begeisterte Mütter, hatten sich gut um ihre Erstgeborenen gekümmert. Doch mir und den Lämmern folgen? Nein! Auf keinen Fall. Totale Hysterie. Schreiend durch den Pferch rennen, aus dem Pferch, um den Pferch. Aber nicht bei den Lämmern bleiben. Ja, mitten in der Nacht, nur im Taschenlampenlicht, es ist viel erwartet von einem jungen Schaf.
Aber eben: Aber!
Die mit dem Einzelnen hätte ich ja noch ohne bedenken draußen gelassen. Das Wetter stört nicht im geringsten. Doch die mit den Zwillingen, Schweinchen mit Namen, die vor zwei Jahren ein Flaschenlamm war? Nein, die musste Heim in eine Einzelbucht.
Was also tun?
Zuerst hatte ich alle anderen Gelammten verladen, gehofft, dass sie sich etwas beruhigen, sehen, dass da noch andere mit Lämmern ruhig am Fahrzeug und auch darin stehen.
Aber nein! Fluchtdistanz von zehn Metern zu mir, da komme ich auch mit dem Fanghaken nicht ran.
Schweinchen! Du warst mal ein zahmes Flaschenlamm!
Interessierte sie jetzt auch nicht, lieber panisch kreischend durch die Gegend rennen.
Was nun?
Ein Hund aus dem Auto lassen? Die Herde zusammen stellen?
Ein Hund im Dunkeln? Das könnte zur Panik bei allen führen. Nein, Scheißidee.
Also rief ich: „Kooum! Kooum!“
Die Herde erhob sich, scharte sich eng um mich.
Danke!
Sie standen dicht genug, um den beiden Kopflosen die Flucht zu blockieren. Ich konnte sie packen und verladen. Geschafft.
Nach ihrem Aufenthalt in der Einzelbucht und der Gewöhnung ans Muttersein sind sie wesentlich entspannter.
Doch heute Nacht hab ich das Problem nicht. Die, bei der ich geholfen habe, kommt als letztes dran, das Lämmchen steht schon, versucht auf staksigen Beinen das Euter zu finden. Auch das überprüfe ich kurz, kein dicker Pfropfen im Weg des Milchflusses. Gezeichnet und Eingeladen. Jedes Lamm oder Lämmerpaar kommt in eine Mauerbütt, die Mutter steht davor. So können sie nicht auf den Lämmern herumtreten. Klappe zu, Heim geht’s.
Doch noch ein Moment, einen ganz kurzen Moment.
Ich mache die Stirnlampe aus, stehe am Pferch.
Die Schafe liegen unter dem weiten Sternenhimmel.
Absolute Zufriedenheit und Stille.
Ich atme tief durch, fühle.
Aus den Fahrzeug brummt und zirpt es.
Heim jetzt!
Vorausschauend steuere ich uns nach Hause, kein abruptes Bremsen, keine schnellen Kurven.
Das einzige Auto, das um diese Zeit noch auf den Straßen ist.
Am Stall schalte ich die Lichter an, entlasse meine Fracht, sortiere die Mütter mit Zwillingen und die frisch gelammte in die freien Einzelbuchten. Die Zwei mit den Einlingen kommen zusammen auf den freien Platz vor den Buchten. Irgendwas scheint mir mit ihnen seltsam.
Aber bevor ich danach gucke, schaue ich nochmal die Buchten durch und die jungen Gruppen. Alles gut hier? Ja. Sehr gut.
Jetzt nochmal nach den beiden Einzelnen schauen. Ein Fuchsschaf, ein Milchschaf, zwei Fuchslämmer. Anhand des Äußeren kann man hier keine Lämmer zuordnen, die Herde ist so bunt gemischt, dass die Lämmer in allen Farben fallen, selten ein Zwilling dem anderen gleicht.
Aber trotzdem, etwas stört mich an dieser Aufteilung. Das Milchschaf ist sich sicher, dass das ihr Lamm ist, hat auch Blut an Hintern und Beinen, was auf Lammung hindeutet.
