Sonntag, 7. April 2019

Lammzeit im Frühjahr 2019


Der Meisterkurs in Bayern geht dieses Jahr von Mitte Februar bis Mitte April, mit einer Woche Pause zwischendrin.
Was für diesen Betrieb in Niedersachsen bedeutet, dass die Schäferin ihre Herde die komplette Lammzeit über in fremde Hände geben muss.
Und die fremden Hände, das sind meine.
Es hat einiges an Planung gebraucht, da ich ja auch noch Kids habe und sogar einer der Geburtstage in diese Zeit fällt, aber schließlich ist es organisiert.
Ich betreue also ca. 400 Moorschnucken zusammen mit einem Auszubildenden während der Ablammung.
Als Hauptverantwortliche habe ich das schon lange nicht mehr gemacht, kein Schäfer fährt in der Lammzeit in den Urlaub. Und so freue ich mich da richtig drauf.
Lammzeit führt Körper und Geist immer an seine Belastungsgrenzen, gleichzeitig liebe ich auch, die Verantwortung über das Wohlergehen der Mütter und ihrer Lämmer zu haben. Zu sehen, wo was nötig ist und die entsprechenden Entscheidungen zu treffen, ist etwas was mir Freude bereitet und ich wirklich gut kann.
Als ich ankomme ist die Schäferin bereits abgereist, doch hat sie mir ein detailliertes Protokoll der Abläufe hinterlegt.
Die Herde ist abgeschoren und aufgestallt.


Drinnen Lammzeit hatte ich auch schon lange nicht mehr und abgeschorene Schafe noch nie. Bisher fand ich auch die Vorstellung hochtragende, nicht abgewachsene Tiere zu scheren unpassend. Und das Handhaben der glatten, hornlosen Kugeln ist wirklich Gewöhnungsbedürftig. Doch als zwei Wochen später eine der fünf Schafe, die mit zwei Herdenschutzhunden draußen in einer Koppel stehen, lammt, nervt mich die Wolle kolossal.


Was schaut das schätterig aus! Hinten Blut verschmierte Franseln, keinen Blick auf das Euter. Das sich das Lamm da überhaupt zurecht findet!
Ja, so schnell ist die Gewöhnung.
Die Herdenschutzhunde (HSH) sind natürlich das andere große Neue.
Während der Stallzeit sind sie schlicht arbeitslos.
Also was mit ihnen tun?

Drei Laufen mit den Böcken auf einer Koppel. Zwei mit den eben erwähnten fünf Schafen, da sie mit den anderen drei HSH nicht verträglich sind. Als das Schaf lammt, stellt Bozo, die HSH-Hündin, Lamm und Mutter in eine Ecke der Koppel, vertreibt ihren Kollegen Frank in die andere und bewacht das ganze, bis ich das Schaf in den Stall bringe.

Im Stall ist noch die mazedonische Hirtenhündin Yuna mit ihren sieben Welpen.
Für HSH-Welpen ist jetzt die beste Zeit, um heran zu wachsen, mitten im Stall unter Schafen. Ihre Hütte steht auf der betonierten Fläche vor den Gruppen, ich drehe eine Hurde zu den Tragenden, so dass sie zwischen die Tiere können. Die Muttern, die noch keine Lämmer haben, sind auch richtig freundlich zu den kleinen Pupsies.


Kaum hat eine gelammt, ist das natürlich vorbei. Ein Mutterschaf mit frischem Lamm ist immer auch ein Monster zum Hund. Ich hatte ja schon erzählt, das selbst meine gestandene Hütehündin Ylva die Arbeit mit solchen Schafen verweigert.
Hat eine Mutter gelammt kommt sie aus den Tragenden erstmal in eine Einzelbucht.


Und der Weg dahin führt zum Teil an den Welpen vorbei.
Die Armen.
Doch sie lernen schnell. Ich sage laut: „He! Welpen! Ich komme mit Schaf!“ Oder so was in der Art, es geht mehr um den Ton und schon flitzen sie in ihre Hütte oder in sonstige Deckung. Immerhin lernen sie so frühzeitig, höflich und respektvoll zu den Muttern zu sein und sie unterscheiden jetzt schon sehr genau, was für ein Schaf da vor ihnen steht.

Dazu sie sind einfach unglaublich ruhig und entspannt, lange nicht so temperamentvoll wie Hütehundwelpen.


Hier noch ein Link zu einem YouTube Filmchen:
HSH Welpen beim Schafefüttern im Stall

 Yuna, die Mutter bewegt sich auch sehr ruhig zwischen den Schafen, aber es gefällt mir trotzdem nicht. Bei ihren Sprüngen über die Hurden erschrecken sich die Tragenden doch so sehr, dass sie sich fast stapeln. Während sie noch nicht richtig am Lammen sind, ist das kein Problem, aber dann …
Und auch wird das Wetter richtig warm, die Stalltore müssen auf.


