Donnerstag, 4. Juli 2019

Schäferkarre im Juni 2019


Schäferkarre, nicht zu verwechseln mit Schäferkarren.
Die Top 10 warum Du einem Schäfer nicht die Karre, oder auch Auto, klauen solltest:

10. Es hat nur eine Reichweite von 30 Kilometer bevor es überhitzt, trocken läuft oder anderweitig den Geist aufgibt.

9. Nur der Schäfer weiß, wie man die Tür auf und wieder zu bekommt

8. Es ist schwer, schnell zu fliehen mit all den abgebrochenen Zaunpfahlzinken, leeren Blauspreydosen, Colaflaschen, Strohbändern, nassen Lieferscheinen und alten Spritzen die um einen rumfliegen

7. Es dauert ewig bis die Karre anspringt und wenn sie es dann tut, kommen die Abgase durch den verrosteten Boden und nehmen Dir die Sicht (der Urin der Schafe, die im Kofferraum transportiert wurden, fördert Rost)

6. Der Hütehund auf der Werkzeugkiste auf dem Beifahrersitz sieht gefährlich aus

5. Das Auto ist zu leicht zu finden für die Polizei. Die Beschreibung würde sich ungefähr so anhören: Die Fahrertür ist Grün, die Beifahrertür rot und an der Heckklappe ist der Abdruck von einem Treckerreifen

4. Der Rundballen auf der Ladefläche nimmt Dir die Sicht ob Du verfolgt wirst. Du könntest die Seitenspiegel nutzen, wenn der eine nicht zersplittert wäre und der andere mit Panzertape überklebt

3. Höchstgeschwindigkeit beträgt gerade einmal 80 km/h weil sich durch den angestauten Müll der fünfte Gang nicht mehr einlegen lässt

2. Wer will schon ein Auto, bei dem der TÜV abgelaufen ist, das mindestens einen Monat Wartungsarbeiten benötigt, 3000 Euro Karosseriearbeiten und eine neue Windschutzscheibe

1. Es ist schwer ein Verbrechen zu begehen, wenn Dich auf der Flucht jeder grüßt

Naja, aber immerhin steckt der Schlüssel.


Inspiriert durch diesen Witz dachte ich, schreib mal einen Bericht über Schäferautos.
Gleich vorne weg, ich habe seit 25 Jahren den Führerschein und fahre mindestens genauso lange Autos in der Schäferei. Somit sind es Geschichten aus einem sehr langen Zeitraum.


 Die Bilder haben mit den Autos in der Geschichte nur soviel gemein, als das sie in der Schäferei fahren.


Noch nie ist irgend ein Betrieb auf die Idee gekommen, zu sagen, das Auto kannst Du nicht nutzen, das ist nicht verkehrstüchtig. Nein, Schafe wollen versorgt werden!


Besonders die Beleuchtung sowohl bei Auto, als auch Hänger hält dem Schäfereialltag schlecht stand. Gerade Blinker. Die funktionieren doch wirklich selten. Was heißt, beim abbremsen zum links abbiegen, besonders in Feldwege, immer erst die Autos hinter einem vorbei lassen, denn die wissen nichts von Deinem Vorhaben.


Spannend ist auch, wenn Du mit dem Auto links blinkst, der Hänger dann aber rechts anzeigt. Hier heißt es, Konzentriert bleiben und überlegen, wem man nun was anzeigen will.

 
Wenn nun gar kein Licht funktioniert, versucht man natürlich die Fahrten auf das Tageslicht zu Beschränken. Dumm nur, wenn man im Winter um halb drei Nachmittags in den Feierabendverkehr
gerät und es dann nicht ganz schafft. Und doch mutig im Zwielicht seinen Weg nach Hause fortsetzt, begleitet von Lichthupen und tatsächlichen Hupen.


Ärgerlich auch, wenn man im Stockdunkeln unterwegs ist und das Licht auf der Landstraße von einer auf die andere Sekunde ausfällt. Da hilft nur mit Warnblinker und Hoffen weiterzufahren.


Die Autobahnfahrt mit Hänger bei der plötzlich unter den Armaturen Rauch aufstieg, werde ich auch nicht vergessen. Das Auto am brennen! Doch als ich rechts ran fuhr, es ausstellte, hörte das Schmurgeln auf. Licht abgeklemmt, immerhin war es Tag, weiter ging es.