Aber das Fuchsschaf, sie würde das Lamm der Milchschafmutter dazu akzeptieren, hat auch deutlich gelammt.
Hm.
Ich greife mir das Milchschaf.
Fasse hinten rein.
Und fühle direkt die Hinterfußwurzel eines Lammes.
Steißlage.
Nicht wirklich geweitet, kaum Wehentätigkeit und ziemlich trocken.
Mist! Mist! Mist!
War das Milchschaf nicht schon beim Hüten am Tag mehr als normal gelegen?
Mist!
Ich lasse sie nochmal los, gehe Gleitschleim holen.
Mit ordentlich Schleim an den Händen mache ich mich ans Werk.
Langsam weite ich den Geburtskanal, fühle das, was da kommt.
Steißlage, mit einem angewinkelten Bein direkt vor dem Ausgang.
So passt das Lamm auf keinen Fall durch. Ich schiebe und ziehe bis ich den einen Fuß nach hinten raus haben. Wie komme ich jetzt an den anderen? Es ist zu eng, als dass ich das Lamm zurück schieben und an den anderen Fuß zu kommen könnte.
Das Lamm ist auf jeden Fall tot und das auch schon länger. Ich kann zwar nicht riechen, aber der Gammel ist schon an dem einem Bein, das ich habe, zu merken. Und tatsächlich reißt das bei leichtem Zug auch einfach ab.
Scheiße!
Ich muss doch weiter rein. Mit viel Gleitschleim dehne ich den Geburtskanal.
Die Mama stöhnt, presst und will immer wieder aufstehen.
Endlich kann ich den Steiß greifen, ziehe.
Der Hintern kommt, das andere Bein, der Bauch.
Die verrottete Wirbelsäule bricht, das Lamm zerreißt.
Die Mutter will nicht mehr, zappelt, will weg.
Ich halte sie mit einer Hand, mit der anderen versuche ich mehr von dem Lamm zu greifen.
Kopf, Vorderbeine, Schultern, alles noch drin und meine Finger glipschen von der Wirbelsäule, finden keinen halt. Auch tut meine Hand langsam immer doller weh, schwillt durch den beständigen Pressdruck der Wehen an.
Oh, Mama! Es tut mir so leid!
Wie soll ich hier weiter machen?
Ich kann nicht mehr.
Durchatmen.
Mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss die Frühschicht wecken.
Ich lasse die Mama los, versuche meine Hände so weit zu reinigen, dass ich das Handy bedienen kann.
Bitte! Bitte! Geh ran!
„Ja?“ Eine verschlafene Stimme, die ich jetzt umarmen könnte!
Meine Kollegin kommt.
Ich halte die Mutter während sie den Rest des Lammes rausackert.
Das Schaf bekommt einen Antibiotika-Stift gelegt.
Mama! Du hast es geschafft! Und ein schönes Lamm hast Du Dir geklaut! So hast Du wenigstens einen Lohn für all das Elend.
Vielen Dank an meine Kollegin!
Eis von einem Eimer geschlagen und die Hände mit Heu geschrubbt.
Nun die Hunde im Auto geweckt und unter strahlend frostigem Sternenhimmel nach Hause gewandert. Der Ofen ist längst aus, das Hüttchen schon ziemlich kühl.
Aber egal, mein Schlafplatz ist mullerig warm von der Wärmflasche. Ich kuschele mich auf ein Schaffell, unter mein Daunenbett, mit dicker Wolldecke darüber.
Meine kleine Reisekatze kuschelt sich auf die Füße. Die Hunde schlummern in der Vorkammer.
Die Wärme spüren, die Glieder entspannen, morgen früh habe ich immerhin eine Stunde länger.
Schlaf fällt wie eine weitere Decke über mich.