So sammeln wir alle, die deutlich nicht lammen, zu einer extra Gruppe unter dem Schleppdach und doppeln die Hurden yunasicher auf.


Die Welpen, bereits entwöhnt, vermissen ihre Mutter gar nicht, als ich sie erst stundenweise wegnehme. Bald hat Yuna ihre Freilaufzeit am Tag während wir füttern und so eh Unruhe in den Schafen ist.
Freilaufzeit.
Die fehlt auch den Hütehunden.
Normalerweise habe ich meine Hunde in der Stallzeit viel dabei. Sie lungern vor der Hurde, helfen beim einfüttern Raufen schafsfrei zu machen, lungern auf Nachgeburten. All das geht durch die vielen HSH an jeder Ecke nicht, das würde viel zu viel Alarm geben. So lasse ich morgens, nach dem ich um sieben die erste Runde im Stall gedreht habe, die Hütehunde kurz lösen und schaue, dass ich später über Tag noch zwei große Runden mit ihnen drehen. Den armen, unzufriedenen, deutlich gereizten.

Das der Auszubildende abends um zehn die letzte Runde dreht und ich erst morgens um sieben wieder ist der Vorteil von Schnucken und ihren wenigen Zwillingen. Ja, auch sie schaffen Lämmer zu verschlusen, zu vertauschen oder zu klauen. Aber doch habe ich nie Schwierigkeiten das wieder zurecht zu sortieren. Und die, die entschlossen sind, dass ihnen trotz Zwillingen ein Lamm völlig reicht, waren immer eindeutige Fälle. „Alte! Ich habe gesehen, dass Du beide Lämmer bekommen hast! Was ist denn an dem einen nun so doof? Hmpf!“
So gibt es auch Flaschenlämmer, die aber in regelmäßigen Abständen abgegeben werden. Daher lasse ich sie bei ihren garstigen Müttern, binde diese für die Zeit an und wir füttern nur zu.
Interessiert sich irgendjemand für den genauen Ablauf im Stall?
Morgens, nach der ersten Kontrolle ist erstmal Füttern dran. Alle Schafe bekommen Kraftfutter, die Menge je nach dem ob noch tragend oder mit Lamm. Die Schafe wissen das, dementsprechend ist der Lärm, bis jeder etwas gehabt hat. Dazu gibt es Heu in Rundballen, großen Qaderballen oder in die Raufen, je nach Gruppe.

Im Stall und unter dem Schleppdach draußen gibt es Abteilungen von vierzig bis sechzig Schafen, je nach Fressplätzen. In allen Gruppen tragender Schafe können Lämmer geboren werden.

 
Lammt eine, lasse ich, wenn es unproblematisch scheint, Zeit, ihr Neugeborenes in Ruhe zu begrüßen, abzuschlecken, auf wacklige Beinchen zu kommen, das Euter finden. Ich greife nur ein, wenn die Zeit drückt, etwas schwierig scheint oder ein penetranter Klauer die Mutter von ihrem Lamm fern hält. Klauer sind Schafe, meist selbst kurz vor der Niederkunft, die sich in ihrer Hysterie, dass sie nun bald Mütter sind, fremde Lämmer aneignen. Ein Problem, was bei Stalllammung doch gehäuft auftritt. Problem, weil sie junge Mütter verunsichern, oder sich einen Zwilling aneignen. Später dann, wenn sie selbst lammen, fällt ihnen wieder ein, dass das ja gar nicht ihr Lamm ist, sie es nicht mehr wollen und die Orginalmutter erinnert sich auch nicht mehr. An Spitzentagen mit vielen Lammungen müssen die frischen also möglichst schnell in die Stiezen (wie sie hier zu den Einzelbuchten sagen) und ich muss Kämpfen nicht eine Traube von Muttern abzuführen.
Das Lamm nehme ich an den Vorderbeinen auf.
Das hatte ich schon öfter erklärt, ich möchte nicht, dass das noch nahezu geruchsneutrale, keimfreie Lamm von irgendetwas an meiner Kleidung kontaminiert wird. Auch muss die Mutter ihr Lamm bodennah sehen und riechen können, um ihm zu folgen.
Was diese sonst doch so wilden Schnucken fast alle tun!

So führe ich sie in den Stall in eine frisch gekalkte Stieze. Hier behandele ich den Nabel des Lammes mit Jod. Hat das Lamm bereits getrunken, überprüfe ich das Euter, ob beide Euterhälften intakt, angetrunken und nicht mit einem Propfen verstopft sind. Hatte das Lamm noch nichts und ist noch sehr frisch, warte ich noch etwas, möchte ich doch auch hier, dass die Keime im Lämmermaul möglichst nicht die von meinen Fingern sind.
Als die Zahl der Lammungen steigt, überlasse ich die Fütterei hauptsächlich dem Auszubildenden, der das gut und selbständig macht.
Mein Reich sind die Einzelbuchten. Hier Füttere ich auch und tränke. Alles was mir Zeit gibt, gleichzeitig zu beobachten.
Denn was ich in der Einzelbucht nicht löse, löst sich später auch nicht mehr.

So sehe ich, ob ein Lamm schon getrunken hat, oder Hilfe braucht, ob es beide Euterseiten gleichermaßen annimmt, ob die Mutter frisst, oder abfällt, ob sie genug Milch hat, sich gut kümmert, beide Lämmer gleich lieb hat, dass Lamm fit und lebendig ist.
Erst wenn ich von all dem überzeugt bin, wird sie ausgestiezt. Sehe ich ein Problem, verweilen sie, bis ich entschieden habe, wie es gelöst wird, oder ob ein Lamm vielleicht abgenommen werden muss.
Das alles geht natürlich nur bei einer großen Anzahl von Stiezen, wir haben 34 Stück und bauen sogar nochmal sechs zusätzliche auf. Hätte ich dies Möglichkeit nicht, würde ich trotzdem keine unklaren Tiere entlassen, sondern mir eine Notgruppe machen, die ich intensiver überwache.
Auch den Auszubildenden halte ich zu dauerndem Beobachten an. Bei jedem Füttern in den Gruppen schauen, ob einem ein Tier irgendwie komisch scheint, jedes Lamm muss aufstehen, auch die die unter den Raufen schlafen.
Schafen und Lämmern sieht man Probleme nur schwer an.
Natürlich ein völlig leeres Lamm macht einen Buckel, aber bis dahin ist schon viel Zeit vergangen, in der ich als erfahrene Schäferin im vorbeigehen spüre, dass da was nicht stimmt. Und das ist Training und Übung, was sich einfach nicht erklären lässt.
An jede Einzelbucht, in der ein Problem ist, mache ich einen bunten Benzel, so dass jeder weiß, dass da etwas ist. Dem Azubi erzähle ich davon. Er ist es, der hauptsächlich das gewöhnen an die Milchflasche übernimmt, sollte dass Lamm nicht genug versorgt sein. Regelmäßig lasse ich mir seine Beobachtungen berichten. Wir gehe die Buchten durch und ich lasse mir erzählen, was die Geschichte der jeweiligen Tiere ist.
Und ich habe das unglaubliche Glück einen Auszubildenden zur Seite zu haben, der wissbegierig und aufmerksam ist, Dinge schnell umsetzt und dazu noch kräftig, innovativ und selbstständig ist. Die Zusammenarbeit macht Spaß und ich kann ihm guten Gewissens die letzte Runde überlassen. Er sieht die Dinge, löst sie und weiß auch, wann es doch besser ist, mich dazu zu holen.
Wunderbar!
Bevor ein Schaf mit Lamm aus der Stieze kommt, wird es registriert. Bolus im Magen oder die elektronische Ohrmarke der Mutter werden gescannt und in einem Buch notiert. Dazu alle anderen Ohrmarken und Auffälligkeiten. Das Lamm bekommt eine Dosis Vitamin-E+Selen Komplex und eine Betriebsmarke. Dazu eine Twintac-Ohrmarke mit fortlaufender Nummer, entweder in rot bei einem Böckchen oder weiß bei einer Zippe. Weiter gezeichnet wird nicht, was heißt, in den Gruppen muss es jetzt klappen, sonst müsste ich zum Zusammenfinden alle Ohrmarken einzeln durchsehen. So zeichne ich dann die Zwillinge doch mit dem Viehzeichenstift zusammen. Was heißt einen bunten Strich im Fell bei Mutter und den beiden Lämmern an der gleichen Stelle. Auch kommen sie dann in eine reine Zwillingsgruppe, in denen ich den Müttern mehr füttern kann.
Ein Schaf mit seinem einen Lamm kommt nun in eine Sammelgruppe. 12 Schafe und 12 Lämmer um eine Umlaufraufe. Habe ich drei dieser Gruppen voll, kommt die älteste Gruppe raus unter das Schleppdach in eine große Gruppe mit 36 Schafen. Dazu treiben wir die Gruppe einmal über den Hof.

Und auch in den anderen Gruppen ist immer Bewegung. Gelammte verlassen sie und wir füllen dann aus den Schleppdachgruppen wieder auf, damit dort Platz für mehr gelammte Tiere wird.


So berechnet sich die Fütterung immer wieder neu und auch habe ich bei all dieser Arbeit immer die Möglichkeit Schafe im Blick zu haben und gegebenen Falls zu versorgen. Dazu habe ich ein extra Büchlein, in dem jede Behandlung an noch Tragenden vermerkt wird. Bei Gelammten notiere ich es im Ablammbuch. Auch die Gruppenbewegungen vermerke ich, um zu wissen, wie alt die Lämmer in den jeweiligen Gruppen sind. So kann ich sie dem Alter entsprechend mit Bravoxin10 impfen und behandeln. Auch haben wir eine große Tafel, auf der wir Strichliste führen über gelammte Mutterschafe, geborene Lämmer und davon gestorbene.

Alles in allem sind wir so den ganzen Tag gut beschäftigt.
Essen und Schlafen wird zum einzigen Luxus den man noch begehrt.
Lammzeit!
Wenn sich bei den Mahlzeiten alles nur noch um Arbeit dreht.
„Hast du nochmal nach der geguckt?“
„Ich muss gleich noch mal, da hinten in der Gruppe, das sah mir nicht so gut aus.“
„Dann guck doch nochmal bei der vorbei.“
„Heute morgen hatte ich eine, die war ...“
Und beim Einschlafen gehe ich in Gedanken noch mal die Buchten durch, ein Ohr in Richtung Stall, ob auch alles ruhig ist.

Freitag, 15. Februar 2019

Liebeserklärung an ein Buch


  „Eine für alle“
Mein Leben als Schäferin
von Ruth Häckh


Wo fange ich an?

Im Titel verrate ich es ja schon, eine Liebeserklärung.
Mit der ich gar nicht so richtig gerechnet habe.
Nicht, weil ich es der Autorin Ruth Häckh nicht zugetraut hätte, wirklich nicht.
Nein, ich war nur zu beschäftigt damit, besorgt zu sein, was, wenn es mir nicht gefällt, zumindest Teile davon? Was mache ich dann?
Denn auch, wenn ich mich prinzipiell für einen ehrlichen Menschen halte, fällt mir kaum etwas schwerer, als Kritik an jemandem zu üben, der mir wichtig ist.
Gleichzeitig konnte ich es kaum erwarten, dass Buch in den Händen zu halten.


Und kurz nach dem erscheinen im November 2018 lag es endlich im Briefkasten.
Es mag albern klingen, aber schon der erste Eindruck begeisterte mich. Das Buch liegt wunderbar in der Hand. Das Titelbild, die strahlende Schäferin mit Lämmchen auf dem Arm, würde sicher auch viele fachfremde Menschen ansprechen. Und für mich stand da auch noch die Schafsmama, ihr Lämmchen riechend.
Aufgeschlagen und die ganze erste Doppelseite die ziehende Schafherde von hinten, vorne weg die Schäferin.
Wow! Was für ein Bild!
Überhaupt ist das Buch voll mit Bildern, in der Mitte viele Farbaufnahmen und noch mehr schwarzweiß Drucke zwischen den Texten.
Fotografien aus dem Leben einer Wanderschäferin.
Jedes einzelne lädt zum Verweilen ein, zum Betrachten, zum Träumen, zum Staunen.
Immer und immer wieder.


Auch wenn der Text flüssig geschrieben ist, wirklich zum Eintauchen drängt, habe ich mich ganz bewusst dagegen entschieden. Jeden einzelnen Absatz wollte ich wertschätzen, genießen. So habe ich mir beim Lesen viel Zeit gelassen, nie mehr als ein Kapitel am Stück, nie, wenn ich abends müde im Bett lag. Auch in den Hüterucksack kam das Buch nicht, keine Knicks, keine Macken, immerhin hat mein Exemplar eine persönliche Widmung.
So kommt diese Buchempfehlung auch erst jetzt.
Doch wie ich mir sofort dachte, macht dies gar nichts, denn „Eine für alle“ ist ein riesen Erfolg. So brauche ich es auch nur noch den letzten unentschlossenen ans Herz legen. Alle anderen, die ihr es schon habt, willkommen im Klub der Begeisterten.


Ruth beginnt ihr Buch mit einer Liebeserklärung.
Eine Liebeserklärung an ihr Leben als Wanderschäferin.
„...Ich liebe die Einsamkeit, und ich liebe sie um so mehr, wenn ich sie mit den Schafen teile. Denn in Wirklichkeit bin ich dort draußen nie allein. Ich habe meine Hunde, ich habe meine Herde, ich bin in bester Gesellschaft....“
Spätestens hier hatte sie mich.


„Eine für alle“ ist in vier Teile gegliedert:
- Unter Wanderschäfern
- Wie alles begann
- Die Kunst des Hütens und andere Schäfergeschichten
- Es geht ums Überleben
Ruth erzählt wie ihr Vater zum Schäfer wurde. Von ihrer eigenen Kindheit, in der der Vater immer und immer bei seiner Herde war. Sogar den Winter über am Bodensee verbrachte, 200 Kilometer von dem Zuhause am Fuße der Schwäbischen Alb, auf Winterweide.
Ihre eigenen Umwege, die sie doch schließlich dahin brachten, den elterlichen Betrieb zu übernehmen.
Sie erzählt von Freude und Mühsal des Wanderschäferleben. Bei dem man doch denkt, dass es mit der sich wandelnden, technisierenden Welt leichter werden müsste. Das Gegenteil ist der Fall, verbaute Landschaften, Auflagen, Bestimmungen, Verordnungen, zunehmender Verkehr, sinkende Einnahmen, all das macht Wanderschäfern das Leben schwer. Auch die Arbeit wird nicht leichter oder weniger, im Gegenteil, um überhaupt zu überleben, müssen mehr und mehr Schafe gehalten werden, auf immer engeren Flächen.
Und wer möchte heutzutage noch so leben?
Die Schäferei, ein verschwindendes Relikt?
Mitnichten.
„...Dieses Tier, das oft als einfältig, gefügig und schicksalsergebenes Geschöpf belächelt wird, ist mit etlichen Talenten gesegnet. Es erweist seine Nützlichkeit nicht nur, indem es Fleisch und Wolle liefert – den früher hochgeschätzten Dünger nicht zu vergessen -, es betreibt auch Landschaftspflege, die Schafherden erschaffen und erhalten. Kein anderes Tier ist dazu fähig; es wäre deshalb nicht nur sinnlos, die Massentierhaltung auf Schafe auszudehnen, es wäre auch unklug. Das sind schon zahlreiche Gründe, weshalb ausgerechnet das Schaf bis heute artgerecht und in Freiheit leben darf...“
Ruth beschränkt sich nicht nur auf ihr Schäferleben, dass sie mit so viel Kraft, Ehrlichkeit und Liebe schildert.
Sie blickt auch auf das große Ganze, Hirtentum Weltweit, den verzweifelten Kampf ums überleben aller Hirten.
Es schmerzt, zu Lesen wie sehr Weidetierhaltung bedroht ist, wie das Verschwinden kaum noch aufzuhalten scheint.
Aber wir hören nicht auf zu hoffen und zu kämpfen, denn „...Kein schöneres Leben gibt’s nicht auf der Welt“.


Ich beende das Buch und mein erstes Gefühl ist Wehmut.
Jetzt ist es zu ende.
Das zweite, warum soll ich noch schreiben? Wird doch alles gesagt, was es über Schäferei zu erzählen gibt.
Tief durchdrungen bin ich von all den Geschichten und dem, was Schäferei ausmacht.
Die Liebe des Schäfers zu seinen Schafen.
Die Liebe der Schafe zu ihrem Schäfer.


Stolz erfüllt mich, Ruth meine Freundin nennen zu dürfen.
Wäre ich das nicht, wäre ich nun Dein Fan!
Stolz auch darauf, ihren Vater, Fritz Häckh, noch etwas kennen gelernt zu haben. Beeindruckt hat mich seine Ruhe, die freundliche Herzlichkeit und das Interesse an seinem Gegenüber.
Vor nun achtundzwanzig Jahren war ich zum ersten Mal in der Schäferei Häckh in Sontheim.
Wir sind raus zur Herde gefahren, natürlich. Da war Großvater Häckh am Hüten. Er freute sich über den unerwarteten Besuch und erzählte. Ich, mit meinen vierzehn Jahren war zwar des pfälzischen mächtig, aber das war nun schwäbisch. So verstand ich kein Wort. Und doch ist mir der alte Mann mit Filzhut, grünem Lodenumhang und Schäferschippe vor der Schafherde im Gedächtnis geblieben.
Wer hätte damals gedacht, dass ich eines Tages genau diese Schafe, oder deren Nachfahren, auch einmal hüten würde.
Oder, dass Ruth und ich auf dem Heuberg Preishüten würden.

1996 Frauenleistungshüten
 Und, noch viel erstaunlicher, dass wir beide als Vertretung für alle deutschen Schäfer nach Paris Reisen würden!
Den Bericht dazu habe ich nun auch hier in meinen Blog gestellt.
Der link dazu:
Zwei Schäferinnen in Paris 
Nein, beides hätte damals keiner Gedacht.
Das Leben nimmt unerwartete Wendungen.
Gebt die Schäferei noch nicht auf!


Als letztes Fazit: „Eine für alle“ ist ein Buch für alle die Tiere und Natur lieben.
Es berichtet von einer alten Württemberger Kultur die verloren geglaubt scheint. Und doch so hochaktuell ist.
Für Schäfer und Städter, für Jung und Alt.
Einfach ein Buch, das in keinem Bücherregal fehlen darf.