 
Auch schön, wenn der Gang für die schnelle oder langsame Übersetzung ab und an rausspringt. Nun soll man natürlich auf keinen Fall während der Fahrt mit Gewalt wieder Einkuppeln. Nein, dass Auto muss ausrollen und erst im Stand wird geschaltet. Wunderbar, wenn man so mit Schafen auf dem Hänger 200 Kilometer vor sich hat. Springt der Gang auf der Autobahn raus, kann man ja auf dem Standstreifen ausrollen. Ärgerlicher ist es, auf Abfahrten oder Zubringern. Aber auch diese Tour ist überstanden.

 
Reifen hingegen sind meist erstaunlich Robust, tragen den Schäferalltag verlässlich mit.
So kann ich mich nur an zwei Platten überhaupt erinnern.


Bei dem einen war ich zum Glück gerade in einem Feldweg, natürlich mit Hänger und weit, weit von Zuhause. Während ich noch am probieren war, die lange Stange durch das Loch einzuführen um das Ersatzrad vom Unterboden des Hilux los zu kurbeln, kam von hinten ein weiterer Geländewagen mit Hänger. Dem blockierte ich natürlich die Fahrbahn.
Aber wir sind auf dem Land, da wird nicht gehupt und gezetert, da wird mit Hand angelegt.
Nach dem wir den kaputten Reifen runter hatten, zeigte sich das ganze Ausmaß. Die Blattfeder war gebrochen, ausgeschert und hatte den Reifen aufgeschlitzt. Da blieb nichts anderes, als platt zu gehen.
Doch meine freundliche Hilfe hatte einen Vorschlaghammer auf seinem Hänger, mit dem schlug er die Feder zurück an ihren Platz. Und ich hatte Spanngurte dabei, so ließ sich das ganze fixieren.
Ersatzreifen aufgezogen, mich herzlich für die Hilfe bedankt und weiter ging es.


Die Nichtschäfer schütteln vermutlich ihren Kopf, die Schäfer hätten sicher noch jede Menge wesentlich bessere Geschichten auf Lager.


Und ich? Mich für einen Chef in eine Schäferkarre zu setzten, mich dem Abenteuer auszusetzen, macht mir Spaß, denn ich trage nicht die Verantwortung und es hat etwas vertrautes. Mit solchen Autos bin ich groß geworden.
In meiner Kindheit, da war der R4, mit dem sind wir bis nach Frankreich ans Meer gefahren. Ich schlafend auf der Rückbank, mein Bruder auf der Hutablage. Berge konnte man mit diesem Auto nur erklimmen, wenn einer vorne auf der Motorhaube saß.
Oder das Auto, dass immer am Hang geparkt wurde, damit es beim Anrollen ansprang.
Und am besten, die Ente, bei der jemand an der Kreuzung rauspringen musste und vorne kurbeln.
Meine ersten Autos waren nicht besser, der von mir sehr geliebte Toyota Tercel, der zum Ende Kaffee im Filter brauchte.
Danach der VW Passat, bei dem ich zu Anfang noch über die Beifahrertür rein kam, zum Ende nur noch durch den Kofferraum. Bei ihm musste ich mit dem Hammer auf den Anlasser schlagen, damit er ansprang.
Und der Nissan Micra, der im Stadtverkehr gerne heiß lief. Da half nur Innenheizung auf volle Pulle, damit die warme Luft aus dem Motorraum kam. Total egal, dass draußen auch über 30°C waren.
Erst heute, mit den langen Strecken die ich als Betriebshelfer zu fahren habe, ziehe ich ein etwas zuverlässigeres und dann leider auch teures Auto vor.