Frühschicht und Spätschicht.
So mancher Schäfer wird jetzt den Kopf schütteln.
Er schafft all das alleine.
Ja, so ist es.
Die meisten Schäferein sind in der Lammzeit nicht anders besetzt, als im restlichen Jahr.
Arbeitet ein Schäfer immer schon wahnsinnig viel, in der Lammzeit leistet er übermenschliches. Da wird dann an Essen und Schlaf gespart.
Der Schäfer ist in einem Zustand der „the walking dead“ gleich kommt.
Noch Geburtsschleim und Nachgeburt auf den Kleidern und selbst ein Zombie würde ihn nicht mehr als essbaren Menschen einstufen.
Deswegen ruft man seine Kollegen auch in der Lammzeit nicht an, hört nicht nach ob sie noch leben. Es ist eine Zeit des Überlebens in den Schäferein.
Weiß Gott, ich habe auch so gearbeitet.
Besonders schlimm die Lammzeit 2013, als dann noch die Grippe zuschlug. Drei Wochen mit Fieber im Stall, von Hurde zu Hurde, mit festhalten, weil ich so erschöpft war. Dann war mein Chef so weit wieder fit, dass er das im gleichen Zustand weiter machen konnte. Eine Woche lag ich im Bett, so schwach, dass ich kaum zur Toilette kam. Die echt noch kleinen Kids waren plötzlich leise, versorgten sich selbst. Und kaum kam ich wieder bis zum Stall ging es weiter. Lammzeit. Die Schafe brauchen einen.
Ich bin zu alt für diese Scheiße!
Bin nur Lohnschäfer!
Und einfach saufroh, die Lammzeit in einem Betrieb zu arbeiten, der besser mit Leuten ausgestattet ist als die normale Schäferei! Danke!