Und wie immer:
Am besten in der Buchhandlung bei Euch um die Ecke kaufen oder, wenn nicht vorrätig, bestellen.
Es gilt die deutsche Buchpreisbindung, kostet also überall das selbe.


„Eine für alle“
Mein Leben als Schäferin
von Ruth Häckh
Erschienen im LUDWIG Verlag
ISBN 978-3-453-28103-5

Hier noch ein link zu einem gelungenen ZDF-Beitrag in dem auch Ruth Häckh vorkommt.
Schäfer in Not - Ein Traditionsberuf vor dem Ende
 
Und zu allerletzt: Ich habe keinerlei Vorteile durch diese begeisterte Empfehlung.
Außer, dass es mich für jeden freut, der das Buch noch lesen darf. ;)
P.S. Die hier abgebildeten Bilder habe ich selbst geschossen und sie haben mit dem Buch nichts zu tun.


Samstag, 9. Februar 2019

Zwei Schäferinnen in Paris im März 2016


Da bekam ich im Februar die Anfrage von Ruth, ob wir Anfang März nach Paris fahren wollen, als Vertreterinnen des Bundesverbandes Berufsschäfer.
Dort ist der Salon International de l'Agrikulture, eine Landwirtschaftsmesse, vergleichbar mit der Grünen Woche in Berlin.
Ursprünglich sollte die offizielle Gründung des ESN (Europäisches Schäfernetzwerk) erfolgen, also die Rechtsform festgelegt werden. Da das aber eine schwierige Angelegenheit ist, findet nun ein Vorbereitungstreffen statt.

Paris?!!!
Französische Schäfer treffen?!!!

Hab ich Lust?

Was für eine Frage!
Natürlich.
Jaaaaa!

Hab ich Zeit?
Nein.
Kann ich französisch?
Nein.

Will ich trotzdem?
Unbedingt.

Also ging ich ans Organisieren.
Es ist am Ende meiner Arbeitszeit, genau in der Kinderzeit.
Kinder befragt und zur Antwort bekommen: „Paris! Mama, das ist eine einmalige Chance. Das musst Du machen. Geh auch auf den Eiffelturm!“
Mit diesem rührenden Segen die Betreuung organisiert.
Nun noch die Hunde.
Die kann ich dann netter Weise der Auszubildenden im Betrieb aufs Auge drücken.
Danke dafür!

Alles geregelt!
Ist das zu fassen!
Paris!
Ich komme!

Mit leichtem Gepäck starte ich von Wiesbaden nach Paris Est.
Viereinhalb Stunden fahrt, die ich in tiefem, angenehmem Schlummer verbringe.
Kein Schafefüttern heute.
Angekommen begrüßt mich Ruth am Bahnsteig.
Zwanzig Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen und sind doch kaum älter geworden.
Die Metro bringt uns zum Hotel.
Hotel?
Hier in diesem Hinterhof?
Kein Schild, kein Name, nichts.
Aber der Zettel besagt, dass es im zweiten Stock ist.
Also gehen wir hinauf.
Ein altes, breites Treppenhaus.


Der zweite Stock.
Links und rechts eine Tür und immer noch keine Schilder, oder sonst ein Anzeichen.
Zaghaft auf einen Schalter neben der Tür gedrückt.
Die andere Tür geht auf. Eine schlicht, aber edel gekleidete Dame mit Rassekatze auf dem Arm schaut uns fragend an.
Wir erklären was wir suchen.
Und tatsächlich, wir sind richtig!
Das gebuchte Hotel erweist sich als Privatunterkunft.
Die Dame vermietet den Trakt ihrer Wohnung, in dem früher die Kinder wohnten.
Wow! Was für eine Unterkunft!
Alt und edel, Leinenwäsche, Blick auf grüne Dachterrasse und Pariser Hinterhöfe.










Die Dame zeigt uns alles, selbstverständlich für mich ins Englisch wechselnd.
Ich fühle mich so wohl, könnte gleich schlafen gehen.
Aber nein! Wir wollen doch noch was sehen!
Auf geht’s!






In zehn Minuten sind wir am Notre Dame.






Der wird besichtigt und dann wandern wir an der Seine entlang zum Eiffelturm.
Was für eine Stadt! Wunderschön!




Es fängt an zu regnen.
Das kümmert uns Schäferinnen natürlich wenig.
Zwanzig Jahre gilt es nachzuholen und während der Gespräche können die Augen sich gar nicht an der Umgebung satt sehen.
Alle Vorurteile die ich hatte, versenke ich munter und gerne in der Seine.
Paris mag riesig sein, aber so zu Fuß wirkt es sehr überschaubar. Nirgends die erwarteten Menschenmassen, nicht am Bahnhof, nicht in der Metro und auch nicht unter dem Eiffelturm.
Der Eiffelturm.


Ich stehe unter dem Eiffelturm!


Er ist so beeindruckend!
Was für ein unglaubliches und schönes Gebilde.
Nur hoch gehen wir nicht. Nassgeregnet wie wir sind.
Von da oben sieht man bei dem Wetter eh nichts.
Wir Schäfer wissen auch wann gut ist.
Da steigen wir doch lieber in den Bus, fahren zurück und gehen leckere Crêpe und Wein genießen.
Danach geht’s früh zu Bett, morgen wird’s sicher anstrengend. Leinenbettwäsche und offenes Fenster, von wegen Stadtlärm, ich schlafe wie ein Stein.


Pünktlich bekommen wir ein Frühstück mit frischem Obst, Tee, Baguette und Croissant kredenzt.
Essen wie Gott in Frankreich.


Zur Agrikulture geht es wieder mit der Metro.
Wir finden uns erstaunlich gut zurecht.
Die Pariser sind im Kontakt freundlich, hilfsbereit und das meist auch in englisch.
Erstaunlich finde ich die Kleidung. Die Stadt der Mode und der Liebe trägt schwarz. Alle, vom Clochard bis zur Haute Couture trägt schwarz.
Nein, nicht alle.
Aber lass uns mal hier im Wagen durchzählen.
Okay, 90 Prozent.
Schon Krass.
Wir sind dagegen bunte Vögel. Oder Schafe?


Salon International de l'agrikulture.
Davor viele Menschen, die durch die Sicherheitskontrollen müssen.
Wir telefonieren, werden gleich abgeholt. So haben wir etwas Zeit, dem Treiben zuzusehen. Kleider-, Taschen-, und Kartenkontrolle. Dazu bewaffnetes Sicherheitspersonal.
Die Anschläge.
Nun erst kommen sie mir in den Sinn, erklären das hier.
Ich hatte tatsächlich nicht einmal daran gedacht und auch jetzt fällt es mir schwer, diesen Schrecken mit dem hier und jetzt in Paris in Verbindung zu bringen. Das ist doch etwas, was so weit weg ist. Muss ich das jetzt greifen?
Nein.
Es würde ja nichts ändern.
Angst verbessert nichts.

Und dann werden wir auch schon abgeholt.
Rein geht es auf die Agrikulture, die mich so sehr an die Grüne Woche in Berlin erinnert. Die Unterschiede sind, dass die Menschenmassen sich nicht so doll schieben, dass man für die Probehäppchen nicht auch noch bezahlen muss und dass viel mehr Schäfer mit ihren Produkten und Tieren werben.
So viele Schafrassen.


















Einige kenne ich, wie die auch bei uns zum Kreuzen beliebten Ile De france oder das ach so gruselig wunderschöne Charmoise. Aber von anderen habe ich noch nie gehört, geschweige denn gesehen. Und Käse, so viel Käse. Dafür gebe ich begeistert das meiste Geld aus.
Da stehe ich an einem Stand und frage nach cheese und hinten in meinem Kopf sagt es fromage. Einerseits kein Wunder, den Käse hier cheese zu nenne, ist eigentlich beleidigend.
Oh, dieser fromage!




Aber tatsächlich, meine vier Jahre Schulfranzösisch fangen sich an zu rühren. Nicht, dass es mir jetzt hilft, aber ich denke mit etwas mehr Zeit würde es doch wieder kommen.
So bin ich froh, dass die meisten für mich auf Englisch umschwenken. Sich mit einem französischen Schäfer in englisch über Klauenprobleme auf feuchten Böden zu unterhalten, ein Abenteuer.
Einige können auch deutsch und ich bin einfach dankbar über so viel entgegenkommen und Interesse.
In der eigentlichen Gesprächsrunde sind wir die einzigen Frauen, noch dazu nicht in schwarz oder Anzug. Aber keiner zeigt sich erstaunt, von Deutschland wird nichts anderes erwartet, immerhin haben wir ja eine Frau als Kanzler und dazu unsere Willkommenskultur. Gerade auf letztere werden wir öfter dankend angesprochen.
Mit diesem positiven deutschen Ruf im Ausland hatte ich nicht gerechnet und bin berührt.
Die Gespräche sind in französisch. Da kann ich nur dabei sitzen. Gut das Ruth fliesend Französisch spricht. Und so nehme ich mir jetzt etwas Zeit, den eigentlichen Grund unserer Reise zu erklären.

Alles, was uns als Schäfer heutzutage betrifft, die ganze Gesetzgebung, kommt von der Europäischen Union aus Brüssel.
Brüssel trifft Entscheidungen die unser Leben direkt betreffen, uns den Beruf oft schwer machen, sogar zur Betriebsaufgabe zwingen können.
Wir schimpfen, jammern und zetern, finden aber kein Gehör.
Selbst, wenn wir an unsere deutschen Politiker heran treten, kommt:
Sie können nichts tun, das ist Europa.
Aber weiß Brüssel von unseren Problemen mit ihrer Gesetzgebung?
Nein.
Es ist schlicht niemand in Brüssel, der in unserem Schäferinteresse spricht.
Wir wollen dem ESN (Europäisches Schäfernetzwerk) eine Rechtsform geben.
Eine Schäferstimme in Europa.
Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung sind enorm, auch wenn wir alle die gleichen Interessen haben. Schon alleine die sprachlichen Barrieren. Dann sind wir alle Tierhalter, was wissen wir von Rechtsformen usw.?
Wir in Deutschland haben immerhin den VDL und den Bundesverband der Berufsschäfer.
In Frankreich sind sie in Rasseverbände und innerhalb der Departements organisiert, eine Dachorganisation? Fehlanzeige.
Italien teilt sich in Nord und Süd. Noch keine Zusammenarbeit da.
Korsika macht sowieso sein eigenes Ding.
Und für alle trifft Brüssel allgemeine, für alle gültige Entscheidungen.
Schon unglaublich!

Nun sitzt man hier zusammen, plant das zu ändern, eine Stimme zu schaffen.
Da sitzt der von den Rindern mit am Tisch. Oh, dass wird den Schäfern Zuhause nicht gefallen. Wir hier in Deutschland sehen die Rinderleute eher bei den Schweinen, weit weg von uns Schäfern. Das ist in Frankreich anders, Schafe und Rinder sind nahe beieinander, werden beide oft noch in Transhumnazsystemen gehalten.
Müssten wir jetzt sagen, wir wollen nicht, dass sie mitmachen? Wird es Zuhause dafür Mecker geben?
Wir haben doch in diesem Fall alle die gleichen Probleme, die gleichen Interessen.
Sei es mit der Kennzeichnungspflicht, dem Dokumentierungswahn, dem Wolf, den Pflegeverträgen usw.
Und die Rinderleute sind viele, eine große Lobby.
Es werden viele Punkte besprochen und geplant. Definitiv soll die Rechtsform des ESN dieses Jahr noch erfolgen. Im September in Saint-Flour, in Zentralfrankreich bei der europäischen Woche.











Am Abend bekommen wir eine kleine Stadtführung, Champs Elysees, Arc de Triomphe, Louvre und leckeres Essen.
Den nächsten morgen packen wir zusammen, bedanken uns bei unserer Gastgeberin und fahren nochmals zur Messe.
Heute hat sich hoher Besuch von der FAO (Welternährungsorganisation) angesagt, es wird groß aufgefahren. Ein eigener Bereich für die VIP-Gäste wird abgeteilt, regionale Tierprodukte und Wein werden aufgetragen und wir mitten drin.
Der Mensch von der FAO ist wichtig, ihn wollen wir ansprechen.
Der Mann, ein Spanier, ist die große Überraschung.
Er steht voll auf unserer Seite, ist begeisterter und überzeugter von der Sache als selbst wir. Er macht uns nochmal deutlich, wie wichtig es ist, sich zusammen zu tun, sich zu organisieren, mit einer Stimme zu sprechen.
Wie soll sich irgendwer in Europa für unsere Interessen stark machen, wenn sie nichts von diesen wissen?
Wirtschaftsunternehmen haben extra Leute dafür abgestellt, die nichts anderes machen, als in Brüssel für ihre Belange zu sorgen.
Und wenn da keiner ist, der was dagegen setzt?
Wir müssen dort sein!
Wir müssen sagen, das wollen wir! Ich spreche hier für so und so viele 1000 Schäfer oder Transhumanzler in ganz Europa!

Und dann ruft unser Zug. Wir müssen uns verabschieden.
Vielen Dank für alles!
Voll von Eindrücken, Ideen und Hoffnungen geht es Heim nach Deutschland.

Jetzt möchte ich meine Schäferkollegen, und überhaupt alle Schafhalter, ansprechen.
Unsere Stimme in Europa ist so wichtig!!!
Ohne uns geschieht nichts für unsere Interessen.
Wir müssen aktiv werden!
Ich weiß:
Was denn noch alles?
Bei all der Arbeit in den Betrieben.
Aber es gibt die Möglichkeit dem Bundesverband Berufsschäfer beizutreten.
Unterstützt die, die aktiv für uns Kämpfen.
Ich weiß, eigentlich sollten die sich doch mit den anderen einigen und eigentlich gehören die doch zu denen und überhaupt, dem seine Nase kann ich überhaupt nicht leiden.
Wir Schäfer sind Charakterköpfe, allesamt.
Aber das interessiert Europa einen feuchten Scheiß!
Da zählt unsere gemeinsame Stimme!
Da haben wir ein großes gemeinsames Interesse!
Also lasst es uns angehen!!