Fragt sich nun einer, was die Gesetzeshüter von solchen Eskapaden halten?
Also, das ist nur eine Vermutung, aber ich glaube, es geht ungefähr so:
Junger Kollege: „Guck mal, bei dem Auto ist der Auspuff mit Strohschnur festgebunden!“
Älterer Kollege: „Schau mal, wie hier die Wiesen blühen!“
JK: „Aber die Karre dort! Da ist ein Schaf auf dem Rücksitz!“
ÄK: „Die Wolken heute sind auch toll. Richtige Schäfchenwolken!“
JK: „Der hat nicht geblinkt! Er hat mit der Hand das Signal zum Abbiegen gewunken!“
ÄK: „Komm lass schon. Er ist abgebogen. Den Papierkram willst Du Dir nicht wirklich antun!“
JK: „Papierkram? Lassen wir.“

Nur eine Vermutung.
Aber angehalten wurde ich in all den Jahren nur zwei mal.
Das eine mal: „Also, meine Kollegin wollte es gar nicht glauben. Aber Ihr Hänger hat schon seit über einem Jahr keinen TÜV mehr. Wir mussten sie einfach anhalten. Hier, ich gebe ihnen einen Zettel, den senden sie in einer Woche mit dem neuen TÜV Beleg zurück. Was haben sie denn für tolle Hunde auf dem Rücksitz! Die hüten so richtig Schafe?“
Und das andere mal: „Sie wissen schon, dass an ihrem Hänger das Licht mit Band angetüddelt ist und auf den Reifen keinerlei Profil?“
„Ja.“
„Eigentlich dürften sie so nicht weiter fahren. Wo wollen sie denn hin?“
„Jardelund.“
„Jardelund? Wirklich?“
„Ja. Die Schafe stehen im Jardelunder Moor, warten darauf, dass ich sie hüte.“
„Jardelund! Unglaublich! Echt unglaublich. Wissen Sie woher ich komme?“
„Nein.“
„Aus Jardelund.“
„Echt?“
„Ja. Wissen Sie, hier, ein Zettel, die Fehler müssen sie schon beheben lassen. Aber fahren sie mal weiter. Mensch, nach Jardelund!“


Kommen wir noch zu etwas völlig anderem.
Etwas in eigener Sache.
Ohne Schafe.
Mein Buch wird veröffentlicht!!!
Ein Fantasy-Roman.
Nicht nur irgendeiner, denn dies ist mein absoluter Herzenswunsch.
Und der wurde von dem Verlag Weltenschreiber angenommen.
Weltenschreiber 
Vielen Dank Swetlana Neumann.
Sagt nun der ein oder andere, ach, ich hätte ja gerne die Schafgeschichten in Buchform. Da kann ich nur sagen, mein blog läuft nicht davon. Und ja, ich habe nicht ganz so viel Energie in die Verlagssuche dafür gesteckt, ich gebe es zu.
Mir bedeuten die Schäfereiberichte sehr viel!
Aber sie gehen doch immer nur um mich, um mein Leben.
Eine Fantasy Geschichte schreiben zu dürfen, ist das genau Gegenteil.
Ich tauche ein in eine fremde Welt, erlebe fremde Dinge, spüre mit fremden und doch so vertrauten Menschen mit. Das schreiben fühlt sich immer etwas so an, als dürfe ich an einem lebendigen Geschehen teilhaben, als wäre es gar nicht meine Kreation. Gerade die Protagonisten machen das all zu oft sehr deutlich, in dem sie mich, freundlich gesagt, gerne überraschen. Oder auch die Wände hinauftreiben, mit ihrem Starrsinn!
Wer von Euch also nicht nur Schäfereiberichte spannend findet, sondern sich auch für meine Art zu schreiben begeistert, darf sich freuen und aufgeregt sein!
Ich bin es auf jeden Fall!
Vielen herzlichen Dank!
Liebe Grüße
Anna