Am nächsten Tag bin ich am Hüten.
Die Schafe stehen weit am Fressen.
Um dieses Jahreszeit haben sie keine Zeit für Flausen. Sie fressen, fressen und fressen.


Oder lammen.
Schon steht da wieder eine und beleckt ihre Zwillinge.


Eine andere ist am Machen.
Da kommt ein Anruf vom Stall.
Heute morgen gab es eine Schwergeburt.
Schlitzohr, eine der vor zwei Jahren zugekauften, hatte eine Fehllage. Das Lamm ist groß und rund. Aber Schlitzohr hat beschlossen es unter keinen Umständen zu wollen. Blöde Huddel! Schwere Geburt ist kein Argument, denkt man an das Milchschaf vom Abend davor, die unbedingt trotzdem ein Lamm wollte. Das gibt ne rote Brackohrmarke.
Aber ja, hier beim Hüten ist eine in der Geburt.
Meine Kollegin kommt mit dem Lamm raus gefahren. Gerade da gebiert das Schaf. Kurz gegriffen und rein gefasst, kein weiteres Lamm, dickes, volles Euter.
Also ihr Lamm genommen und mit dem Verstoßenen zusammen gerubbelt. Außerdem alles, was hinten an Ausfluss nach kommt, über den Kleinen verteilt. Dem Lamm einen neuen Geruch aufmogeln. Schmier.

Und es klappt, die Mama beleckt beide Lämmer gleichermaßen.
Etwas irritiert ist sie, dass ein Kind sofort aufspringt, nach dem Euter strebt.
Aber, was für ein Sohn!
Sie nimmt beide! Juhu!


Die frischgebackenen Mütter und ihre Babys werden verladen und ich hüte weiter.
Es ist ein herrlich sonniger Tag, die Hunde ziehen ihre Bahnen, die Herde frisst und ich beobachte auf meinen Stock gelehnt.
Ab und an lammt noch mal eine. Alles problemlos, die Mütter kümmern sich und die Lämmer sind schnell auf den Beinen.
Das Wetter zieht viele Spaziergänger aus dem Dorf, die sich an den Schafen erfreuen. Ich beantworte geduldig Fragen: „Das Schaf da hinten hat gerade erst das Lamm bekommen. Die Mutter bleibt bei seinem Neugeborenen stehen. Und heute Abend nehme ich es mit nach Hause.“
„Was für ein schöner, entspannter Beruf.“
Ja, ja.
Als ich abends die satte Herde in den Nachtpferch lasse, sage ich nicht: „Gute Nacht.“
Sondern: „Bis später.“ 


