Freitag, 29. September 2017

Jungschäfertreffen mit Leistungshüten im Juli 2017


Jungschäfertreffen.
Ja, ich gebe es zu, so richtig hab ich da nichts mehr verloren.
Aber willkommen war ich trotzdem und auch nicht die einzige die nicht mehr ganz so frisch in die Welt schaut.
Gastgeber war die Schäferei Gerlach in Braunfels, die dies zum zweiten Mal übernahm und mit einem unglaublichen, ehrenamtlichen Engagement dafür sorgte, dass es ein rundum gelungener Abend wurde. Natürlich auch Dank der vielen freiwilligen Helfer und großzügigen Spenden von Firmen und Fachverbänden.
Um die sechzig Leute waren gekommen und genossen leckeres Essen, Getränke und Schäfergespräche.
Das Motto war „Wir malen unsere Zukunft“ und so gab es einen Impulsvortrag von Heinz-Gerhard Franz vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen zum Thema Hofübernahme. Das war wirklich sehr interessant.
Geschlackelt habe ich bei den Geldsummen die es zur Finanzierung benötigt.
Da sollte das Konzept und die Planung doch sehr genau sein, bevor man solch einen Schritt wagt.
Wobei ich damit keinen jungen Schäfer entmutigen möchte, seinen Traum zu verfolgen!
Für mich fällt mir da nur wieder der bärtige Satz ein:
Ich bin zu alt für diese Scheiße! (Bruce Willis at his best!)
Danach erarbeitete Dr. Ilona Gebauer von der Region.Marketing GmbH in Friedberg mit den Zuhörern die „Zukunftsfähige Schäferei 2017“.
Der Abend verging wie im Flug mit netten neuen und alten Bekanntschaften und all den spannenden und interessanten Schafthemen.
Wo wir doch oft als einsame Streiter gegen Windmühlen kämpfen, ist so ein Zusammentreffen einfach wichtig, fördert unser Selbstbewusstsein als Schäfer.


Das gleiche gilt natürlich für das Leistungshüten am nächsten Tag.
Acht Hüter waren gemeldet, unzählige Zuschauer, viel Fachpublikum aber auch einfach Interessierte waren zu gegen.


Dazu ein Stand der für das leibliche Wohl sorgte und zwei Stände die all das anboten was jedes Schäferherz höher schlagen lässt, sei es Ohrmarkenzange, Flaschensauger, Klauenmesser oder Anstecker, Hut und Schwarzhemd.
Leider sagte am Abend vorher der eine Richter unerwartet ab, so musste die Veranstalterin spontan einspringen und hatte nun zu der ganzen Organisation zu richten. Danke dafür und auch alles andere.
Aus der großen Merinoherde waren 250 gleichmäßige Schafe aussortiert worden, dazu ein paar Ziegen, bewusst all die Leittiere wählend und die Lumpen eben nicht.
Die Herde dieses Traditionsbetriebes wird jeden Tag, Sommer wie Winter mit optisch sehr unterschiedlichen Altdeutschen Hütehunden gehütet. Also beste Voraussetzungen für das Leistungshüten mit lauter fremden Hunden.
Einziger Nachteil, es ist keine Herde mit der Preishüten geübt wird, was heißt, sie werden praktisch gehandhabt. Beim Ausfahren wird der Zaun geöffnet, gerufen und dann losgezogen. Da brauchts keine enge Öffnung, keinen Hund am Eck.
Dazu ist es ein Schäferinnenbetrieb, eine Mädchenherde. ;)
So hatten es die Hüter dann auch nicht einfach.
Öffneten sie die zwei Felder, stellten den Hund ans Eck und riefen, kam kein Schaf aus dem Pferch.
Es blieb nichts anderes übrig, als den Hund weiter rein laufen zu lassen und ihn erst mit der anziehenden Herde (die Tiere bewegen sich zum verlassen des Pferches) an die Ecke zu positionieren.
Das war nicht leicht, besonders, da die Schafe wirklich nicht wollten.
So musste der Hund deutlich machen, dass sie zu Laufen hatten. Dieser Druck durfte aber nur sehr vorsichtig durch laufen und der Hundeposition erfolgen.
Wendete der Hund nun Gewalt in Form von Greifen oder Bellen an, kamen die Schafe natürlich sofort, das war ja eine klare und deutliche Ansage.
Gleichzeitig versaute man sich damit aber das weitere Hüten.
Schafe sind Gewohnheitstiere, sie mögen ein überschaubares, sicheres, behütetes Leben.
Jede Unregelmäßigkeit darin finden sie scheiße und reagieren dann mit Verweigerung. Was heißt, sie laufen zusammen, bleiben dicht beieinander stehen und verweigern das Fressen.
So ist ein Leistungshüten eh schon schwierig für sie. Ist dann ein fremder Hund zu drastisch, sind sie ab dem Moment auf totalem Habacht, besonders auch vor dem doofen Hund und verweigern noch mehr.
Ich selbst erinnere mich, dass ich Monate gebraucht habe, um genau diese Herde dazu zu bringen mir freiwillig zu folgen. Davon hatte ich schon mal berichtet, um so berührender ist dann, dass die Schafe ihr einmal gefasstes Vertrauen auch über längere Abwesenheit meinerseits halten.


Nun kann man sich natürlich Fragen, weshalb zwingt man Tiere zu etwas, was sie nicht wollen. Wozu ein Leistungshüten? Befriedigt das nicht nur uns Menschen auf Kosten der Tiere?
Ein Leistungshüten ist weit mehr, als ein sportlicher Wettkampf unter Schäfern.
Natürlich geht es auch darum sein Können zu messen und auch das ist wichtig, schafft es doch ein Augenmerk darauf, was alles möglich ist mit Hund und Schaf.
Jedes verletzende Verhalten von Hüter oder Hund wird mit sofortigem Unterbrechen geahndet, etwas, was ich aber noch nie gesehen habe.
Aber auch jedes gröbere Herangehen des Hundes oder genervtes, aggressives Auftreten des Schäfers wirkt sich auf das Hüten und die Leistung aus. Eben nicht nur durch Punktabzug, sondern durch unkooperative Schafe.
Leistungshüten sind der Anlass, bei dem sich Schäfer zum Austausch treffen, eine Kultur am leben erhalten, die älter ist als alt.


Eine weitere Frage die häufiger gestellt wird: Ist es überhaupt zulässig, Tiere zu etwas zu zwingen, zu dem sie keine Lust haben?
Immer öfter begegnet einem die Ansicht: Nein. Ein Tier muss ohne Zwang leben können, alles andere ist nicht Artgerecht.
Was beim Schaf hieße, Klauenschneiden, Entwurmen, überhaupt jede Krankheitsbehandlung sei Quälerei.
Die zwei Minuten im Jahr in denen das Tier geschoren wird, sei nicht zumutbar.
Und da das so sei, Schafe aber nicht ohne Schur leben können, da Wolle nun mal von Menschen so gezüchtet wurde, dass sie geschnitten werden muss, dürfte es keine Schafe mehr geben.
Klingt verrückt, aber die Tierrechtsorganisation die das fordert, tötet auch Hunde, um sie vom Joch der Menschen zu befreien.