Donnerstag, 6. Juni 2019

Mai in der Eifel 2019


Mai!
Mein absoluter Lieblingsmonat!
Alles wächst und sprießt.
Grünt und blüht.
So langsam schütteln wir uns alle den Winter und die Lammzeit aus den Knochen.
Die Sonne ist herrlich warm, noch nicht zu heiß und auch die Trockenheit macht zwar etwas Furcht, aber ist noch nicht zerstörerisch.
Die kleinen Lämmer toben wild und zügellos über die hellgrünen Wiesen.
Total unerzogen und respektlos vor dem Hund, um dann nach der Abmahnung kopflos zu fliehen.
So mancher über den langen Winter fett gewordener Hütehund kommt nun an all seine Grenzen.
Nicht so meine, denn es ist immer noch kein Hüten.
Leider.
Auch, wenn ich eigentlich zu den Menschen gehöre, die sagen:
Unhütbare Flächen?
Die gibt es nicht!
Hier in der Eifel muss ich es einsehen.
Die Schafe sind über Winter viel genetzt worden und ähnlich wild wie ihre Lämmer. Dazu haben sie mich und meine Hunde in den letzten Monaten vergessen.
Um dies wieder zu beleben bräuchte es eine Fläche die übersichtlich, groß und mit klaren Grenzen ist. Da könnten sich die Hunde einpendeln, die Schafe würden sich beruhigen, feststellen, dass weder Hunde noch Schäferin ihnen etwas böses wollen. Sie würden anfangen in meiner Nähe zu fressen, sich der Grenze mit den Hunden nähern und alles würde entspannen.
Aber solche Flächen hat es zur Zeit nicht.


Es sind verbuschte Steilhänge, die zum größten Teil bewaldet sind. In den lichten Frühlingswäldern blühen wunderschön die Orchideen. Und auch, wenn die dort blühen, da die Flächen beweidet werden, gäbe es riesen Alarm, sollte da jetzt ein Schaf dran knabbern oder drüber laufen.







Unübersichtliches Gelände und dazu feurige Schafe machen das Hüten nicht möglich.
Also werden elektrische Zäune gebaut.
Denkt irgendjemand, ist doch gut, Netze auf gestellt, Schafe rein, Feierabend?
Ha, ha.
Die zu beweidenden Stücke sind winzig, die Hänge extrem Steil, der Boden felsig, zum Teil gibt es steinerne Terrassen, Bäume, Hecken, Büsche, Stacheldrahreste.
Ich verbringe die gleiche Zeit, die ich sonst auf meinem Stock lehne und die Hunde dirigiere damit, mit Zäunen auf Hänge zu klettern.














Wobei mir auch das Freude macht.
Meine Hunde spielen um mich herum, ich bin draußen im Grünen, habe den Blick weit in die Täler und bewundere die bunten Blumen und kleines Getier.







Da ein Bächlein das über Felsen springen und über das natürlich auch der Zaun rüber muss.
Und einmal ein Rehkitz. Da lasse ich den Zaun offen. Die Mutter holt es ab, wenn Hunde und ich fort sind.

 
Meine Gedanken haben Zeit zu fliegen, sich mit Geschichten zu beschäftigen, darauf konzentriere ich mich. Denn nichts vergrämt mir die Arbeit mehr, als darüber nach zu denken. Darüber, wie viele Netze ich den Hang hier noch hoch schleppen muss, wie ich da hinten über die Mauer oder durch die Dornen komme und am aller schlimmsten, dass ich das alles schon morgen wieder abbauen muss.
Nein, da bekomme ich schlechte Laune!
Immer ein Schritt nach dem anderen, dann ist es schön!
Und zwischen durch wird die Herde ja auch bewegt, darf der Hund was tun.


Auch lasse ich die Herde nicht einfach aus dem Zaun. Nein. Alles geht nur über mich. Ich öffne, stehe auf dem frischen Futter und rufe. Die Herde beäugt mich mißtrauisch, überlegt umzudrehen. Doch da ist der Hund. Eine Mischung aus Geduld, Zwang und sie nicht ausweichen lassen. Irgendwann kommen sie.

Der Zaun zum frischen Futter ist weg, Lillebror ist oben rechts hinter dem Zaun, Ylva ist hinter der Herde platziert und ich rufe. Doch sie wollen nicht, finden sie mich doch sooo gruselig.
Hier das gleiche Spiel. Nur, dass Lillebror von hinten schiebt und jedes Bestreben runter ins Tal zu fliehen unterbindet. Ich rufe im frischen Futter!!!

Geht doch!

Und, ich weiß es ja noch aus dem Herbst, früher oder später kommt das Vertrauen zu mir.
Alle Schafe werden geschoren und mit den Lämmern entwurmt.

Schafschur
Alles Arbeiten aus dem Schäfereialltag, die Abwechslung bringen.
Und Anstrengung.
Ach, einen neuen Bericht muss ich auch noch schreiben.
Wo quetsche ich den noch rein?
Mir fehlt einfach die Zeit!
Und dann liege ich abends in meinem kleinen Wohnwagen und aus den müden Gliedern werden langsam ansteigende Hüftschmerzen.


Schmerzen in der Hüfte hatte ich noch nie und irgendwie machen sie mir Angst. Da ist doch die beste Lösung, sie zu ignorieren. Was kommt von alleine, geht von alleine!
Nur Schlaf kommt nicht und wenn reisen mich die Schmerzen schnell wieder heraus.
Oh! Mensch! Ich muss doch Arbeiten!
Dass geht jetzt einfach nicht!
Und was mache ich, wenn nun die Hüfte am Arsch ist?
Nein, ich will das nicht.
Dem Schmerz ist mein Gedankenkarussell völlig egal, er bleibt.
Am nächsten morgen komme ich kaum in meine Kleider und den einen Schuh schaffe ich auch nur notdürftig zu schnüren. Mühselig humpel ich in den Stall, füttere die paar Brackschafe.
Dann wird es Zeit doch zu beichten.
Ich gestehe meinen Auftraggebern meinen Zustand.
Und sie sind so unglaublich verständnisvoll.
Ich bekomme die Versicherung, dass man wegen einmal Hüftschmerzen noch keine neue Hüfte braucht.
Dazu der Trost, dass das die Reißleine des Körpers ist. Zu viel ist zu viel, mach mal langsam. Und es gäbe deutlich schädlichere Reißleinen als diese.
Außerdem wird etwas telefoniert und zack habe ich schon Vormittags einen Termin bei einer befreundeten Osteophatin die mich zwischen zwei Patienten schiebt. So liege ich nicht lange darauf auf dem Behandlungstisch, werde gedrückt und geschoben, verdrehte Hüfte, Becken, Knochen vorsichtig überredet, zurück in ihre eigentliche Haltung zu rutschen. Mit der Anweisung heute nicht mehr zu arbeiten und auch nichts mehr zu heben, werde ich entlassen. Nichtmal bezahlen darf ich.
Wow! Landbevölkerung! Hier stimmt der Zusammenhalt noch.
Zurück auf dem Betrieb und ich habe nichts zu machen.
Einfach so, frei.
Ich fühle mich zwar noch, wie unter ein Auto gekommen, der ganze Körper weint, aber die Beweglichkeit ist weitestgehend wieder da.
Erstmal schlafe ich tief und fest, aber dann habe ich die Zeit zum Schreiben.
Wunderbar!

Abendlicher Blick
Als ich am nächsten morgen aufwache, bin ich wieder fit.
Das nichts mehr weh tut, wäre maßlos übertrieben, aber wie war das:
Wenn Du ab vierzig morgens aufwachst und es tut nichts weh, bist Du vermutlich tot.
Die Hänge haben mich wieder.
So wunderschön ist die Eifel im Frühling!

Das ganze Teil, aufgeteilt in drei Flächen


Die Schafe auf der mittleren Fläche

die rechte Seite

und links, alles Abgefressen

weiter gehts!

Zaungäste


Sonntag, 5. Mai 2019

Lämmer, Lämmer, Lämmer


Lammzeit 1996
Ein Wochenberichte vom 18.03. - 24.03.1996 aus meinem Berichtsheft:
Ich sitze hier in einer Pause. An meinen Händen sind noch Reste von Viehzeichenfarbe und Geburtsschleim. Diese Woche geht es nun richtig rund. Dienstag 40, Mittwoch 32, Donnerstag 44, Freitag 51 Lämmer. 25 Flaschenlämmer, so viele Zwillinge wie nie zuvor. Während der Arbeitszeit ist einer immer am „Lämmersortieren“, nach Feierabend wechseln wir uns ab, um 20.00 Uhr, 22.00, 01.00, 04.00 Uhr und dann Früh wieder. Mit anfangs 16 später 20 Einzelbuchten. Bei so vielen Mutterschafen mit Lämmern heißt das: Mutterschaf mit Lamm rein, Mutterschaf mit Lamm raus, teilweise stündlich, Zwillinge sollen etwas länger drinnen bleiben. Keine Milch, will den Zwilling nicht, will gar kein Lamm, kaum Milch, will das Lamm von der da drüben, Lamm tot, also unterstoßen eines Flaschenlammes, an einem Tag drei, also drei Einzelbuchten besetzt, Scheidenvorfall, kitzlig am Euter, Schwergeburt, Tierarzt muss kommen, Gebärmuttervorfall, bei den Nichttragenden findet sich ein neugeborenes Lamm …
Trotz des Stress gehört die Lammzeit für mich zu den schönsten, befriedigendsten Jahreszeiten. Wenn ich dann todmüde aber zufrieden im Bett liege, gehe ich in Gedanken die Einzelbuchten nochmals durch und sortiere im Traum Lämmer.


Ja, viel hat sich da in den letzten 22 Jahren nicht geändert.
Hauptsächlich, dass die Lammzeit nun nicht mehr zu meiner Lieblingsjahreszeit gehört.
Die Kräfte sind ja auch nicht mehr die selben.
So bin ich froh nach vier Wochen eine Woche Pause zu haben, um etwas erholt in die letzten drei Wochen zu starten.
Eine Woche verändert viel.
Die Herdenschutzhundwelpen sind ausgezogen.
Mutter Yuna ist erfolgreich in das größere HSH Rudel integriert.


Nur ein Welpe, Goran, bleibt und lebt weiter im Stall. Zur Seite hat er seinen Vater Gunnar, der sich zwar mit Schafsböcken anlegt, aber mit Schafen, Lämmern und kleinen Welpen die Sanftmut in Person ist. Auch würde er nie über eine Hurde springen. Ein gutes Gespann.
Morgens, während dem Füttern, sperre ich Gunnar auf eine Wiese, so kann ich meine Hütehunde laufen lassen.


Für den Welpen ist das Hundeabwechslung, für Ylva und Lillebror Bewegung und für mich Hilfe. Lille räumt die Gangraufe frei, damit ich die Seiten runter lassen kann, ohne Schafhälse zu quetschen. Und er hält Muttern und Lämmer zurück, während Heurundballen in die Raufen gefahren werden.

Hier ein Link zu einem Filmchen über das morgentliche Füttern:

Das Gröbste ist nun geschafft, es sind 100 Muttern nach, die noch lammen müssen.
Auch die Spitzen mit über 30 Lämmern am Tag sind geschafft.


So möchte ich in diesem Bericht auf Probleme in den Einzelbuchten eingehen.
Wer etwas empfindlich zu drastischen Beschreibungen und Bildern ist, sollte sich vielleicht diesmal den Bericht schenken.


Ein neugeborenes Lamm braucht Biestmilch oder auch Kolostrum genannt. Es enthält wie die später gebildete Mich Proteine, Enzyme, Vitamine, Mineralien, Wachstumsfaktoren, Aminosäuren und von der Mutter gebildete Antikörper, jedoch in wesentlich höheren Anteilen. Damit wird das Lamm gestärkt und seine Immunabwehr aufgebaut. Hat ein Lamm keine Biestmilch bekommen, überlebt es in der Regel nicht.
So sucht ein Lamm auch, kaum auf den Beinen, nach dem Euter der Mutter und trinkt.
Hierfür lasse ich Mutter und Lamm gerne etwas Zeit, bevor ich mich einmische.
Ob das Lamm etwas im Bauch hat, lässt sich gut erfühlen. Bin ich unsicher kann ich nun auch das Euter überprüfen, ist es schon angetrunken? Oder noch durch einen Pfropfen verschlossen?
Dabei teste ich gleich beide Euterhälften, sind beide frei? Nicht, dass eine einseitige Euterentzündung entsteht.
Lämmer die über längeren Zeitraum noch nichts im Bauch haben, wirken erstmal nicht unbedingt unfit. Nur werden sie in ihrem Suchen immer chaotischer, lutschen an Beinen, an Hurden, rufen, sind schnell unterwegs. All das ist ein Zeichen, dass dringend Hilfe nötig ist.
Da muss nun schnell Milch rein.
So schiebe ich das Muttertier in der Einzelbucht in eine Ecke und hake den Hinterfuß zu meiner Seite in die Hurde hoch. Das Lamm und ich haben nun freien Zugang zum Euter.
Vorne halte ich das Schaf mit einem Arm, oder sogar nur mit einem Knie, um die Hände frei zu haben. Mit denen steuere ich das Lamm ans Euter.
Bin ich sicher, überzeugt und entspannt hält die Mutter brav still.