Freitag, 30. März 2018

Lämmer zu Ostern



Zu der Behauptung Schäfer würden die im Frühling neugeborenen Lämmer zu Ostern schlachten.
Nein, tun wir nicht!
Ein Schaf wechselt mit einen Jahr das erste paar Schneidezähne.
Bis dahin gilt es als Lamm.
Lämmer werden geschlachtet, wenn sie schlachtreif sind, dass heißt rund oder auch abgedeckt über dem Rücken und von der Größe, durch einen unerfahrenen Betrachter, nicht mehr von einem Schaf zu unterscheiden.
Der Begriff Milchlamm ist ein rechtlich nicht kategorisierter Begriff, der nichts anderes beschreibt als ein solches oben beschriebenes Lamm. Damit soll dem Kunden Zartheit suggeriert werden, da sich hartnäckig das Gerücht hält, Schaffleisch sei zäh. Dabei würde sogar ein Schaf über einem Jahr noch gut schmecken, das Fleisch wir nur etwas fester.
Der angeblich talgige Geschmack, den sich viele vorstellen, bezieht sich auf Hammelfleisch. Das stammte früher von einem älteren, kastrierten Bock, der in der Herde mitlief und das, was das Mutterschaf zum Lämmer austragen und groß ziehen verwendete, in Fett umsetzte. Solche Hammel sind heute nicht mehr zu bekommen, der Verbraucher ist zu sehr gewohnt Fleisch zu essen, das in Konsistenz und ich denke sogar Geschmack einem Wackelpudding gleicht.
Somit sind Tiere, älter als ein Jahr nicht mehr zu vermarkten.
Ein Lamm wird im Herdenverband geboren, wächst dort umsorgt von Mutter und Schäfer heran. Mit etwa drei bis vier Monaten werden die Böckchen abgetrennt, sie haben nun ein Alter in dem sie sonst ihre Mütter und Schwestern decken würden. Es ist die natürliche Zeit für ein junges männliches Tier die Herde zu verlassen. Nun sind sie aber im allgemeinen noch nicht schlachtreif, leben also im Lämmerverband weiter.
Ein vorzeitiges oder zu frühes absetzen der Lämmer würde nicht nur zu Verlustängsten auf beiden Seiten führen, sondern auch zu massiven Euterproblemen bei dem Muttertier. Etwas was kein Schäfer haben möchte.
Wie das Paradoxon entstanden ist, dass der Verbraucher zu Ostern, wenn Lämmer gerade erst geboren werden, Lamm essen möchte, weiß ich nicht.
Es treibt auf jeden Fall den Preis in die Höhe, wobei, nicht nur wegen Ostern, sondern einfach auch, weil es um diese Jahreszeit wenig Lämmer zu kaufen gibt. Um diesen Markt nicht ganz Neuseeland mit seinen umgedrehten Jahreszeiten zu überlassen, wo dass das Fleisch um die halbe Welt gereist ist, bis es hier im Laden als frisch verkauft wird, legen viele Schäfer kleinere Lammzeiten in den Herbst. Diese Lämmer sind dann zu Ostern fertig. Doch die meisten Lämmer werden in Deutschland immer noch um die Osterzeit geboren und da nicht geschlachtet.
Wir Schäfer sind gezwungen unsere Lämmer im ersten Jahr marktfertig zu bekommen, da wir unter den wirtschaftlichen zwängen des Weltmarktes stehen. Die Direktvermarktung lohnt sich in den wenigsten Fällen, nicht nur ist der Arbeitsaufwand dafür immens, und Schäfer kämpfen schon am Rand des menschlich machbaren. Auch hat Staat und EU mit ihren auflagen dafür gesorgt, dass eigene Schlachträume nicht finanzierbar sind und, bis auf den Freistaat, die Sonderregelungen geschaffen hat, alle kleinen Schlachtbetriebe die auch kleine Mengen an Tieren schlachteten, dicht machen mussten.
Die Schäferei ist die letzte Tierhaltung in denen Nutztiere flächendeckend in Freiheit ihr ursprüngliches Leben artgerecht leben dürfen.
Um so mehr wundern mich diese Kampanien dagegen, gerade von denen, die uns doch unterstützen müssten.
Ist es weil sie keine Ahnung haben? Weil sie prinzipiell gegen jede Art der Tierhaltung sind und glauben die Welt könne mit Technik und Industrie ohne diese leben? Weil sie gegen industrielle Massentierhaltung nicht ankommen, und es einfacher finden, die die schon am Boden liegen, die letzten Stiche zu geben?
Ich kann verstehen, dass Menschen für sich entscheiden, kein Tier und auch dessen Produkte zu verwenden.
Was ich nicht verstehe ist der Kreuzzug gegen uns Schäfer.
Zuerst sollte man bei sich selbst anfangen, was ist mit dem Kobald-Minen-Kindersklaven-Handy, den in Bangladesch mit Bluthänden genähten, die Meere verseuchenden Plastikklamotten, der dreifach in Plastik eingeschweißten, veganen Chemiepseudowurst?
Was? Da werden ja keine Tiere getötet? Wer glaubt, dass da wo Umwelt, Natur und Menschen leiden, gefoltert und zerstört werden, keine Tiere leiden und sterben, ist wirklich blauäugig.
Und wenn wirklich auf all dass geachtet wird? Ist dann die kleine Schäferei der Platz um mit seinem Kreuzzug zu beginnen?
Besonders wo der bequeme Verbraucher nicht aufhören wird Fleisch zu essen, aber sich vielleicht überlegen würde, besseres zu kaufen, hätte er eine Bezugsquelle.
Denn er wird mit dieser Kampanie gegen Lamm zu Ostern mit Sicherheit nicht auf seinen Osterbraten verzichten. Und Schweinchen und Kälbchen sind auch süß, frag mal nach deren Leben!
Wir Schäfer decken gerade mal 44% des deutschen Lammfleischmarktes, ich vermute, Ostern sogar noch weniger. Also trifft es uns nicht finanziell, was regen wir uns dann so über diese Osterlamm-Hassbotschaften auf?
Ganz einfach, es kränkt und verletzt.
Alleine die Vorstellung der liebevoll brummelnden Mama ihr kleines, leise zur Antwort zirpendes Lämmchen weg zunehmen. Die Mutter, die nun ihrem Lamm überall hin folgen würde. Das Lamm, das wir deshalb nicht an uns gekuschelt tragen, da es nicht unseres ist, nicht unseren Geruch annehmen soll, das wir an den Vorderbeinen tief über dem Boden tragen, damit die Mutter es immer dicht vor der Nase hat, so ihrem Lamm in die ruhige Einzelbucht folgen kann. Dieses Band der Liebe mit Gewalt zu zerreißen, unvorstellbar entsetzlich!
Mein Vater, gestandener Schäfermeister, bereits im Rentenalter und immer noch aktiv für seine Herde, erzählt gerne diese Geschichte aus seiner Lehrzeit:
Er war noch am Anfang seiner Ausbildung, als eines Tages in der Lammzeit ein großer Schlitten auf den Hof gefahren kam. Heraus stieg ein geschniegelter Mann in Anzug.
Er sei ein Gourmet!
Und wolle gerne ein kleines Babylamm zum essen kaufen, Preis spiele keine Rolle.
Der alte Schäfermeister Stritzel dachte nicht etwa, hier kann er ein mutterloses Lamm, dessen Aufzucht mehr Geld kostet, als es jemals wieder rein bringt, vergolden.
Nein.
Meister Stritzel griff seine Schäferschippe und jagte das Arschloch lautstark von seinem Hof.
So sind wir Schäfer!