Wer nun den Kopf schüttelt und sagt, ach, das sind doch nur ein paar Spinner, der verpasst unter was für einem Druck wir Tierhalter schon stehen.
Da gibt es Anzeigen, weil Schafe in ihrem natürlichen Umfeld der Witterung ausgesetzt sind.
Oder weil sie nur zur Tränke gehütet werden und nicht permanent rund um die Uhr Wasser zur Verfügung haben
Und ich frage mich, was das ist, was Menschen dazu bringt, mit Tieren mitzufühlen, genauer sich vorzustellen, dass wenn sie ein Schaf wären, sie doch darunter Leiden würden. Denn es ist ja kein wirkliches Mitfühlen, da es dem Tier in keinster weise schlecht geht.
Und warum geht es immer nur um Tiere, interessiert es irgendjemand, ob Menschen vielleicht zu lange Arbeitstage haben, ihnen Dinge zugemutet werden, die sie nicht mögen?
Aber nein, der Mensch, der ist ja der böse, das schlimmste Raubtier unseres Planeten. Mit ihm braucht es kein Mitleid, da wäre doch eine gewisse Reduktion sinnvoll.
Dann hätte die Natur die Chance zurückzukehren.
Der Mensch hat in der Natur nichts verloren, bedroht das natürliche Gleichgewicht.
Um da mal einen Zahn zu ziehen: Natürliches Gleichgewicht im Sinne von harmonischem Zusammenleben der Mitgeschöpfe gibt es nicht!
Es ist immer ein fressen und gefressen werden.
Geht es der einen Spezies gut, vermehrt sie sich so stark, bis es zur Überpopulation kommt und erscheint nicht ein Lebensraumkonkurrent, der besser ist, diesen auszufüllen, kommt Krankheit oder die Ressourcen brauchen sich auf.
Die einzige Spezies unseres Planeten die tatsächlich in der Lage wäre ein natürliches Gleichgewicht im Sinne vom harmonischem Zusammenleben der Mitgeschöpfe herzustellen sind wir Menschen.
Damit der Mensch etwas schützt, was nicht sein eigen ist, muss es ihm vor allem erstmal so gut gehen, dass er über den eigenen Tellerrand des Überlebens hinaus schauen kann. Und er schützt nur was er liebt und liebt nur was er kennt.
Zu glauben wir könnten den Planeten aufteilen in Menschenhochburgen und Natur ohne menschlichen Kontakt führt zu einer Entfremdung, einer Verarmung, die am Ende doch nur wieder zu Naturzerstörung führt.
Menschen die im Einklang mit Tier und Natur leben, und bei denen es nicht jeden Tag um die eigene Existenz geht, dass sind Menschen die unseren Planeten erhalten.
Wir Schäfer sind solche Menschen.
Wir pflegen und erhalten die Landschaft, schaffen Oasen der Erholung, auch für Städter.
Nicht nur, weil es ein vergnügen der Sinne ist über Schafweiden zu wandern.
Ich erlebe es immer wieder, dieses breite Strahlen auf den Gesichtern der Vorbeikommenden, wenn ich mit der Herde wandere. Dieses Daumen hoch und: „Toll das es sie noch gibt!“, „Weiter so!“, „Was für ein schöner Anblick!“.
Unsere Schafe sind jeder Witterung ausgesetzt und ja, manchmal ist das Wetter so hart, dass es den Tieren unangenehm ist. Aber das gehört zum Leben dazu, wer nicht die Kälte gespürt hat, weiß die Sonne nicht zu schätzen und wer nicht unter der brennenden Sonne gelitten hat, freut sich nicht auf die Kühle der Nacht.
Da unterscheiden wir uns kein bisschen vom Schaf!
Wir Schäfer wissen was wir unseren Tieren zumuten können und was nicht, wann schnelles Handeln gefragt ist.
Ja, wir entscheiden auch über Leben und Tod, essen unsere gehegten und geliebten Tiere.
Es gehört zur Natur dazu!
Nur wer in der Stadt lebt, seine Nahrung im Supermarkt kauft, kann wirklich glauben, dass der alleinige Verzicht auf tierische Produkte schaden von der Natur fern hält und Leben erhält.


Wer glaubt, dieses Thema wäre ein Randgruppenthema, der sollte sich mal mit Tierhaltern unterhalten. Natürlich berichte ich lieber über die Begeisterten, aber leider kann nicht nur ich, sondern auch jeder andere von Anfeindungen, Verdächtigungen und Anzeigen berichteten.

Nun bin ich ganz schön abgeschweift.
Kann passieren ;)
Um den Bogen zurück zum Hüten zu schlagen.
Auch dort, wo so viele Schäfer zusammentreffen, bleibt das leidige Thema der Gängelung nicht aus.
Ich unterhalte mich gerne mit Freunden und Bekannten, aber genauso gerne lausche ich Geschichten von Fremden. Ein Gespräch zweier Schäfer ist mir besonders im Gedächtnis hängen geblieben. Der eine erzählt, dass er ein Schaf draußen auf der Weide hatte, welches ein Bein gebrochen hatte. Ein engagierter Retter hatte sofort den Amtstierarzt verständigt, der vor Ort kam, als er das Schaf nach Hause transportieren wollte. Der Amtstierarzt empfand diesen Transport als Quälerei und verlangte das sofortige einschläfern des Tieres. Dem widersprach der Schäfer vehement. Das Bein sei behandelbar und außerdem ist das Schaf tragend. Der Amtstierarzt war aber nicht von seiner Meinung abzubringen. Schäfer bleibt Schäfer, so ignorierte er das Gezeter, lud das Schaf ein, fuhr es Heim, schiente das Bein und das Schaf konnte seine Lämmer aufziehen.
120,- Euro Strafe, wegen tierquälerischem Transport.
Daraufhin erzählte der andere Schäfer, dass er einen alten Hund gehabt hatte, der einen großen, nach außen wachsenden, inoperablen Tumor hatte. Noch war der Hund aktiv, so weit, dass er Lust hatte, mit zum Hüten zu kommen.
Hütehunde, die Jahrelang ihren Dienst an der Herde verrichtet haben, kann man schlecht in die Rente zwingen. Sie freuen sich wie Bolle, ihren Kräften entsprechend, mit raus zu den Schafen zu dürfen. Nicht, dass sie da noch irgendeinen Sinn erbringen, aber sie doddeln halt mit, schnüffeln hier und da und machen mal den dreisten Junghund zur Sau.
So auch dieser alte Hund.
Natürlich musste irgendwer das Anzeigen und der Amtstierarzt erschien, stufte das Leben des Hundes als qualvoll ein und verlangte die Tötung. Der Schäfer hatte noch versucht, das zu umgehen, in dem er den Hund versteckte und behauptete, er wäre schon tot. So kam der Tierarzt auf der Suche nach dem Hund...
Und da sind wir bei den Amtstierärzten, die absolute und willkürliche Macht haben.
Gleich vorne weg, es gibt sie, die Guten!
Amtstierärzte die sich tatsächliche praktische Fachkompetenz angeeignet haben, zu denen man als Tierhalter mit seinen Sorgen kommen kann, die einen mit ihrem Wissen unterstützen und die auf Grund ihres Fachwissens auch kein Problem damit haben, sich aufrecht gegen ahnungslose Anzeigewütige zu stellen, diese sogar mit ihrem bestimmten Wissen zur Ruhe bringen.
Leider, leider gibt es eben auch viele andere. Eingestellt weil sie sehr gute Zeugnisse haben, schnell durch Schule und Studium gekommen sind, immer noch ein überaus nicht überzeugende Messlatte für Qualifikation.
Fragt mal einen Tierarzt wie viel er im Studium zum Schaf hatte.
Ha, ha.
So brauche ich den meisten nicht Mal Böswilligkeit für ihre Drangsalierungen gegen Schäfer vorwerfen. Sie knicken einfach gegenüber den Tierretteranrufen ein. Und die gibt es in Massen. Doch nur weil zehn Leute eine Sache lauthals beklagen, heißt es noch nicht, dass sie falsch ist.
Ich erinnere mich noch an eine Situation, ich stehe beim Hüten, es regnet Bindfäden, mein Hut ist durchweicht, das Wasser läuft mir schon die Backen hinunter. Der Regen trommelt auf meinen Umhang, die Hunde haben unter diesem Schutz gesucht. Die Schafe stehen, den Hintern zum Wind, gelassen wiederkäuend, das stärkste abwartend.
Da klingelt mein Handy.
Wie das jetzt aus der Tasche kramen?
Mit klammen Fingern ziehe ich es aus der Jacke, schnell unter den Hut ans Ohr.
Es ist der Förster, er hätte heute schon sieben Anrufe bekommen, dass auf der einen Fläche, die ich von ihm habe, Schafe im Regen stehen.


Zum Glück ist der Förster ein verständiger Mensch und wir grummeln und lachen gemeinsam.
Ja, das ist, was ich mir von einem Amtstierarzt wünsche.
Sich über die Ansprüche der Tierhaltung informieren und dann für diese und deren Halter da sein.