Beim Lämmersteuern ist das Wichtigste, möglichst wenig Zwang. Je mehr ich festhalte, presse, je mehr leistet es Widerstand, trinkt nicht.
Sollte ich es so nicht zum Saufen bekommen, setze ich die Mutter um, auf den Hintern zwischen meine Beine. Das Lamm lege ich zwischen ihre Beine vor das Euter. Nun greife ich mit einer Hand den Kopf des Lammes und klemme mit dem Finger das Mäulchen auf, mit der anderen melke ich Milch hinein. Ich schließe das Maul um die Zitze, hoffe auf Schlucken. Fördern kann ich das noch mit streicheln des Lammhintern oder leichte Stoßbewegungen des Lämmerkopfes gegen das Euter. Meist fängt das Lamm nun an gierig zu saugen. Tut es das nicht, mache ich eben weiter mit meinen Überredungskünsten.


Hat die Mutter keine oder nicht genug Milch gehe ich mit dem Lamm auf Klauertour bei anderen frischen Einlingsmüttern. Sind keine da, taue ich Biestmich im Wasserbad auf, nicht zu heiß, sonst gehen die Inhaltsstoffe verloren.
Biestmilch eingefroren von Schafen mit viel Milch oder Ziegen ist immer die beste Lösung. Es gibt auch unglaublich teures Pulver. Oder man fragt beim nächsten Milchbauern an, für den sind ein, zwei Liter Biestmilch nichts, kippt er sie oft sogar weg und bei uns rettet das mal eben zehn Lämmer.
Hat das Lamm etwas im Bauch lasse ich Mutter und Kind erstmal wieder in Ruhe.
Viele Dinge lösen sich mit Zeit und Ruhe von ganz von alleine.
Lässt ein Schaf ihr Lamm nicht trinken, kann das unterschiedliche Gründe haben.
Mag sie einen ihrer Zwillinge nicht, kann ich nichts tun. Zumindest habe ich noch kein Schaf dazu gebracht, das gehasste Lamm doch noch zu nehmen. Und gerade bei diesen Schnucken, die doch schon so selten zwei bekommen, kommt das ziemlich häufig vor.
Da habe ich dann ein Flaschenlamm.
Manchmal will eine Mutter aber noch nicht mal ihr eines Lamm. Gerade bei Erstlammenden kommt auch vor, dass sie kitzelig am Euter ist, oder zu aufgeregt zum stillhalten, oder ohne Verständnis dafür, was das Lamm da unter ihrem Bauch will.
In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dann das Schaf anzubinden. Mit zwei Stricken oder breiten Spanngurten wurde die Mutter stehend an der Hurde fixiert. Nicht zu fest, aber schon so, dass sie diese Position nicht verlassen konnte. Wichtig dabei war, das die Nachgeburt schon draußen war, man das Tier in Überwachung hatte, es an Futter und Wasser gelangte und man es nicht zu lange hängen ließ. Aber meist reichten auch schon ein, zwei Stunden. Denn nun konnte das Lamm ohne Schwierigkeiten an das Euter und trinken. Und die Mutter konnte fühlen, dass das gar nicht so ein Drama ist, konnte am Hintern des Lammes riechen und es als ihres erkennen. Diese Anbindemethode war fast immer von Erfolg gekrönt.
Und was mache ich, wenn die Mutter ihr Lamm sehr liebt und sie genügend Milch hat, das Lamm aber nicht überlebt? Dafür gibt es die unterschiedlichsten Gründe, Frühgeburt, im Bauch oder unter der Geburt gestorben, im Fruchtwasser erstickt, lebensschwach, schwer verkrüppelt, erkrankt, usw. Lämmertode sind vielfältig. Nun habe ich da eine trauernde Mutter, die ihr Kind vermisst. Warum sie nicht mit einem neuen beschenken, ihr eines unterstoßen?
Dafür „mäntel“ ich das neue Lamm.
Es sollte ungefähr genauso groß oder kleiner als das Tote sein. Auch sollte es noch erinnern, wie man aus einem Euter trinkt. Ein dickes Flaschenlamm, das nur noch nach dem Menschen schreit, werde ich keinem Schaf mehr andrehen können. Dazu sollte es hungrig sein. Bestes Szenario ist, ich setzte das bemäntelte Lamm zu seiner neuen Mutter und es strebt sofort zum Euter, fängt an zu trinken. Die Mutter riecht am Hintern und erkennt ihr Lamm.
Sehr gut!
Zum Mantel selbst, hier gibt es unterschiedliche Methoden, ich erkläre meine.
Das tote Lamm wird an einem Hinterfuß aufgehängt. Mit einem scharfen Messer ringele ich die beiden Hinterbeine und schneide dann von einem Bein zum anderen eine Linie durch die Haut.
Nun ziehe ich das Fell ab, den Schwanz lasse ich am Fell, trenne nur den Knochen vom Rumpf.


So kann ich das Fell, wie man einen Pullover auszieht, von dem Lamm ziehen.

Hängt der Mantel nur noch umgekehrt an Kopf und Vorderbeinen ringele ich auch hier und ziehe ihn ab.


Nun drehe ich alles wieder richtig herum und ziehe das ganze dem Mutterlosen wie ein T-Shirt an. Wichtig ist, dass der Hintern abgedeckt ist. Eine zweite Geburt für das Lamm.


Der Mantel bleibt so lange drauf, bis es darunter genauso entsetzlich stinkt. Nun wird das alte Fell stückweise von dem Lamm geschnitten.
Dieses Jahr kann ich sagen, dass wirklich jedes bemäntelte Lamm, und es waren einige, von den Müttern angenommen wurden.
Und wenn sich keine liebende Mama findet?
Was dann?
Dann muss der Zwerg wohl mit der Flasche aufgezogen werden.
Flaschenlämmer.
Oh, Flaschenlämmer.
Nun mach ich das ja auch schon seit fast 30 Jahren.
30 Jahre Flaschenlämmer.
Nein, definitiv schon lange nicht mehr mein Lieblingszeitvertreib.
So möchte ich auf keinen Fall Zeit mit unnötigem Getüddel vertun.
Was heißt ich renne nicht mit Nuckelflaschen und Thermoskannen durch den Stall.
Es geht mir darum, das Lamm möglichst schnell an die Lammbar zu gewöhnen.


Lammbar ist ein Eimer mit bis zu sechs Saugern, den ich an einer Halterung auf Stehhöhe der Lämmer anbringe und aus dem sie dann die Milch trinken.
Beachtet man ein paar Dinge, ist es kein Hexenwerk und ziemlich schnell trainiert.
Das wichtigste, der Sauger auf der Flasche muss von der gleichen Art wie die an der Lammbar sein.




So kann ich das kleine Babylamm, dass noch nichts weiß und erst Trinken lernen muss, auf meinem Schoß anlernen. Auch hierbei gilt, je weniger ich halte und zwinge, je eher trinkt das Lamm.
Ist das Lamm so weit, gierig zu saugen, ist es ein leichtes, es an die Lammbar zu schieben.
Habe ich schon Lämmer die gut an der Bar saufen, lernen die Neuzugänge sogar oft von alleine dort auch zu trinken.
So stelle ich auch immer zuerst die Lammbar auf. Dann füttere ich mit der Flasche die Lämmer, die noch irgendwo in Einzelbuchten bei Müttern sind. Zwischendurch fische ich alle Lämmer deren Bäuche prall wie Ballons sind von der Bar, sperre sie weg. Platzen sollen sie ja nicht und so haben nun andere Raum zum Trinken. Erst zum Ende schaue ich, ob alle Mägen ausreichend gefüllt sind. Bei jüngeren Lämmern füttere ich gegebenen Falls noch Flasche nach, bei älteren unterstütze ich ihr Trinken an der Bar.


Dieses Jahr bringe ich nicht fertig, liebenden Schafsmüttern mit nicht ausreichend Milch ihr Lamm abzusetzen. So kommen sie in eine Bucht direkt neben den Flaschenlämmern. Ich kann ihre Lämmer zum Trinken an die Bar setzen und später zurück zu ihren Müttern.
Die liebe zwischen Mutter und Lamm, diese innige Bindung ist und bleibt das, was mir am meisten Freude macht!