Froh, sonnige Ostern wünsche ich allen!

Dienstag, 27. März 2018

Hallo Hessen am 21. März 2018


link zum Beitrag:
(für Ungeduldige ab der 8. Minute)
 
Da gab es doch dieses Foto von Lillebror an den Schafen in der Frankfurter Rundschau.
Dem folgte der Artikel mit Video für die Frankfurter Neue Presse.
Nun kam ein Anruf des Hessischen Rundfunk, ob ich nicht in eine Sendung kommen wolle.
Klar, mach ich, wenn es zeitlich passt.
Ob ich ein, zwei Schafe mitbringen könne?
Nein.
Das wäre wirklich kein Problem, sie haben ständig Tiere in der Sendung.
Nein! Schafe sind Gewohnheitstiere. Sie mögen es vertraut unter freiem Himmel. Für sie wäre es totaler Stress und das mute ich keinem Schaf zu.
Aber meine Hunde, die kann ich mitbringen.
Wir einigen uns auf die Hunde.
Ob die etwas Vorführen können, was mit Hüten zu tun hat.
Nein, ohne Schafe können die auch nichts vorführen, sie arbeiten ja die Herde.
Ob dann jemand ein Handyvideo von mir bei der Arbeit drehen könnte.
Es tut mir wirklich leid, aber auch das ist gerade schlecht. Im März wird in dem Betrieb nicht gehütet, die Schafe stehen im Stall und werden gefüttert.
Warum?
Weil auf den Wiesen der Landwirte, die wir im Winter beweiden, nichts mehr steht. Jetzt wird dort Gülle gefahren und es soll wieder neu wachsen, nicht für uns, sondern für den Landwirt. Auf den Schafweiden wiederum steht noch nichts, da braucht es den Frühling, Mitte April.
Aufnahmen aus dem Stall werden zu dunkel, außerdem ist das die Privatsphäre des Betriebes in dem ich arbeite.
Ja, Bilder hab ich jede Menge und schicke ein paar aktuelle rüber.
Wir einigen uns auf die Sendung Hallo Hessen am 21. März. Ob ich die kenne?
Leider nicht, ich lebe in Schleswig-Holsten und arbeite nur viel in Hessen.
Am 14. März gibt es noch ein halbstündiges, telefonisches Vorgespräch. Ich bekomme viele fachliche Fragen gestellt, zum Hüten, zur Wanderschäferei, wie es mit dem Nachtpferch funktioniert, Landschaftspflege, Wetter, die Situation der Schäferei, der Forderung nach der Weidetierprämie, meine Hunde, mein Blog.
Danke für das nette, informative Gespräch.
Am gleichen Tag bekomme ich eine Mail mit weiteren Angaben zum 21. März.
Die Sendung geht von 16.00 bis 18.00 Uhr.
Ich soll um 14.00 Uhr am Osttor des Hessischen Rundfunk in Frankfurt sein.
Zwei Stunden früher?
Dann geht es erstmal in die Maske.
Maske?
Ich scrolle die Seite runter: hr Fernsehen.
HR FERNSEHEN!!!!
Mein Herz rutscht in die Hose.
Fernsehen!
Nein!
Bin ich irre?
Wie war das, die Kamera addiert 30 Pfund.
Dafür bin ich doch viel zu fett!
Und hab ich irgendwelche vernünftige Kleidung mit auf Arbeit, die vorzeigbar ist?
Naja, Zuhause besitze ich für so was auch nichts.
Sie wollen doch meinen Hut und die Schäferschippe sehen.
Also, meine Schäferweste ist zwar zu kurz, aber dann kommt eben das Schwarzhemd drüber.
Ganz traditionelle Schäferin.
Eigentlich bräuchte alles ein Bügeleisen, aber so etwas besitze ich nicht mal Zuhause.
Doch es wird gehen!
Aber was für Schuhe?
Das paar Turnschuhe die ich dabei habe, oder olle, stallversiffte Arbeitsschuhe?
Wehmütig denke ich an die schicken Winterstiefel, die ich gerade im Schlussverkauf erstanden habe. Zuhause.
So schrubbe ich also Schuhe.
Um mich dann doch für die studiotauglicheren Turnschuhe zu entscheiden.
Ach, und die Hunde!
Lillebror mit seinem kurzen Fell, kein Problem.
Aber Ylva?
Am Stall ist zur Zeit alles ein einziger Matsch.
Und so schaut meine zottelige Strobelhündin auch aus.
Schlammmonster.
Ja, die bereits wie ein Glockenspiel klimpernden Lehmklumpen habe ich schon längst heraus geschnitten.
Auch die Pfoten sind frei geschoren, da sie bei dem Tiefschnee, des letztens in Schleswig-Holstein, keine fünf Meter laufen konnte ohne dicke Eisklumpen.