Vielleicht noch als kleiner Tipp, für Menschen, die Missstände bei einem Tier entdecken. Der erste Ansprechpartner ist nicht der Amtstierarzt, es ist der Tierhalter selbst.
Wer den nicht gerade beschimpft, anschreit und mit Vorwürfen überhäuft, sondern nett, freundlich und interessiert fragt, wird im allgemeinen eine kompetente, erklärende Antwort erhalten. Es ist einfach so, dass wir Schäfer uns von morgens bis abends, oder schon besser von morgens bis morgens, nämlich rund um die Uhr, mit dem Wohl unserer Tiere beschäftigen. Selbst die Gespräche unter uns Kollegen gehen meist nur darum. So antworten wir auch gerne auf interessierte Fragen.
Ist eine Herde unbehütet und einem fällt etwas ins Auge, ist auch dann sinnig, erst einmal den Schäfer ausfindig zu machen, der freut sich über hinweise. Sind die Tiere die einem auffallen mit einer Farbe extra markiert, kann man sich entspannt zurück lehnen, sie sind bereits in Behandlung.

Ist ja gut, ist ja gut.
Ich kehre zu dem Leistungshüten zurück.
Es war eine Freude den unterschiedlichen Hütern zuzusehen.
Merinoschafe erwarten einfach eine gute faire Behandlung, sonst stellen sie das Fressen und Nachlaufen ein.
Somit muss man sie entschlossen und gleichzeitig mit Samthandschuhen handeln, will man ein harmonisches Gehüt mit fressenden Schafen präsentieren.
Als ich den Hütern zusah, kam mir die Lust es doch auch mal wieder zu probieren.
Nicht, dass ich gedacht hätte, ich könnte etwas besser, Gott bewahre, wirklich nicht.
Aber die Aufgabe würde mich reizen, gar nicht so sehr das Zeigen des Hundes, nein, mehr noch, die Schafe dazu zu bringen, in solch einer Situation mit mir zu kooperieren.
Damit ging der Tag auch schon zu Ende, der letzte Hüter pfercht ein.
Nun sollen die Schafe zurück zur restlichen Herde gebracht werden, eine Aufgabe für die ich mich gemeldet habe.
Ich hole die beiden Hunde.
Mein junger Altdeutscher Rüde, Lille, ist total überdreht und zappelig. Er hatte bis auf wenige kurze Auszeiten den Tag am Auto verbracht und das, wo er mich hat weggehen sehen, mit Hut und Schäferschippe.
Ich ging hüten ohne ihn!!
Wie konnte ich!
So habe ich ihn an der Leine, versuche ihm Ruhe zu zuzischen.
Am Pferch ist immer noch viel Publikum.
Und obwohl ich nicht mal weiß ob irgendwer in meine Richtung guckt, sackt mein Herz in die Kniekehle.
Ich werde so dermaßen aufgeregt, dass mein Hirn kaum funktionieren will.
Oh, du meine Güte!
Wie gut, dass ich mich nicht für das Hüten gemeldet hatte!
Ich verspreche mir sogleich, das auch niemals mehr zu tun.
Und konzentriere mich aufs ruhige Atmen.
Tief ein und aus.
Die Pferchöffnung ist links, ich muss aber nach rechts weg. Also mach ich da jetzt kein Kasperkram und öffne die ganze Zaunseite.
Die Schafe reagieren auf mein Rufen mit gucken, nicht kommen.
So muss ich Ylva, meine fünfjährige Strobelhündin, schicken.
Die steht natürlich auch unter Strom und fegt los.
Hoffentlich war sie hinten nicht zu hart!
Immerhin lässt sie sich auf dem Rückweg stoppen und die Schafe ziehen an.
Lille nerv nicht!
Keine Chance das ich Dich jetzt los mache!
Wir ziehen, um die nächste Kurve außer Sicht.
Geschafft, erstmal durchatmen, den Herzschlag beruhigen.
Krass!
Mit so einer Reaktion meinerseits hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
Immerhin muss ich doch so oft vor anderen mein Können zeigen.
Aber egal jetzt, weiter geht es, Lille nerv nicht.
Neben uns kommt eine Wiese, ich lasse Lille los, stelle ihn auf die Wiese.
So kann er erstmal etwas Dampf ablaufen.
Nun die Landstraße überqueren, kommt kein Auto, sehr gut.
Weiter geht es am Getreide entlang. Das finden die Merinos schwer verlockend.
Ich schicke Lille.
Er fegt los und stößt dabei laute Hiffel aus.
Wird er jetzt am Weg laut?
Ein lauter Weghund ist bei fremden Herden schwierig, versetzt er Schafe, die nicht einschätzen können, was da kommt, in Panik. Also nichts für Preishüten.
Im Schäferalltag ist es eine super Sache.
Lauter Weghund bedeutet, dass der Hund beim Schicken am Weg auf seiner Bahn an den Schafen entlang nach hinten bellt, bei manchen auch eher kreischt.
Dies hat den Vorteil, dass jedes Schaf weiß, da kommt der Hund und Gas gibt, der Herde aufzuschließen, die verbotene Frucht zu verlassen. So muss der Hund nicht so hart arbeiten, nicht so oft rennen. Dies natürlich nur, wenn er dann auch Konsequenzen folgen lässt. Ein Hund der nur bellt, wird nach kürzester Zeit von den Schafen nicht mehr beachtet. Und Schafe sind sehr gut darin, am Bellen zu hören, welcher Hund da kommt.
Letzteres Problem hat Lille nicht, er hat einen deutlichen Griff und auch die Bereitschaft, gegen ein Schaf, dass nicht zur Seite springt, einfach gegen zu rennen.
So muss er, während wir am Getreide entlang ziehen, genau zwei Mal laufen und die Nascher beschließen, das Risiko lieber sein zu lassen.
Nun geht es über ein kleines Wiesenstück in den Wald, steil den Hang hinunter auf einen schmalen Trampelpfad.
Die Schafe folgen mir aufgereiht wie Murmeln.
Neben uns ein kleiner Bach, über uns die großen Baumkronen.
Sonnenlicht strahlt durch die Blätter.
Ich wandere mit meinen Hunden vor der Herde.
Und da ist er!
Der perfekte Moment!
Es ist so schön! Durchdringt mich, erfüllt mich!
Das ist es!
Deswegen bin ich Schäfer geworden.
Für jetzt.
Die Schafe, die Hunde und ich.
Wir wandern durch den Wald.
Mehr braucht es nicht! 


Sonntag, 27. August 2017

Im Schwabenländle Juni/Juli 2017


Es ist sieben Uhr morgens und die Sonne fängt schon an zu brennen.
Höchste Zeit mit meinem Tagwerk zu beginnen.
Seit einer Woche bin ich nun als Urlaubsvertretung im Ländle, nicht mehr weit der Donau.
Die Altdeutschen Hütehunde am Haus dürfen aus ihren Zwingern.
Max, Bär und Susi begrüßen mich begeistert und ich schwinge mich aufs Fahrrad. Auf geht es zur ersten Morgenrunde.
Susi ist elf Jahre und Bär etwas über ein Jahr, beides Füchse.

Susi und Bär

Max ist bereits 14, ein kurzhaariger Tiger und er fasziniert mich sehr, hat er doch so viel von meinem Lillebror, nicht nur optisch.

Max
 Ist es das, was mich in ein paar Jahren erwartet?

Lille
 So weit will ich eigentlich noch nicht denken.
Nach dem die Hunde zu ihrer Zufriedenheit bewegt sind, reinige ich die Zwinger und versorge die Hühner, auch immer mit frisch gerupftem Grün.
Nun ist der Garten dran. Gießen, gießen, gießen.
Alles nass? Aufs Fahrrad und ab zum Stall.
Die Hunde in den Zwingern versuchen, wie es sich gehört, ihre Begeisterung zu unterdrücken.
Ich gucke erstmal in den Stall. Um die 20 Schafe mit kleinen Lämmern begrüßen mich lautstark. Naja, Begrüßen ist natürlich eigentlich das falsche Wort, es ist die Forderung nach sofortigem Hafer. 


Den fülle ich in Eimer und trage ihn über die Straße auf die Koppel. Dabei dürfen sich meine beiden Hunde Lille und Ylva die Beine vertreten. Ylva läuft ohne Hinken, sehr gut, die Pfote ist nach nächtlichem Zugsalbenverband und Antibiotikaspritzen wieder gut.
Die beiden kommen zurück in ihren Zwinger und ich lasse die Schafe aus dem Stall. Wildes Gestürme zu den Hafertrögen, ich scheuche Lämmer nach und verschließe die Koppel.
Nun sind Lucy und Bella, die beiden Altdeutschen Hündinnen dran. Bella ist hitzig und deswegen fahre ich getrennt von den anderen mit ihnen Rad.
Danach sind auch hier die Zwinger dran und natürlich der Stall. Wasser, Heu, Einstreu und die noch extra stehenden Mütter mit den Lämmern der letzten Woche.
Draußen brennt die Sonne schon gnadenlos und ich sehe zu, dass ich mit meinen Hunden zur Herde komme.
Weit ist es nicht, fünf Kilometer, idyllisch an einem See gelegen, erwartet mich eine kleine Herde Merinolandschafe. Schöne, runde, gleichmäßige Tiere, ein Stolz für jeden Merinoliebhaber.

Guten Morgen!

Das Hütegebiet ist klein, einfach und zusammenhängend um den See gelegen.


Ich muss keine Flächen wechseln, kein Wasser fahren und hab nur nach außen angrenzende Mähwiesen zu schützen.


Im Grunde leichtes hüten und für die Hunde fast schon langweilig. Wobei es ja die Außengrenzen gibt, einige sogar mit inneren Winkeln, die einen schon exakt arbeiten lassen müssen.


Auch muss ich sehr genau einteilen. Würde ich die Herde einfach laufen lassen, wären sie am ersten Tag über alles drübergeschleift, würden vielleicht noch einen zweiten Tag fressen und schon am dritten Hungern. Es soll doch aber zehn Tage reichen. So halte ich mich rigoros an den Grundsatz:
Hüten heißt Halten.
Ich habe das Gebiet in gedankliche Parzellen eingeteilt, jeden morgen lasse ich die Schafe zuerst auf der gleichen fressen, wie schon all die Tage zuvor. Langsam steigere ich von Stück zu Stück die Futterqualität. So fressen sie den ganzen Tag schön. Für abends gibt es immer noch etwas ganz frisches.
Auch heute morgen fressen sie brav.


Was für nette Schafe.
Nach den paar Tagen fangen sie auch immer besser an auf mich zu reagieren.
Solange ich nicht total unvernünftige Dinge von ihnen will.
So einen kleinen Haufen hab ich seit bald 20 Jahren nicht mehr gehütet. Die Schafe sind wesentlich beweglicher und feiner zu steuern, das macht mir richtig Spaß. Auch sind sie direkte, harte Altdeutsche Hütehunde gewohnt. Es gibt keine Nervosität oder Fluchtattacken vor meinen Hunden, im Gegenteil, wird auch schon mal geguckt, wie weit Schaf es treiben kann.
Um kurz nach zwölf ist es dann schon so heiß, dass es die Herde in den Schatten drängt. Brav laufen sie in das umzäunte Gebüsch. Keine Erinnerung mehr an das Drama des ersten Tages, als sie das Gebüsch als Fremd abgestempelt hatten und ich sie Schaf um Schaf hinein stopfen musste.


Ich schließe den Zaun, Strom drauf, Mittagspause.
Bevor ich Heim fahre, nehmen Hunde und ich noch ein kühles Bad.
Zuhause bereite ich mir mein Mittagessen. Extra für mich wurde ein Lamm geschlachtet und in Scheiben geschnitten. So brutzle ich mir jeden Tag Lamm. Einfach ein paar Scheiben in der Pfanne von beiden Seiten jeweils eine Minute scharf anbraten, dann ein halbes Glas Wasser dazu, Deckel drauf und eine viertel Stunde schmoren lassen, nach Wunsch salzen und pfeffern, fertig.
Dazu noch etwas Schmorgemüse und Salat, was der Garten oder die Biogemüsekiste so her gibt. Das kann ich echt immer essen.
Nach einem herrlich ersehnten Mittagsschlaf fahre ich um kurz nach vier wieder raus.
Die Abendrunde, die Zeit in der die Herde am besten frisst, beginnt.


So hüten wir bis ungefähr neun Uhr, damit auch alle Schafe kugelrund und satt sind, sich im Nachtpferch gleich zum Schlafen legen.
Die Hunde und ich gehen nochmal baden und fahren wieder Heim.
Schafe in den Stall, die Hundegruppen noch mal laufen lassen und füttern.
Nun ist es bald halb elf und ich falle zufrieden ins Bett.
Ein entspannter und natürlich doch langer Arbeitstag liegt hinter mir.

Ich genieße den Betrieb für mich zu haben, einfach in der Arbeit zu sein, angekommen zu sein.
Ja, der Anfang war etwas holprig.
700 Kilometer, einmal durch die ganze Republik ging meine fahrt.
Als ich dann wie per SMS angekündigt abends um 18.00 Uhr auf dem Hof stand war niemand da.
Natürlich nicht, waren die Schafe doch sicher noch nicht satt.
Also rief ich an, erreichte aber niemand.
Endlich, nach einer Stunde: „Ich bin grad mit Schafen und jungem Hund im Feld, ruf Dich später zurück.“ Aufgelegt.
Ich warte noch eine halbe Stunde und so langsam kommt es mir doch seltsam vor.
Über Handy krame ich meine Mails raus.
Und...
Kaltes entsetzen wäscht über mich.
Da steht, schwarz auf weiß, von mir selbst geschrieben, ein Ankunftstermin der erst in drei Tagen ist.
Warum tut sich der Boden nie auf und verschluckt einen, wenn man sich das wünscht?
Oh, wie peinlich!!!!
Was nun?
Am liebsten würde ich direkt vom Hof fahren, drei Tage später wieder kommen.
Ein Blick ins Navi sagt mir, dass meine nächsten Freunde 250 Kilometer entfernt wohnen.
Und, ja, es wäre einfach feige.
Da muss ich jetzt durch!
Natürlich kann ich nicht erwarten, ab morgen arbeiten zu dürfen, aber ich muss den Arsch in der Hose haben, dass jetzt anzusprechen, zu meinem Fehler zu stehen!
Und wie immer, wenn man schlimmstes erwartet, kam es ganz anders.
Es wurde sich riesig gefreut mich zu sehen und ich wurde herzlich in den Arm geschlossen, auch konnte ich gerne bleiben.
Die genau durchgetacktete Organisation hatte ich ordentlich durcheinander geschüttelt, aber es wurde neu geplant.

Nun eine Woche später, bin ich vielleicht noch nicht in der Lage darüber zu lachen, aber ich kann auch das Gute in meiner Palleaktion sehen. Und damit meine ich nicht, dass ich in Zukunft jedes Datum sicher fünf Mal prüfen werde, sondern auch, dass ich die Herde schon drei Tage früher hüten durfte.
So schön das Gebiet hier am See ist, spiegelt es nicht die eigentlichen Weideflächen wieder. Natürlich nicht, wurde doch für die Aushilfe das Gelände gewählt, das am einfachsten zu bewältigen ist.
Die ersten drei Tage waren richtig spannend. Die zu hütenden Stücke lagen zwischen landwirtschaftlichen Nutzflächen, waren winzig und verstreut. So erforderte es dauernde Hundearbeit und Konzentration. Die Wege dazwischen waren so schmal und uneinsehbar, dass man trotz der kleinen Herde zum Teil zu zweit sein musste, vorne einer mit Hund und hinten einer, um keinen Flurschaden zu verursachen.


Ich finde diese wahnsinnigen Unterschiede in der landwirtschaftlichen Struktur von Nord- zu Süddeutschland faszinierend.
Hier unten sind die Felder alle so winzig, da würde in Schleswig-Holstein kein Bauer seinen Schlepper aus der Scheune holen.
Naja, mit Gerät würde der auch schon nicht mehr auf die Fläche passen.
So beweiden Schafe die noch kleineren Eckchen dazwischen und Feldränder.


Oder kleine Naturschutzbiotope.


Oder Obstbaumreihen um die nicht gemäht wurde auf Heuwiesen.


Selbige Wiesen sind so bunt in ihrer Blumenpracht, wie es die Weidelgrassteppen im Norden schon lange nicht mehr kennen.
Als besonders Leckerli gibts dann auch mal eine frisch abgemähte Heuwiese.


Wasser!

Doch auch im Süden Deutschlands hält der Mais Einzug und wächst bereits auf jeder größeren Flächen. Noch kann man nicht Stunden durch Maiswälder fahren, aber es geht in die Richtung.
Als ich ankomme geht mir der Mais bis zum Knie, eine Woche später kann ich nicht mehr vernünftig aus dem Autofenster gucken.

Jeder der auf dem Land aufgewachsen ist kennt sie. Die Straßen, die die kleinen Ortschaften verbinden, sich Landstraßen nennen, aber doch eigentlich nur geteerte Feldwege sind.
Was für ein vergnügen, auf diesen zu fahren. Man kann sogar bei der Landstraßengeschwindigkeitsbeschränkung bleiben, ohne das es an Spaß verliert.
Die Musik so weit aufgedreht, dass man in der Stadt als der letzte Vollidiot gelten würde, legt man sich in die Kurven, rauscht durch deren inneren Winkel. Kommt einem ein Auto entgegen, wird in letzter Sekunde entschieden, wer wie weit die geteerte Straße verlässt. Die rechten zwei Räder knirschen auf Sand und Kies, man hofft, dass sich kein all zu tiefes Schlagloch unter den Pfützen verbirgt. Und wenn, gilt das Motto: Je schneller über die Löcher, je weniger huckelt es. Dann ist der Entgegenkommer vorbei, man zieht das Auto wieder hoch, springt auf die Fahrbahn und rein geht es in die nächste Kurve.
Der Mais hat dieses Vergnügen noch erhöht, sieht man nun erst in letzter Sekunde ob da jemand entgegen kommt.

Okay, okay, ich gebe es zu:
Ich bin zu alt für diese Scheiße.
Mit der weile fahre ich langsam und vorausschauend, kommt einer von hinten angehobelt, lasse ich ihn vorbei. Ein Spielverderber bin ich dann auch nicht.

Doch zurück zu „meinen“ Schafen und dem Betrieb den ich nun seit einer Woche für mich alleine habe. Den nächsten Tag ändert sich das Wetter und plötzlich habe ich mehr Luft. Morgens brauch ich nicht mehr den Garten gießen und die Herde frisst mittags länger. So fange ich erst um acht an, habe weniger Zeitdruck.
Und dann fangen die Schafe wieder an zu lammen. Es sind nur ein, zwei am Tag. Doch diese Heim zu fahren, einzeln zu stellen, zu beobachten, kennzeichnen, in die große Gruppe umzusetzen und die Einzelbuchten zu misten frisst Zeit.


Drei Tage vor Ende gebe ich abends das letzte Stück frisches Futter. Zuerst nur ein Teil. Doch nach einer Halben Stunde machen sie so einen Druck und Theater, dass ich ihnen auch den Rest überlasse. Ich erwarte von den Schafen, dass sie nun ruhig fressen. Immerhin ist das alles was es noch gibt. Aber nein, anstatt sich weit aufzustellen, laufen sie fressend hin und her. Damit ist mir klar, dass ich mein imaginäres Stück zu groß gemacht habe. Ich hätte es nochmal unterteilen sollen.
Kreiere ich ein Stück zum Abweiden, muss auch immer die Fläche zur Größe der Herde passen. Ist es zu groß und sie „verlaufen sich darin“ tun sie genau das, laufen. Und sind sie erst ein zwei mal fressend über das Stück getreten, besonders als Front, mögen sie das Futter nicht mehr so gerne.
Ich weiß, das widerspricht jetzt etwas dem, was ich erzählt habe, über die Herde in Bewegung hüten.
Aber was man wie macht, kommt eben immer auf das Gelände, die Herde, Futter und Wetter an und lässt sich daher schlecht in „So und nicht anders“ Regeln packen.
Die letzten zwei Tage vor dem mittäglichen Stellen erforsche ich mit den Schafen noch etwas das Gelände mit dem Gebüsch in dem der Mittagspferch steht. So haben sie vor der Pause noch etwas Frisch zum Knuspern.


Abends erweisen sich meine Befürchtungen als richtig. Wo sie morgens auf dem alten Futter noch fressen und fressen finden sie das frische überlatschte als Nachtisch nicht mehr wirklich attraktiv. Sie fressen zwar noch, aber nicht so, dass ich finde sie werden ausreichend satt um sie in den Nachtpferch zu stecken.
Aber es ist ja alles bestens organisiert. Und ich habe noch Ausweichflächen, auf der anderen Seite des Sees. Keine Wiesen, sondern Aufwuchs auf Abschiebungen. Frisch und schmackhaft, die Schafe freuen sich und bekommen so den letzten Kick. Lecker.


Feierabend.
Und damit ist meine Zeit im Ländle auch schon wieder um.
Die Urlauber kehren Heim und schicken mich mit guten Worten und leckerem italienischen Käse zurück in den Norden.

Es war Arbeit die mich zufrieden macht, mich erfüllt, die mich gute beschäftigte.
Und doch bin ich mir meines Luxus sehr bewusst.
Der Betrieb ist bestens organisiert und auf mich vorbereitet.
Ich hatte den ganzen Tag zu tun und habe doch so viele Dinge nicht gemacht.
Keine Zäune außer dem Nachtpferch gebaut, kein Wasser gefahren, keine Parasiten behandelt, kein Winterfutter gemacht, kein Weidetagebuch oder Bestandsregister geführt, keine Anträge geschrieben, überhaupt nichts an Papierkram, kein Stall aufgeräumt, keinen Weidewechsel vorgenommen, keine Schur organisiert, keine Lämmer geschlachtet und vermarktet.
Zum Glück stand auch kein Kontrollör auf dem Hof, der erwarte, dass man alles liegen und stehen lässt und nun mit ihm Flächen abfährt, vermisst, Tiere begutachtet, Schlachträume inspiziert, Bücher durchgeht. Gefühlt gibt es pro Betrieb einen Kontrollör, der gut bezahlt nach Stunden nicht anders macht, als Fehler zu suchen und zu ahnden.
Auch habe ich keine Hirtenhunde versorgt, keinen Wolfsschutz gebaut, keine Nachtwache gehalten.
Erst recht nicht habe ich das Haus geputzt, Reparaturen vorgenommen, eingekauft, einen Arzttermin wahr genommen oder mal Freunde getroffen.

Auch dieser Betrieb hat, wie eigentlich alle, in denen ich Aushelfe, trotz stattlicher Kinder keine Nachfolger.
Unter diesen Bedingungen, bei denen es sich dazu abzeichnet, dass es nur noch schlechter wird, will keiner mehr schäfern.
Die Hüte-Wanderschäferei stirbt.
Eine Jahrhunderte alte Kultur stirbt.
Eine Lebensweise stirbt.
Und nimmt vieles mit:
Das Schaf, letzte Nutztierart die noch in Freiheit lebt.
Hütehunde, deren Art Herden in kleinteiliger Kulturlandschaft zu hüten weltweit einmalig hier entstanden ist.
Mager- und Trockenrasen.
Heideflächen.
Moore.
Kulturlandschaft die Mensch und Tier und Nutzung in Einklang mit Natur bringt.
Es sind nicht nur Schäfer und Schafe die verlieren, es ist die Gesellschaft.


Sonntag, 16. Juli 2017

Westerwald Mai 2017

Die Schafe im Weiten Gehüt zwischen Wasser und Mittagsschattenplatz. Lille läuft alleine raus auf eine ihm bekannte Grenze.
 
Ein Jahr ist es her, dass ich das erste Mal die Urlaubsvertretung im Westerwald machte.
Nun sollen es wieder sechs Tage sein.
Als ich das in meiner Familie erzähle singen Mutter und Oma:
„In dem schönen Westerwald
Ja da pfeift der Wind so kalt“
Was für wahre Worte.
Habe ich doch letztes Jahr jämmerlich gefroren. Wie konnte ich auch ahnen, so weit im Süden das gleiche Klima wie in Schleswig-Holstein vorzufinden.
Das soll mir diesmal nicht passieren!
Ich bin ausgerüstet, habe Wollunterwäsche, Fellweste und Umhang im Gepäck.
Freudig begrüßt wird meine Ankunft samt Hund und Katz.
Die Einführung dauert nicht lange, steht die Herde doch im gleichen Gebiet wie letztes Jahr.
Am nächsten Morgen geht es zum Stall.
Etwas nervös bin ich schon, habe ich die Hunde doch nur sechs Tage vor einem Jahr gesehen.
Aber kein Problem, sie wissen noch wer ich bin und freuen sich ein Loch in den Bauch.
Hingerissen sind sie von meinem Altdeutschen Rüden Lillebror (Lille).
Beim letzten Mal war er noch ein halbjähriger Welpe, nicht ernst zu nehmen.
Was für ein stattlicher Kerl er geworden ist!
Das Hündinnenrudel überschlägt sich vor Begeisterung.
Der Stall ist bis auf ein paar frisch gelammte Mutterschafe leer. Die sind schnell versorgt und auf geht es zur Herde.
Die Schwarzköpfe sind nicht so begeistert mich zu sehen wie ihre Hüter.
Eher das Gegenteil.
Die kennen wir nicht, der folgen wir nicht.
Naja, das hatten wir ja schon.
Zum Glück kennen sie ihre Routine. Und auch der Schreck vor den fremden Hunden legt sich schnell.
Lillebror ist nach längerer Arbeitspause völlig außer Rand und Band, läuft, läuft, läuft.


Um eins zieht es die Herde auf den Stellplatz in den Schatten einer kleinen Baumgruppe.
Zeit zum Klauenschneiden.
Normalerweise binde ich den jungen Hund nun an, er soll Pause machen, während Ylva, meine erfahrene Strobelhündin, die Herde stellt.
Nun sind wir dieses Jahr einen Monat früher dran und es sind viele Mütter mit noch recht kleinen Lämmern in der Herde. Auch wenn ich die beiden frisch gelammten morgens ins Auto geladen habe, Ylva findet es gruselig, stellt die Herde nicht eng genug.
Damit ich Tiere fangen kann, muss die Herde zusammen stehen, nur so komme ich leicht an Hinker.
Nein, ich bin nicht gereizt!
Muss die herzallerliebste Hundedame immer noch extremer in ihrer Furcht werden?
Hilft ihr dabei, dass ich grantig bin?
Auch nicht.
Also mache ich sie fest.
Schaun wir mal, was der Junge zeigt.
Beide Hunde lasse ich nicht gleichzeitig laufen.
Ich bin doch sehr auf die Schafe konzentriert und zu zweit kann doch schnell mal das Jagdfieber durchbrechen.
Lille ist etwas irritiert, als ich in die Herde laufe und ihm verbiete, mir zu folgen.
Doch fängt er gleich an zu laufen. Immer außenrum.
Ich bewege mich, den Hund im Augenwinkel, auf der Suche nach Hinkern.
Viel Erfolg erwarte ich nicht, kennen die Schafe mich doch nicht, halten ordentlich Abstand.
Vor Jahren, bei meiner ersten Aushilfe, versprach ich noch vollmundig vor dem Ausfahren morgens, Klauen zu schneiden. Die Schafe drehten völlig am Rad, fremder Hund, fremder Mensch. Das sie mir nicht den Pferch einrannten war alles.
Mittlerweile weiß ich mehr.
So gehe ich langsam, entspannte Bewegung, entspannter Blick, dabei singe ich.
Alles, damit die Herde ruhig bleibt, sich an mich gewöhnt. Ist eins nahe genug an mir, schnell Anspannung aufbauen, vorschießen, mit dem Fanghaken an der Schäferschippe das Hinterbein einhängen und heran ziehen.
Ich setzte das Tier auf den Hintern und kümmere mich um die Klauen. Gleichzeitig habe ich ein wachsamen Blick zum Junghund.
Dies ist die Gelegenheit für Unsinn.
Doch Lille würde lieber zu mir kommen, gucken was ich da schaffe. So muss ich ihm klar sagen, dass das mein Tun ist, er außerhalb der Herde zu warten hat.
Leider.
Ach, wenn die Hunde einem auch noch das Klauenschneiden abnehmen könnten!
Viele Schafe bekomme ich nicht, am ersten Tag gerade mal drei. Nervöses Schafsvolk.

Lille hält die Herde locker zusammen. Zum Fangen könnte es enger sein, aber ich werde mich hüten, den jungen Hund jetzt zu mehr Druck anzufeuern. Dafür ist er zu jung und arbeitet zu weit weg von mir.

Direkt neben dem Stellplatz geht es zur Tränke.
Ein kleiner See im ehemaligen Steinbruch, der malerisch zwischen bewaldeten Steilhängen liegt.
Zu dem schlängelt sich ein schmaler, von den Schafen ausgetretener Pfad.
Auch wenn das ihr täglicher Weg ist, die Herde tut, als wäre sie hier noch nie gelaufen.
Ich muss um jeden Meter kämpfen, sie wollen mir nicht folgen.
Ich lasse Ylva von hinten schieben. Da hilft nur pure Hundegewalt.
Auf der Hälfte ist eine größere Freifläche, ich selbst wechsele hinter die Herde, schiebe mit beiden Hunden.
Und immer noch laufen sie vorne nur sehr, sehr zögerlich.
Dann endlich besiegt der Durst ihre Unsicherheit, sie rennen zum Wasser.
Gierig wird getrunken.
Oh, man, Leute! Mehr wollte ich von Euch nicht!
Und zurück auf die Futterflächen könnt ihr alleine laufen.
Ich bleib hinten, habe Geduld, schaue das alle Lämmer mitkommen.

Wasser in der Kieskuhle

Schafe sind in unsicheren Situationen eher wie Esel, nicht wie Pferde. Sie stellen ihre Beine fest, laufen nicht, rühren sich nicht. Das sie auf die Idee kommen panisch zu fliehen, da muss schon richtig mörderischer Rabatz in die Herde kommen. Wobei das auch immer etwas auf die Schafrasse ankommt und auf die Herdenführung. Ein Schaf, das über Generationen gelernt hat, dass der sicherste Platz mitten in seiner Herde ist, will genau diesen aufsuchen, wenn etwas fremd ist.
In diesem Fall bin leider ich das Fremde.
 
Schafweide, ein Blütenparadies

Da die Schafe so an ihre Routine gewöhnt sind, stellen sie sich abends um acht, nach dem sie sich satt gefressen haben, freiwillig vor ihrem Pferch auf.
Nur hinein laufen wollen sie nicht, ist es doch der Pferch in dem sie die zweite Nacht verbringen, also keinen frischen Nachtisch mehr enthält.
Wenn eine Herde nicht läuft, ist es eigentlich unsinnig einen Hunde an ihr entlang zu schicken. Zwar setzt sie das in Bewegung, aber wenn der Hund hinten gedreht hat, wieder nach vorne kommt, stoppen sie wieder.
Auch dem Hund zu befehlen hinter den Schafen zu bleiben, von hinten zu drücken, bringt bei einer großen Herde nicht viel. Entweder sie machen die Front nur immer breiter, oder sie fangen an zu drehen. Letzteres heißt, die Herde läuft im Kreis, wie ein Malstrom. Dies wieder aufzubrechen ist dann sehr schwierig, da Schafe immer gerne anderen Schafen folgen, auch im Kreis.
Nun habe ich aber nur Ylva, die ich weiter weg von mir steuern kann.
Lillebror kennt bisher nur, dass ich ihn an der Herde entlang schicke und dass er, ist er an ihrem Ende angelangt, wieder umdreht und zu mir zurück kommt.
Noch ist es nicht einmal sicher, dass er nicht hinter der Herde wechselt und dann auf der anderen Seite vor kommt.
Hinter der Herde wechseln ist ein absolutes „no go“ in der Hüteschäferei.
Ich schicke ihn ja auf die Seite, auf der etwas geschehen muss. Wechselt der Hund dann hinten, kommt der Druck von der falschen Seite, schiebt die Herde noch dahin, wo ich sie gerade nicht haben will. Das kann im Straßenverkehr tödliche Folgen haben.
Auch möchte ich bei einem jungen Hund, dass er IMMER nach dem Wenden wieder zu mir zurück kommt. Lasse ich ihn auf halbem Rückweg umdrehen und nochmal nach hinten laufen, wird das schnell zur selbstverständlichen Angewohnheit.

Doch das eine was man will und das andere was man muss.

Ich brauche den zweiten Hund auf der anderen Seite der Herde.
Und wie es mit Lillebror nun schon öfter so war, er funktioniert.
Trotz breit stehender Herde wechselt er hinten nicht rüber auf Ylvas Seite.
Und das, muss ich sagen, ist echt total erstaunlich. Der Junghund weiß ja nun nicht um was es geht, und die Verlockung hinter der Herde zum Althund zu wechseln, mit dem zusammen aufzumischen ist riesig.
Aber er tut es nicht, bleibt auf seiner Seite und lässt sich auch weiter entfernt von mir stoppen.
Das „Steh“ Kommando kennt er bisher nur trocken von Spaziergängen.
Doch er macht es!
Zuträglich ist dem natürlich, dass er in diesem Moment bereits neun Stunden durchgehend gelaufen ist und dem entsprechend müde. Doch hat er auch eine große Anbindung an mich und nicht zu mir kommen zu dürfen, fällt ihm sichtlich schwer.
Ich stehe also auf Lilles Seite der Herde im Pferch, rufe die Schafe. Ylva steht auf der anderen Seite der Herde, etwas zurück vom Pfercheingang. Und langsam laufen die Schafe in den Pferch. Bleiben sie stehen lasse ich die Hunde noch mal drücken, aber vor allem habe ich Geduld.
Eingepfercht!
Zaun zu, Strom an, zum Stall gefahren, die beiden Mütter mit ihren Lämmern entladen und Schafe und Hunde versorgt.
Heim geht’s in den wohlverdienten Feierabend und zu lecker Westerwälder Küche.
Die Hunde werden heute genau wie ich schlafen wie Steine.

Abends nach getaner Arbeit, schonmal auf dem Hof einschlafen

Über Lillebror bin ich immer noch etwas fassungslos, NEUN Stunden durchgelaufen.
Etwas besorgt bin ich ja über so viel Arbeitseifer. Es gibt sie, die Hunde die sich tot laufen würden, wo ich die Pausen erzwingen muss. Da hab ich dann einen total nervösen, schwer hechelnden Hund an der Leine, der einfach nicht begreift, dass er ohne Auszeit nicht überlebt.
Doch die nächsten Tage die immer heißer und heißer werden, von wegen Westerwald, der Wind so kalt, zeigen, dass Lille sich auch einteilen kann, das Laufen den Witterungsverhältnissen anpasst.

Am nächsten Morgen erwarten mich Zwillinge.
Ich öffne den Pferch und lasse die Herde aufs Futter ziehen. Die Mutter bleibt bei ihren Lämmern stehen.
Da sehe ich ein Schaf, dass den Pferch schon verlassen, sich jetzt aber hingelegt hat.
Seltsam.
Das ist nicht normal, irgendwas hat sie.
Nun rappelt sie sich wieder auf, hinkt ein paar Schritte.
Gut!
Das heißt sie hat nur etwas eingetreten und deshalb Schmerzen. Ich merke sie mir um sie später zu fangen.
Mit diesen Gedanken wende ich mich dem Pferch zu, schließe ihn, so dass die Mama ihre Zwillinge nicht doch der Herde nach führen kann. Später, wenn die Schafe auf dem guten Abendfutter stehen, werde ich sie ins Auto laden und den Pferch umbauen.
Ich setze mein Rucksack auf, will der Herde ins Gehüt folgen, da sehe ich das Schaf wieder liegen, den Kopf in die Luft gereckt, das Maul zu Schnappatmung geöffnet.
Komisch!
Scheiße, der geht es schlecht.
Ich befehle die Hunde ins Platz und gehe zu dem Schaf.
Als ich bei ihr ankomme, schiebt sie die Beine zur Seite weg, das Maul ist geöffnet.
Nichts ist zu hören.
Sie stirbt.
Gerade jetzt in diesem Moment.
Ich lege meine Hand auf ihren Brustkorb, spüre den langsam werdenden Herzschlag.
Und da hat der Tod sie schon.
Einfach so.
Tod.
Still und leise.
Es braucht einen Moment bis es bei mir so richtig ankommt.
Auch, was da eigentlich gerade passiert ist.
Das Schaf ist erstickt.
Es war so still, weil da keinerlei Atemgeräusche waren.
Kein Schnaufen, kein Röcheln, nichts.
War es ein Insekt, dass ihr in den Hals gestochen hat?
Oder eine Lungenembolie?
Einfach nur Stille.
Tod.
Ich schüttel mich.
Es muss weiter gehen!
Das Schaf hatte den Weg unter einen Baum genommen, da kann es liegen bleiben bis ich jemand angerufen habe, der mir beim Einladen hilft.
Sorry, aber diese großen, schweren Fleischschafe bekomme ich gerade noch lebend verladen, so nicht.
Abends wird jemand kommen und mir beim Einladen helfen. Ausladen schaffe ich alleine.
Und dann kommt am nächsten Tag der Abdecker.
Aber jetzt muss es schnell weiter gehen!
Ich muss der Herde hinterher.
Hüten.
Heute kann Lille auch schon die freie Grenze an der Herde laufen, die Hunde werden doch erstaunlich schnell akzeptiert.
Dann wollen wir mal schauen, ob wir die kleine, separat liegende Wiese auf der anderen Seite der Kieskuhle erreichen. Der Weg dahin geht über einen schmalen Wall.
Langsam hüte ich sie zum Eingang, dann lasse ich Ylva hinten, gehe vor und locke.

"Sollen wir Ihr wirklich hinterher laufen?"

 Das Futter auf dem Wall ist lecker und tatsächlich folgen sie mir vorsichtig.

"Bei dem leckeren Futter kommen wir. Vorsichtig."

Die Wiese ist von Wald umgeben, hier kann ich sie einfach fressen lassen.


Der Tag ist unglaublich warm, überhaupt wird es jeden Tag nur heißer.
Ich laufe mit den Hunden den Pfad runter zum Wasser, lasse sie baden und trinken.
Als wir zurück kommen fressen die Schafe zufrieden und wir lümmeln uns in den Schatten.
Zurück lasse ich sie alleine gehen, wenn sie keine Lust mehr haben auf der Wiese zu fressen.
Das klappt zu Anfang sehr gut, doch nach der Hälfte des Walles bleiben sie stehen. Wie angewurzelt, selbst die von hinten schiebende Herde bringt die vorne nicht zum Laufen.
Von hinten drücken hat bei der lang gestreckten Herde keinen Sinn. Nach rechts ist ein alter, morscher Zaun, der droht einzubrechen.
Nach links kommt Wiese, da lasse ich Ylva laufen.
Aber nein, die Herde bewegt sich nicht.
Mir fällt ein, dass rechts im Zaun eine Öffnung ist, vor der nur sehr notdürftig Zaun hängt. Wenn sich da Lämmer durch drücken und dann hinter dem Zaun entlang laufen, habe ich ein Problem.
So schiebe ich mich zwischen Herde und Zaun entlang, Lillebror an der Leine, bis zu der Öffnung. Noch kein Lamm durch, Glück gehabt. Da ich nun weit genug an der Herde entlang stehe um die vorne zu beeindrucken, bewegt sich wieder was.
Es geht zurück auf die Wiesen und in den mittäglichen Schatten, Singen für die Schafe.
Das tränken erweist sich als ähnlich schwierig, wie zuvor.
Erst am nächsten Tag klappt es besser. Vielleicht auch, weil es noch heißer ist und ich das Tränken hinauszögere, höre ich doch von der Kuhle hysterisches Hundegekläff.
Als dies endlich für längere Zeit verstummt ist, machen wir uns auf den Weg.
Als ich mit der Herde im Gefolge aus dem schmalen Hohlweg zum See komme, sehe ich eine Frau mit buntem, maulkorbbesetzten Australian Shepherd an der Leine und Pferd, dass unter Bäumen am Wasser angebunden ist.
Ich bitte sie, eine Zeit Platz zu machen, damit ich die Herde tränken kann.
Zur Antwort kommt: Ja, sie hätte uns schon gehört. Jetzt müsse sie aber erstmal noch die Schuhe anziehen.
Etwas was natürlich dauert, hat man doch noch einen zappelnden Hund an der Leine.
Ich halte derweil die Schafe, die es schon sehr zum Wasser zieht.
Der Shepherd fängt an zu kläffen.
Endlich zerrt Frauchen die Töle zum Pferd, macht dieses, nun auch nervös, umständlich los.
Einige Schafe sind nun schon rechts von ihnen zum Tränken gelaufen.
Der Shepherd kreischt in den höchsten Tönen.
Die Schafe sind schreckhaft, hin und her gerissen zwischen Durst und Angst vor dem Köter.
Und was macht die Frau?
Sagt sie ihrem Vieh, dass es nun endlich mal das Maul halten soll?
Oder geht einfach zügig, um uns nicht weiter zu belästigen?
Nein.
Keins von beidem.
Der Hund muss sich setzen.
Und zwar so lange, bis er ruhig ist.
Dann darf er wieder aufstehen.
Was er mit kläffen quittiert.
Also wieder sitzen.
Ich bin zu sprachlos, um der Tante lauthals mitzuteilen was ein Schäfer von ihrer Blümchenerziehung hält.
Den Schafen reichts. Sie nehmen Reißaus. Fliehen zurück, den Berg hinauf.
Und ich hinterher.
Wie war das mit dem Witz zur antiautoritären Erziehung und dem Honigglas?
Am liebsten hätte ich...
Aber was solls, so Leuten kommst Du eh nicht bei.
Und was mache ich nun?
Die Herde nochmal zum Wasser prügeln?
Wo sie da unten nur eine Kackbratze mit Köter erwarten?
Nein.
Das wäre auch zu viel für meine Hunde, müssen wir heute doch noch reisen. Und am Ende erwartet uns ein Wassertank mit Bütten, die ich am Morgen bereits befüllt habe.
Für die Hunde, die nun auch um ihr kühlendes Bad gekommen sind, habe ich Wasser im Auto dabei.
Sorry, wenn sich jemand an meiner Ausdrucksweise stört, natürlich weiß es die Hundehalterin nicht besser und ihr Schützling erst recht nicht. Aber adäquat sind Gedanken in so einem Moment einfach nicht.
Ich lasse die Herde grasen, das Futter ist gleichmäßig abgefressen, nichts mehr, was besonders lockt. Sie stellen sich weit auf und ich kann mich den vielen Zäunen zuwenden, die es noch abzubauen gilt. Da einfacher Nadelwald nicht mehr angesagt ist, hatte man an den Waldrändern Rodungen vorgenommen und direkt dahin junge, gerade mal ein Meter hohe, Laubbäume gepflanzt. Große Verlockung selbst für Schwarzköpfe. Direkt dran den Hund laufen zu lassen, hätte viel gutes Futter gekostet, da die Herde doch gewohnt ist, ein, zwei Meter Abstand zum Hund zu halten.
So stehen überall E-Netze, die ich nun abbaue.
Auch der Nachtpferch muss weg, aber es gilt noch zwei Gelammte einzuladen.
Die eine steigt brav ein, ist sie doch ein erfahrenes Schaf.

Einsteigen, Dein Lamm wartet

Die andere aber ist ein Jährling mit ihrem ersten Lamm. Als ich ihr Baby nehme, hüpft sie nervös rufend um mich herum.
Niemals wird die ins Auto steigen!
Auch fangen wird nicht einfach.
Ich stelle mich gerade hin, das Lamm halte ich stehend zwischen meinen Beinen fest.
Nun verhalte ich mich ganz ruhig.
Ein Schaf, das seinem Lamm nicht folgt, es aber mag und es im Auge hat, spürt in dieser Situation den unbedingten Zwang doch zumindest einmal an seinem Lämmchen zu schnuppern. Nur um sicher zu sein, dass es wirklich ihr Lamm ist. Danach springt sie wieder auf Abstand.
Dieser eine Moment ist meine Chance.
Jetzt oder nie!
Ich packe zu, halte eisern, während sie zappelt und springt.
Entgleitet sie mir jetzt, ist es vorbei, dann kommt sie nicht mehr nahe genug.
Aber ich halte fest, verlade sie ins Auto und setze ihr Lamm dazu.
Geschafft.
Lang ist es nun nicht mehr, bis die Unterstützung kommt.
Die fahren erstmal das Auto heim und laden die beiden Neumütter aus. Dann bleibt Chefin, um hinter der Herde zu gehen.
Reisen wir doch lieber zu zweit. Besonders da es über eine große Straße geht.
Das erste Stück geht durch den Wald.
Ich habe vorne einen Eimer mit Kraftfutter, in der Hoffnung, dass sie dem Gerassel besser folgen, als mir.
Die Herde zieht auch gut an und kommt doch bald wieder ins Stocken.
Wieder ist jeder Meter erbettelt.
Endlich, nach einem halben Kilometer wird das Unterholz weniger dicht. So kann ich Ylva parallel im Wald laufen lassen. Wissen die Schafe den Hund da, laufen sie besser.
Das Ende der Herde kann ich nicht sehen, aber die Rufe die ich von da höre, zeigen, dass es anstrengen ist. Stauen sich die Schafe, kommen hinten die kleinen Lämmer auf quatschige Gedanken.
Nach dem Wald gibt es nur noch große Wiesen, die alle überhütet werden dürfen.
In meinen Gedanken eine einfache Sache.
Von wegen.
Die Schafe stellen sich gleich auf der ersten Wiese fressend fest.
Wieder müssen die Hunde laufen, von hinten kräftig schieben.
Nach dem wir die Herde über die große Schnellstraße bugsiert haben, verabschiede ich meine Chefin. Die zweite Hälfte des Weges will ich alleine schaffen. Es sind nur noch eine kleine Straße und zwei Asphaltwege zu queren und wir haben doch Zeit.
Es ist brazelheiß.
Wo kommt bloß diese Hitze her?
Wir sind doch extra erst abends los gegangen.
Aber egal, die Sonne brennt immer noch gnadenlos.
Zwar habe ich eine Flasche Wasser dabei.
Aber eben nur das.
Eine Flasche Wasser.
Ich leere den nutzlosen Kraftfuttereimer und fülle mein Wasser hinein.
Die Hunde haben es nötiger.
Immer noch stellen sich die Schafe fest, wenn man sie lässt.
Warum weiter drücken, wenn das Futter hier auch schon gut ist?
Ich gehe mit den Hunden hinten, schiebe.
Aber vorsichtig.
Die Schafe sollen schon fressen, nicht einfach alles platt rennen.
Auch stoppen sie ganz, wenn sie das schieben von hinten als bedrohlich empfinden.
So bewegen wir uns langsam, sehr langsam in die gewünschte Richtung.
Eine Herausforderung bleiben die Teerwege.
Ich hatte schon bewundert, wie weit ihr Schäfer die Herde fressen lasst, ohne sich zu Sorgen, dass einzelne Schafe außer Sicht über den Weg aufs nächste Stück gehen.
Nun weiß ich, dass sie das einfach nicht tun. Ein Teerweg wird beäugt wie ein Wildbach.
Gut erzogene Schafe!
Und sicher mit einer vertraut rufenden Stimme einfach weiter zu leiten.
Die ich nun mal nicht habe.
So schiebe ich sie von hinten an den Weg heran. Stehen sich dicht und gedrängt vor dem Weg, laufe ich vor, rufe. Die beiden Hunde drücken von links und rechts.
Irgendwann dann setzt ein Mutiges seinen Fuß auf die Straße, quert.
Und der ganze Haufen folgt.
Weiter geht es.
Endlich, endlich ist es nicht mehr all zu Weit zu den Tränkbütten.
Hunde und ich lassen Herde Herde sein und gehen vor.
Die Hunde fallen jeweils in eine Bütt und auch ich trinke glücklich das Wasser aus dem Tank, lasse es mir über die Arme laufen, bade mein Gesicht.
Schmeckt es lecker?
Das ist nicht die Frage!
Erfrischt wandern wir zurück zu den weit verteilt fressenden Schafen, schieben sie sachte weiter.
Bis auch sie die Wasserbütten sehen und in wilden Galopp verfallen.
Sie sind nicht weniger glücklich über das kostbare Nass.
Ich fülle mit dem Schlauch Wasser nach, bis aller Durst gestillt ist.

Kostbares Nass

Langsam geht es nun weiter zum Pferch.
Beim Einfahren stelle ich wieder auf beiden Seiten ein Hund. Lille ziehe ich langsam bis zur Ecke des Zaunes. Brav steht er da.
Es schaut so perfekt aus, dass ich schnell meine Kamera zücke.
Alle eingepfercht, Feierabend.

Einfahren in den Nachtpferch

Und damit sind es schon nur noch drei Tage.
Die bleiben wir hier auf diesen herrlichen, bunten Wiesen.


Die Schafe fressen gut, nur mittags müssen sie wirklich lange in den Schatten.
Es wird immer nur noch heißer.
Wir sind bei 28°C.
Mich tröstet einzig und allein der Blick auf meine WetterApp. In Wiesbaden sind es nun 35°C. Wie gut, dass ich da jetzt nicht bin. Nur mein Strohhut liegt dort, während ich hier mit dem dicken schwarzen Filzhut schmachte.

Mittagspause

In Zukunft plane ich jede Wettermöglichkeit ein!
Und doch genieße ich das Hüten, die weite der Blumenwiesen, die hügelige Landschaft und die verteilt fressenden Schäfchen!
Ade, du schöner Westerwald!