Und doch ist ihr restliches Fell jedem Rastafari würdig.
Noch ist sie nicht im Frühjahrsfellwechsel und leicht zu bürsten. Ich tue da im Winter nicht viel, braucht Ylva doch die Matte gegen die Kälte.
Jetzt mache ich mich daran, jeden Tag ein bisschen, den entrüstet leidenden Hund den Filz aus dem Fell kämmen.
Zwei Tage vor dem großen Tag gräbt sie etwas aus dem Misthaufen um es genussvoll zu verspeisten. Dem folgt prompt kräftiger Durchfall.
Super!
Also schrubbe ich dem Hund den Hintern und bin froh, dass es noch ein Tag ist.
Und da ist auch schon der 21. März.
Der große Tag.
Und nein, ich bin kein bisschen aufgeregt.
Ha, ha.
Laut Navi brauche ich 30 Minuten. Wenn ich also um ein Uhr, eine Stunde vorher, los fahre, müsste es dicke reichen.
Ich habe viel Zeit, sind doch durch viele Schülerpraktikanten genug Leute zum Füttern am Stall.
Zuerst knöpfe ich mir Ylva vor, sie wird nochmal gründlich gekämmt.
Dann ein heißes Bad für mich.
Welch Luxus.
Und die Hoffnung das der Stalldreck, der tief in meinen Fingerrillen sitzt, verschwindet.
Um zwölf fahre ich rüber zum Stall.
Ich möchte die Hunde doch noch etwas rennen lassen. Trotz Schlamm, Hauptsache sie sind etwas bewegt.
Das Auto rubbelt komisch.
Hm.
Ich steige aus, lass die Hunde raus und gucke um meinen Wagen.
Hinten rechts platt.
Mir wird ganz schwummrig vor Schreck.
Scheiße. Scheiße. Scheiße.
Was nun?
Ich rufe meinen Chef an.
Er leiht mir sein Auto!
Vielen, vielen Dank!
Tief durchatmen.
Nun noch bei Hallo Hessen anrufen und das geänderte Kennzeichen durch geben.
Geht keiner ran.
Also später.
Den Wagen so um räumen, dass die Hunde nicht auf die Sitze können und los geht es.
Ich habe den absoluten Grundsatz mir niemals ein Auto zu leihen, dass ich im Schadensfall nie und nimmer bezahlen könnte.
Darüber denke ich jetzt nicht weiter nach!!
Einfach nur konzentriert und aufmerksam durch den Rhein-Main Verkehr steuern. Ich bin schon immer Unfallfrei, warum sollte ausgerechnet heute etwas passieren?
Immerhin lenkt das alles doch gut davon ab, dass ich gleich live im Fernsehen auftreten muss.
In Frankfurt halte ich vor dem Eingang zum Rundfunkgelände und versuche nochmal anzurufen. Diesmal geht jemand ran, ich gebe das neue Nummernschild durch.
Kurz darauf am Osttor bekomme ich dann problemlos meinen Passierschein mit Namen und neuem Kennzeichen. Den Geländeplan habe ich auf dem Handy und so steuere ich das Schiff von einem Auto durch die schmalen Wege.
Der angewiesene Parkplatz ist voll besetzt.
Da stehe ich halb auf dem Fußgängerweg, frage mich was ich tun soll. Wagen so stehen lassen? Direkt in die ausgeschriebene Maske?
Doch da kommt schon jemand.
Ich sei doch sicher Anna Kimmel?
Es ist der Regisseur von Hallo Hessen der mich persönlich in Empfang nimmt, da die Besucherbetreuerin gerade verschollen sei.
Die taucht jetzt auf und sammelt mich ein.
Ich folge ihr durch Gebäude und Gänge bis ins Studio.
Hier sind auch schon die beiden anderen Gäste, eine Zahnärztin und ein Fitness- und Personaltrainer. Beide waren schon zuvor in der Sendung, sind wesentlich Erfahrener und wirken in dieser Welt Zuhause.
Dazu ist das Studio voll mit Menschen die hier arbeiten, Regisseur, Moderator, Mischer, Kamerafrau, Kabelträgerin, Organisatoren und schieß-mich-tot, wie die Berufsbezeichnungen sind.
Alle sind sehr freundlich, nett und beeindruckt von meinen Hunden, die erstaunlich entspannt mit jedem kuscheln.
Die Stimmung ist aber allgemein angespannt. Um 16.00 soll es auf Sendung gehen. Jetzt, kaum noch eine Stunde hin, erfahren sie, dass durch die Live-Übertragung der Beerdigung von Kardinal Lehmann mindestens eine halbe Stunde gekürzt wird.
Hier wie überall, Kommunikationsprobleme.
Nun wird hektisch geplant, Programmpunkte gestrichen und gekürzt.
Wir Gäste werden ins Bistro gebracht. Ob wir etwas essen und trinken wollen?
Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen, es irgendwie einfach verpasst.
Aber jetzt was essen?
Wo die beiden anderen Wasser ordern?
Nein.
Nun werden wir in unseren Aufenthaltsraum gebracht. Ich schlüpfe in Schäferweste, Schwarzhemd und Hut. Fertig.
Weiter geht es in die Maske. Die Betreuerin behält meine Hunde da, die bisher einfach nur vorbildlich sind.
Eine echte Maske, mit Spiegel, Schminktisch, Stuhl und Maskenbildnerin.
Was ich denn möchte?
Nichts.
Gut, so werde ich nur leicht über geschminkt, damit mein Gesicht im Scheinwerferlicht nicht röter leuchtet.
Gerade fertig, da klingelt mein Telefon. Mein Kollege hat den Reifen zum Reifendienst mitgenommen. Der ist aber nicht nur platt sondern auch runter und ein Winterreifen. Super, hab ich das Auto doch vor einem Jahr mit Allwetterreifen beim Autohändler in Mallentin gekauft. Danke dafür. Also eben neuen Reifen bestellt und angemeldet, mit dem Auto anderntags rum zu kommen. Ernsthaften Dank an meinen Kollegen.
Aber eigentlich bin ich doch gerade in der Maske!
Hi, hi.
Jetzt habe ich immer noch Zeit und lasse die Hunde in den Rabatten vor der Tür springen.
Jedem, der uns begegnet, zaubern wir ein verwundertes Lächeln ins Gesicht.
Ab 16.00 Uhr ist im Studio alles bereit.
Sendebeginn ist dann erst kurz vor fünf. Es bleibt dem Moderator gerade, uns vorzustellen und dann wird an die Nachrichten abgeben.
Ich bleibe auf dem Sofa sitzen. Ylva und Lillebror liegen davor. Die Beiden sind total unglaublich, entspanntes Dösen. Der Rummel und die Hektik berührt sie nicht.
Eins, zwei, drei, wir sind wieder auf Sendung.
Erst die Wetterfee, dann Verlosung einer Tasse und da bin ich auch schon dran.
Der Moderator stellt mir fragen und ich antworte.
Nichts davon ist geplant, geprobt, abgesprochen.
Ich stehe unter Druck, mich kurz zu fassen, ist doch alles gekürzt.
Und da wird der AlleWetter Beitrag von 2016 mit mir und den Schafen eingeblendet.
2:59 Minuten Pause.
Durchatmen.
Weiter geht’s.
Lillebror hatte die Schafgeräusche und meine Stimme gehört und ist plötzlich hellwach und aufgeregt.
Wo sind die Schafe?
Doch keine da?
Weiter dösen.
Während einer meiner Antworten wird Musik eingespielt und da ich zum Moderator blicke, sehe ich nicht, dass damit Bilder untermalt werden. So denke ich, es ist wie bei der Oscarverleihung, ich soll zum Ende kommen. Nur das die Musik nicht aufhört, wir weiter sprechen.
Und dann ist meine Zeit um.
Gefühlt waren es nur ein paar Minuten.
Und ich habe so viel nicht gesagt.
Nichts von der Petition zur Rettung der Schäferei.


Nichts zur Forderung der Schäfer zur Einführung der Weidetierprämie.


Und auch nicht, dass ich einen Blog schreibe.
 Um so erstaunter bin ich, beim Nachsehen am nächsten Tag, wie viel Zeit ich doch hatte und erst, wie entspannt ich wirke.
Wie meint eine Freundin, die mit Enkel zum Lämmerkuschel kommt, währen ich arbeite:
Wenn man den Beitrag sieht, denkt man Schäfer ist der entspannteste Beruf der Welt. Und dabei stimmt das gar nicht, es ist ja richtig schwere, harte Arbeit.
Ja, so ist es.
Auf jeden Fall war der Fernsehauftritt eine unglaublich spannende Erfahrung.
Wie viele Leute es braucht, für eine Sendung!
Und alle arbeiten sie Untertage. Kein natürliches Licht im Studio.
Und jeder unglaublich nett zu einer Schäferin in dieser ihr so fremden Welt.
Vielen Dank an das Hallo Hessen Team und meine Mitgäste! 

und noch einmal der link: