Samstag, 27. Oktober 2018

Schnucken im Moor Anfang Oktober 2018


Mein Arbeitseinsatz führt mich nach Niedersachsen.
Hier habe ich noch nie gearbeitet, fremd, und doch so viel näher an Zuhause.
Urlaubsvertretung in einer Moorschäferei mit Schnucken.
Hochmoor!
Schnucken!
Das habe ich gelernt!
Und in den letzten vier Jahren vermisst!


Nichts gegen den Süden, nichts gegen Merinos oder all die anderen Schafe, ich liebe alle zu hütenden Landschaften, alle Hüteschafe.
Aber groß geworden bin ich als Schnuckenschäferin.
Und komme mir jetzt keiner mit, das sind doch keine Schafe!
Na und!
Ich freu mich!
Ende September, Anfang Oktober.
In den Moorschäfereien, in denen ich bisher gearbeitet habe, ist die Moorzeit jetzt eigentlich abgeschlossen. Im Moor kommt der Winter früh. Die Herbstweide ruft.
Doch habe ich Hoffnung. Dies ist keine Wanderschäferei, standortgebundene Hütehaltung, als eigene Futterflächen das Moor und die angrenzenden Feuchtwiesen. Ab Herbst dazu alles, was man von Landwirten nachweiden kann.
Außerdem sind dieses Jahr auch die Schafe mit Herbstweide noch im Moor.
Die Trockenheit beutelt alle.
Trockener Sommer.
Trockener Herbst.
Winterfutter wird jetzt schon gefüttert.
Die Preise von Heurundballen sind bei 75 bis 90 Euro, Tendenz steigend.
Die Landwirte hoffen alle noch auf einen Schnitt.
Die Trockenrasen der Herbstweiden schauen aus wie Wüstenlandschaften.
Ja, so lange im Moor bleiben wie möglich.
Und tatsächlich, ich soll die Schnucken, die zwei Wochen, im Moor hüten.
An meinem Ankunftstag lerne ich Schäfer, Hunde, Schafe, Betrieb und Flächen kennen.
Die Herde steht am Hof, wir entwurmen sie, mit Hilfe eines sheep clamb. Die Schafe laufen durch den Trichter, die Rampe zu dem Clamb hoch und ich trete im richtigen Moment auf die Schiene. Das Schaf wird fest geklemmt und ich kann es entwurmen.

Ich bin begeistert!
Was für eine Arbeitserleichterung!
Und auch die Schafe empfinden es nicht als schlimm. Laufen freiwillig und entspannt durch den Trichter und bleiben im Klammergriff ruhig. Kein panisches Gehupse und das sind immerhin Schnucken.
Geiles Teil!

Danach fahre ich mit der Mule, einem Fahrzeug, das etwas an einen Golfer Caddy erinnert, zu den Pferchwiesen für die nächsten Tage, auf der anderen Seite des Moores. Dort baue ich die ersten zwei Pferche auf, jeweils fünf Netze. Das ist ein ordentlicher Nachtisch für die Herde, doch Moor alleine reicht nicht mehr.
Am nächsten Tag ziehe ich mit den Schnucken ins Moor.

Es sind Weiße Ungehörnte Heidschnucken oder eben echte Diepholzer Moorschnucken. Sie reagieren von Anfang an positiv auf mich und meine Hunde. Eine brave, gut gezogenen Herde.
Endlich!
Endlich wieder mit Schnucken im Moor.
Der weite Himmel!

Das endlose graugrün und gelb.
Ja, gelb. Denn auch hier ist die Trockenheit gnadenlos.
Und wird mir noch deutlicher, als überall anders.
Ich bin richtig geschockt!
Ich hatte gehört, dass es auch in den Mooren trocken ist.
Ja, gehört.
Aber nicht wirklich geglaubt.
Die Moorschäfer. Die haben es doch dieses Jahr gut.
Wenn keiner mehr Wasser hat, im Moor wird es nicht ausgehen.
Boah, hatte ich geirrt.
Es ist so trocken!
Keinerlei Wasser.
Nirgends.
Nicht in den Gräben, nicht in den Löchern, nicht unter den Schwimmrasen, nicht in den Bereichen, die nie beweidet wurden, weil zu nass. Selbst die großen schwarzen Wasserflächen, nun Mondlandschaft mit Kratern.



Wie sagt die Kollegin, die die zweite Herde des Betriebes hütet: Wann kann man schon mal über Torfmoos laufen und es knirscht bei jedem Tritt!



Der Auszubildende fährt den Schafen Wasser ins Moor.
Auch so ein Satz, den ich nie für möglich gehalten hätte.


Immerhin besteht keinerlei Gefahr, dass ein Schaf stecken bleibt.
Da brauche ich also keine Sorgen dran verschwenden.
Nur satt muss ich sie bekommen.
Und auch das ist nicht einfach. Wie schon gesagt, die Moorzeit ist eigentlich abgeschlossen.
Kein Schaf frisst jetzt noch Bentgras. Doch Heide und Birken.


Heide fressen sie auch noch im tiefsten Winter, doch eben nur so zwei Stunden. Dann reicht es ihnen. Dann geht es an die Birken. Doch bei denen kann ich zusehen, wie die Blätter von Tag zu Tag gelber werden. Aus pflegerischer Sicht macht das Beweiden jetzt keinen Sinn mehr, die Birken stört der Blätterverlust nun nicht mehr. Doch um Pflege geht es um diese Zeit eh nicht mehr, es geht um Schafe satt hüten. Und Schaden kann man jetzt auch nicht mehr anrichten. So kann ich mich mit der Herde frei bewegen, große Strecken zurücklegen. Immer auf der Suche nach den letzten grünen Blättern.






Besonders viel Grün gibt es noch in den Birken- und Faulbaumwäldern im Randbereich des Moores. So treiben wir uns da viel rum.



Oh, es macht mir Spaß, durch dieses wilde Land zu streifen.
Aber es ist auch aufregend und nervenzehrend. Ich sehe einfach nicht weit genug. Wenn man nur einen kleinen Teil der Herde überblickt, was, wenn nicht alle mitkommen? Besonders, wenn man Hunde hat, von denen man weiß, dass sie gerne in die letzten dreißig Schafe reinbrettern, anstatt darauf zu achten, dass auch die mitkommen. Und wenn es dann noch Schnucken sind, wo diese dreißig dann lieber in die andere Richtung davon rennen.
Tja, damit komme ich zu dem Desastertag.
Die Herde ist frisch durchgeschnitten, und doch gibt es ein paar die Hinken und nochmal Kontrolle brauchen.
Ich erwähnte schon einmal, wie schwierig es ist, fremde Schafe zum Schneiden zu fangen?
Hier ist es nicht anders. So nahe sie mich lassen, wenn ich was von ihnen will, sind sie sofort auf Abstand. So muss ich sie mit dem Hund hart eng stellen, um das gewünschte Tier zu fangen. Etwas, was sie auch nicht kennen. An diesem Tag spritzt eine von der Herde weg. Ich rufe Lille sofort ab und doch flüchtet das Schaf weiter, einen, in die Binsen gemähten Weg entlang.
Normalerweise bremst ein Hüteschaf, wenn es nicht verfolgt wird, nach ein paar Meter ab, guckt, schlägt einen Bogen und kehrt zu seiner Herde zurück.
Diese?
Ich weiß es nicht.
Ich sehe nicht, dass sie zurückkommt.
Doch habe ich durch Wald auch nicht alles im Blick.
Eigentlich bin ich sicher, dass sie zurück gekommen sein muss.
Aber!
Sicher ist sicher, so hüte ich die Herde in die Fluchtrichtung.
Doch das Schaf sehe ich nicht wieder.
Sie wird schon wieder dazu gesprungen sein.
Und wenn nicht, steht sie morgen neben dem Pferch.
Als ich abends auf den Hof komme, wird berichtet, dass gerade jemand Bescheid gesagt hat, dass auf dem Moordamm ein einzelnes Schaf rennt.
Im Boden versink!
Also wieder los, Schaf suchen.
Wo ist sie bloß?
Da ruft die Kollegin an. Sie hat da ein ganzes Herdchen Schnucken gefunden, auf einer der Pferchwiesen, ohne Zaun.
Oh, du meine Güte! Wie peinlich!
Wenn der Boden zum versinken zu trocken ist, kann er sich dann nicht wenigstens auftun und mich verschlucken?
Da habe ich doch tatsächlich irgendwann in den Wäldern dreißig Schäfchen oder so verloren. Die haben zufrieden alleine weiter gefressen und sich dann zu einer ihrer Pferchwiesen begeben. Wie es sich für ein anständiges Schaf gehört.
Glühende Wangen.
Die Schafe werden mit der restlichen Herde vereinigt. Die Einzelne wird da doch sicher dabei sein, war es doch die gleiche Richtung.
Der nächste Morgen, ich bin am Pferch aufbauen, wieder ein Anruf der Kollegin. Sie hätte hier so eine Schnucke, die sich unbedingt ihren Bentheimern anschließen wollte.
Was?
Die Gute ist vier Kilometer gelaufen?
Na super!
Ich komme sie holen.
Wie lade ich sie jetzt wieder aus, ohne dass die Herdenschutzhunde stiften gehen? Der Hänger ist ja noch von dem Schaf besetzt.
Ach, ich lasse sie direkt am Zaun raus. Sie wird die Herde sehen und schon nicht abhauen.
Auf, Huddel, komm raus aus dem Hänger! Guck, da ist die Herde.
Nö.
Also muss ich wohl reinkrabbeln.
Was im letzten Betrieb die große Merinomutter nicht geschafft hat, für die Schnucke kein Problem. Sie crasht zwischen Hängerdach, meinem Kopf und Schulter durch, ab ins freie. Am Zaun entlang in den Wald.
Durchatmen.
Doch dort stoppt sie, trippelt aufgeregt hin und her, rennt dann auf die andere Seite des Pferches. Lecker frisches Futter.
Augenroll.
Ich ignoriere sie, verstaue die Herdenschutzhunde und rufe die Herde zum Hüten.
Die Verrückte hat erbarmen mit mir, kommt um den Zaun und schließt sich ihrer Herde an.
Geschafft.
Und ab nun bin ich in den Wäldern noch achtsamer. Laufe viel, gucke selbst nach den Flanken, sind alle beieinander?
So etwas passiert mir nicht nochmal!
Oder zumindest nicht nochmal, ohne das ich es mitbekomme!
Denn gleichzeitig macht es einfach zu viel Spaß, sich durch die Wildnis zu schlagen, schmale Dämme entlang zu wandern, die Herde hinter mir aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Da muss ich mich verlassen, dass alle kommen, der Hund darf auf keinen Fall laufen. Er würde nur die Kette zerreißen. Und wirklich, es klappt. Ich verliere nichts mehr.





So teile ich meine Hütezeit zwischen Moorwald und Hochmoor.
Moorhüten.
Es ist so anders, als alles andere Hüten.
Habe ich doch sonst immer Grenzen, eingeteilte Stücke. Der Hund kann seine Linien laufen. Ist die Fläche zu groß, setze ich imaginäre Linien, lasse den Hund die laufen. So bewege ich mich von Feld zu Feld.
Nicht so im Moor.
Das Hüten erfolgt immer in Bewegung. Nicht nur gibt es kaum klare Grenzen, auch bleiben wir nie auf einem Stück, laufen und laufen. Nur bestimme ich das Tempo, die Richtung und wie weit die Flanken der Herdenformation aufmachen.
Der große Vorteil ist, keine Schotterwege, die der Hund läuft.
Mein Altdeutscher Rüde Lillebror bleibt dauerhaft fit. Nicht einmal geht er steif, krabbelt abends vor Erschöpfung kaum aus dem Auto, hat trotz Schuhen wunde Pfoten, verwandelt sich in zwei Wochen in ein hochbeiniges Gerippe.
Der Nachteil, er strotzt die ganze Zeit über vor Arbeitseifer.
Und, er kann es nicht, hat noch nie im Moor gearbeitet.
Lille läuft jede Grenze, unermüdlich. Auch die imaginären, ich zeige sie ihm, er läuft sie.
Nur das mit dem Vorhalten, die Fressfront abbremsen, dass klappt nicht wirklich.
Denn schicke ich ihn, knallt er.
Dann ist er so übergedreht, dass mir kein vernünftiges abbremsen gelingt, ich ihn nicht zum Verstand einsetzen bringe. Mit heftigem Druck kann ich seine Aktion abwürgen, bevor der die Herde ganz zusammen knallt. Dann kommt er gescholten zurück, nur unter noch mehr Spannung, um bei dem nächsten auffordernden Wort wieder los zu knallen. Der Groschen zwischen mach es, aber langsam und vorsichtig, fällt einfach nicht.
Und auch die Schafe sind bei dem Spiel nicht hilfreich, hören sie mich Lilles Aktion abbrechen, klappen die Flanken der Herde schon von alleine ein. Schaf will ja nicht riskieren, dass der Hund tatsächlich angeblasen kommt.
In meinem bisherigen Hütealltag hatte ich auch immer zu wenig Gelegenheit, daran zu arbeiten, zu selten diese Situationen.
Aber nun! Nun habe ich jeden Tag.
Und Lille ist ein Hund der es eigentlich können muss. Ist er doch ein Läufer, der nie die Füße still halten kann. Kein Hund, der, wenn er nicht Knallen darf, sich an meinem Bein fest schweißt, dann eben gar nichts macht. Nein, er muss laufen.
Lasse ich ihn, gestaltet er ein eigenes Hüten, immer am Druckpunkt, immer an den Köpfen der Fressfront, mal die Flanken mitnehmend, mal nicht. Dabei gibt er dem Schafdruck nach, lässt sich zurück schieben, erweitert das Gehüt.
Also genau das, was ich möchte.
Nur eben bitte von mir gesteuert.
Wenn ich es stimmlich nicht steuern kann, dann halt anders.
Ich arbeite mit meiner eigenen Position.
Räume öffnen und schließen.
Ich stelle mich an der fressenden Herde, mit dem Blick dahin, wo ich möchte, dass der Hund pendelt.
Die andere Richtung schließe ich. Durch Körperhaltung, durch die Schäferschippe, die einfach dem Hund den Weg versperrt und auch durch ansagen. Da will ich es nicht!
Möchte ich die Herdenfront in meine Richtung lenken, stehe ich weit vor der Herde.
Der Hund darf niemals zwischen mir und der Herde pendeln!
So verhindere ich durch meine Position, dass er die Spitze der Herde, die in meine gewünschte Richtung frisst, behelligt. So sorge ich dafür, dass er raus zu den Flanken und unerwünschten Nebenfronten pendelt.



Ist mir die Herdenfront zu schnell, möchte ich da Tempo raus nehmen, stehe ich weiter hinten neben der Herde. Der Hund pendelt automatisch die Front.






 
Reicht der Druck, den der Hund macht, nicht aus, lässt er sich zurück drängen, lasse ich ihn mehr Druck machen, dies dann über Stimme. Und zwar nicht, wenn er von mir weg läuft, würde ich da was sagen, würde er sicher über das Ziel hinaus schießen, die Flanken einklappen und so den Druck der Front noch erhöhen. Selbst, wenn er sich auf den Punkt abrufen lassen würde, würden die Flanken auf Grund meines Stimmeinsatzes einklappen.
So sage ich, wenn der Hund auf dem Rückweg ist, an dem Frontpunkt ist, der mir zu viel Druck macht: „Do! Do grad!“ Da, gerade, da mach Druck. Der Hund kommt dem sofort mit Begeisterung nach. Und er kann nicht über das Ziel hinaus schießen, da ich dann ja da stehe, den Raum dicht mache.
Etwas anderes, was ich mache, ist, immer dahin zu schauen, wo ich etwas getan haben möchte. Und dann wieder zu dem Hund, der es tun soll. Dazu denke ich mir, was ich möchte, das nun geschieht.
Etwas was mit erfahrenen aufmerksamen Hunden gut funktioniert.
Wobei Lille da noch nicht wirklich empfänglich für ist. Ach, da hat er auch noch Zeit. Ist er doch noch keine drei Jahre, noch nicht erwachsen. Und Rüden brauchen Zeit, um ihren Verstand mit zu nutzen.
Sagte ich Rüden? ;)
So vergehen meine Tage als Moorschäferin.
Wo die ersten zwei Tage wie immer etwas schwierig waren, ich etwas schwierig war, erst wieder in die Ruhe des Hüten finden musste. Das Handy bleibt in der Taschen, Du brauchst nichts, was Dich ablenkt! Bleib hier bei den Schafen, den Hunden!
Bin ich angekommen, in dieser bezaubernden Herde und der grenzenlosen weiten Einsamkeit des Moores.
Ich, die Hunde, die Schafe und das Moor.
Am letzten Tag kommen die Leitschafe auch während des Hüten zum Kuscheln.

Oh, ihr seid so süß!
Macht es gut!
Auf Wiedersehen!
Und zuletzt noch einen herzlichen Dank an die Menschen der Schäferei, es hat mir echt Spaß gemacht.
Liebe Grüße!


Dienstag, 16. Oktober 2018

Herdenschutzhunde in der Hüteschäferei

Nun war es so weit, mein nächster Arbeitseinsatz führte in einer Schäferei mit Herdenschutzhunden (HSH). Das erste Mal, dass ich mit HSH im Herdeneinsatz Berührung haben sollte.


Doch bevor ich dazu komme, schweife ich etwas ab.
Durch die uneingeschränkte Ausbreitung des Wolfes in Deutschland, werden in den Betrieben immer mehr Herdenschutzhunde, auch Hirtenhunde genannt, eingesetzt. Dafür werden unterschiedliche Rassen genutzt: Pyrenäenberghunde, Kangal, Maremmano-Abruzzese, Akbash, Kaukasische Owtscharka, mazedonische Šarplaninac usw.
Gemeinsam ist diesen Hirtenhundrassen allen, dass sie in ihrem Ursprung nicht aus Deutschland kommen.
Weshalb gibt es denn eigentlich keine deutsche Herdenschutzhunderasse?
Ja, wieso eigentlich nicht?
Dahin möchte ich nun ausschweifen.
Mit dem ausbreiten des Ackerbaus auf alle Flächen, die bestellt werden können, wurden weidende Herden weltweit in ärmere Regionen zurückgedrängt. Hier konnten die Tiere, ohne Schaden an der Flur anzurichten, weiden. Begleitet wurden sie von Hirten und Herdenschutzhunden, ab und an auch noch Treibhunden.
In Deutschland, weltweit einmalig, ging die Entwicklung in eine andere Richtung. Schäferei und Ackerbau koexistierten. Die Herden wurden auf kleinsten Parzellen in direkter Nachbarschaft zu verbotenen Ackerfrüchten gehütet. Zwischen diesen Parzellen zog man auf schmalen Wegen durchs Feld. Ab Herbst wurden die Äcker und Wiesen der Bauern nachgehütet. Davon profitierten Schäfer und Landwirt gleichermaßen.
Möglich war dies nur durch die Hütehunde.
Der Altdeutsche Hütehund und der sich daraus entwickelnde Deutsche Schäferhund.
Diese trieben nicht nur Schafe, hielten sie nicht nur zusammen. Sie hielten sie von angrenzenden Flächen fern. Hart und unerbittlich, wenn es auf den Wegen durchs Feld ging. Mit viel Gespür für Fressverhalten, Druckpunkt, Bewegung der Schafe auf den Futterflächen.
Hüte- Wanderschäferei.
Und die Hunde hüteten nicht nur, sie übernahmen den Schutz gleich mit.
Der Schäfer schlief entweder mit draußen im Schäferwagen oder er ließ zumindest die Hunde draußen angebunden oder, wenn er schafsicher war, auch frei. Es waren große, gefährliche Hunde. Denen näherte man sich nicht so einfach.
Bei den Leistungshüten des Verein für Deutsche Schäferhunde wird heute noch die Schutzbereitschaft getestet, wobei das mit der Zeit auch meist über den Beutetrieb funktioniert.
Die Hütehunde behielten ihre Gefährlichkeit noch lange, nach dem der letzte Wolf aus Deutschland verschwand.
Sie gab es noch in meiner Kindheit.
So habe ich sie selbst noch erlebt.
Auch brauche ich nur Zuhause oder auf einem Leistungshüten fragen, und ich bekomme Geschichten über Geschichten.
Große, schwere, mannscharfe Hunde, bei denen auch immer mal wieder zu wenig Hütetrieb vorhanden war, die gingen dann an einen Bauern.
Geschichten, wie die von dem Schäfer, der immer einen schafsicheren Hund frei vor dem Pferch gelassen hatte, den anderen nur an einer Heuschnur fest, damit er sich los riss, sollte was sein. Bis sie dann den falschen abgegriffen hatten.
Oder Greif, ein Altdeutscher Tiger mit Glasauge, bei uns im Betrieb. Als der Schäfer die Hütehunden in der Hauskoppel laufen ließ und jemand dachte, er könne einfach dazu laufen. Greif biss ohne zögern in die Männerbrust.
Oder Unkas, der kompromisslos alle fremden Hunde angegriffen hatte, Fremd gleich Todfeind.
Oder, als ich mit den Hunden laufen war, gerade 14 Jahre alt, und mir das ganze Rudel über den Zaun ist, versuchte, die Nachbarshunde, ein Bernhardiner und noch etwas großes, zu töten.
In Schleswig-Holstein war die Hüteschäferei bereits in den fünfziger Jahren verschwunden und kam erst durch Landschaftspflegeprojekte in den 90igern wieder. Doch gab es damals im Dorf nicht nur einen großen Landwirtschaftlichen Betrieb sondern X Höfe, die noch von 30 Hektar und 15 Milchkühen leben konnten. Die Hofhunde, die nachts ihre Höfe bewachten waren große, weiße Tiere. Die trafen sich morgens auf dem Dorfplatz, trieben sich als Rudel herum, versuchten Spaziergängerhunde zu Frühstücken. Selbstverständlich war, fuhr man auf einen Hof, dass man nicht ausstieg, bis man abgeholt wurde. Sonst fraß einen der Hund.
Diese hochgradige, selbstständige Aggressionsbereitschaft gibt es nicht mehr.
Sie war nicht mehr tragbar.
Unsere Gesellschaft hat sich verändert.
Hunde haben nicht mehr zu beißen!
Auch nicht zum verteidigen ihres Eigentums.
Menschen erheben den selbstverständlichen Anspruch unversehrt zu dem Schäfer, auf die Weiden, auf Höfe, laufen zu dürfen und auch ihr Begleithund hat unversehrt zu bleiben.
Diesem gesellschaftlichen Wandel hat sich auch die Gesetzeslage angeglichen.
Und wir Schäfer haben unsere Hunde angepasst.
Die, mit solchem Aggressionspotenzial sind verschwunden.

Und nun kommt der Wolf.
Wir Schäfer wollen irgendwie unsere Herden schützen.
Wir werden gezwungen Hunde aus anderen Ländern hier einzusetzen.
Ein Wettrüsten hat begonnen.
Unter gesellschaftlichen Bedingungen die dafür nicht mehr geeignet sind.
Bei voller und alleiniger Verantwortung zu unseren Lasten.

So.
Nun komme ich zu der Schäferei mit ihren Hirtenhunden.
Niedersachsen, hier gibt es schon einiges an Wölfen, so hat der Betrieb auch schon des längeren Herdenschutzhunde im Einsatz.
Angefangen mit Kangal, einem Owtscharka und neuer mazedonische Šarplaninac.
Durch wechselnde Praktikanten und Auszubildende sind die Hunde an unterschiedliche Menschen gewöhnt. Und mich erstaunt, wie schnell auch ich alleine zu ihnen kann.
Im Stall sind zwei Hunde, in der Bockgruppe zwei, bei der Herde, die ich hüten werde, zwei und ein Rüde alleine.
Im Stall, in einer der Mastlämmergruppen:


Fränk, der Owtscharka. Er ist hier, weil er nach einer Kreuzbandoperation Ruhe halten soll. Ein temperamentvoller Jungrüde, ziemlich gelangweilt. Als zwei Schafsböcke aus der Herde kommen und ein paar Tage in einer Bucht an Fränks Gruppe geparkt werden, sehe ich ihn dauernd die Böcke anknurren. Ich erfahre, dass es immer schwierig in der Deckzeit ist, da die Hirtenhundrüden nicht sehr begeistert von der männlichen Konkurrenz sind, die seltsame Dinge mit ihren Damen treibt.


Boso, die Kangalhündin mit den abgeschnittenen Ohren, noch aus der Türkei. Was für eine vorsichtige, feinfühlige Seele. Und doch so willensstark und deutlich. Gegen Fränk, gegen die Mastlämmer, wehe, da nähert sich eines ihrem Futter, das wird deutlich gepackt. So lerne ich, die Hunde zu füttern, während die Lämmer Kraftfutter bekommen. Die Hurden zu der Gruppe sind doppelt erhöht, damit Boso, die Ausbruchskönigin, nicht entkommt. Ja, auch sie findet es im Stall doof. Doch auch sie muss sich erholen, Selbstbewusstsein wieder aufbauen, wurde sie doch von der dominanten, vor jugendlichen Energie nur so strotzenden Juna zusammengebissen. Die hatte sich dazu mit Gunnar verbündet.


Und damit sind wir bei den beiden Mazedoniern in der Bockgruppe. Diese steht in dreireihiger Litzenzäunung verwinkelt um den Hof.





Gunnar ist ein ruhiger, entspannter Rüde. Ganz das Gegenteil von Juna. Gerade mal neun Monate alt, hält sie sich für die aller größte. Einen Rüden wie Gunnar respektiert sie, aber gefälligst keine andere Hündin. 


Ja, Kampfstark ist sie. Doch verbringt sie ihre Zeit nicht unbedingt bei den Böcken, sondern giftet lieber durch den Zaun rüber zu Floki. Manchmal kommt mir die Versuchung, sie diese Erfahrung tatsächlich einmal machen zu lassen …

Denn Floki, der große Kangal, ist unverträglich sowohl mit Hunden, als auch Schafen. So lebt er alleine, immer auf der Wiesenparzelle am Hof, wo gerade keine Schafe sind. Zu mir ist er der totale Schmuser und super freundlich. Besonders, wenn ich ihm Futter bringe. Dies verteile ich weitläufig über die Wiese, damit ist er eine ganze Weile beschäftigt. So liefert er sich dann auch kein Wettrennen mit den Hütehunden am Zaun. Da komme ich jeden Morgen und Abend vorbei, wenn ich diese laufen lasse. Doch selbst bei diesem Gerenne wirkt Floki nicht sonderlich Aggressiv, lässt sich von der tolldreisten Gelbbacke die Schnauze lecken.


Einmal gebe ich Floki einen Pansen, er freut sich riesig darüber, aber frisst nicht wirklich viel. Dafür bewacht er ihn nun, macht Höllentheater wenn sich jemand nähert.
Hm. Der Pansen muss dort also wieder raus.
Ich leine Floki an, binde die Leine mit einem Strohband an einen Baum und streue ein paar Futterbrocken hin. So kann ich den Pansen sicher entfernen. Doch kaum sind die letzten Brocken vom Boden, bekommt Floki Panik, zerrt, kreischt. Ich schnell hin und die Schnur vom Baum geschnitten. Der große Hund flieht entsetzt vor der nun schleifenden Leine. Ich kann ihn davon überzeugen, sich bei mir in Sicherheit zu bringen. Er stürzt in meine Arme und ich nehme ihm die Leine ab.
Was für ein Riesenbaby.
Wie sehr würde ich ihm ein Zuhause wünschen, wo er nicht nur überflüssig ist.


Und zum Schluss die beiden HSH in der Herde.


Gerda, die Kangalhündin. Sie ist so dünn, weil sie eine mäkelige Fresserin ist. Auch sonst wirkt sie zart, braucht Zeit zum kommen, bewegt sich vorsichtig, steigt nur nach genauer Prüfung in den Hänger. Liebebedürftig ist sie, mag so gerne den Bauch gekrault bekommen. Und doch spürt man genau, dass sie keinerlei Spaß versteht, sollte es an ihre Schafe gehen.


Dazu Torvi, die junge, übermütige Mazedonierin, immer am hüpfen und freuen.


Einmal kommt, während ich auf der Fläche neben dem Pferch Zäune aufbaue, ein Reiter den Weg entlang. Beide Hunde schlagen sofort Alarm. Das Pferd steigt, dreht und flieht. Zum Glück bleibt der Reiter im Sattel, bekommt sein Tier bald wieder in den Griff.
Ja, ist am Hof alles fertig, fahre ich raus zum Hüten. Zuerst Gerda und Torvi füttern und den nächsten Nachtpferch aufbauen. Beide Hunde kommen nur angeleint aus dem Zaun. Meine Hütehunde bleiben derweil im Auto, dabei zeigen die HSH-Mädels sichtlich gefallen an Lillebror.
Während dem Hüten bleiben Gerda und Torvi auf dem Anhänger, natürlich mit frischem Wasser. Bei den herbstlichen Temperaturen ist Hitze kein Problem, auch ist die Zeit nicht sonderlich lange. Länger als fünf Stunden sind wir nicht weg.
Sind die Schafe wieder im Pferch, leine ich Gerda und Torvi wieder an und bringe sie zu ihren Schützlingen. Kurz überprüfen sie die Lage und erwarten dann noch eine große Kuscheleinheit von mir.
Gut Nacht ihr alle, habt eine ruhige Nacht.
Ruhige Nächte?
Mit Herdenschutzhunden auf dem Hof ziemlich schwierig.
Hört man am Tag keinen Ton, sind sie Nachts sehr aktiv.
Alles was nach Gefahr, oder was auch immer klingt, wird verbellt. Und dann stimmen sicherheitshalber die Hütehunde mit ein.
Ich schlafe mit geschlossenem Fenster.
Was für ein Radau, gut, dass die Schäferei Alleinlage hat.
Ich erfahre, dass man durchaus am Bellen hört, wie bedrohlich die Hunde die Situation finden. Doch raus fährt nachts kein Mensch. Das verschreckt nur die Schafe und was könnte schon in dunkler Nacht getan werden? Man muss sich einfach darauf verlassen, dass die Hunde ihrer Arbeit und Berufung nachkommen.
Probleme mit Wölfen hatte es tatsächlich hier auch noch nicht gegeben.
Das benachbarte Wolfsrudel ist auf der anderen Seite der Bundesstraße. Die scheint als natürliche Grenze zu fungieren, noch. Denn hier sehe ich sogar Rinder hinter einer Litze.
Auf der anderen Seite der Straße sieht die Sache schon anders aus. Da gibt es immer wieder Risse.
Auch in der Schäferei mit Schutzhunden, kaum fünfzehn Kilometer entfernt. Ich treffe eine Schäferin aus dieser. Wir beide sind schon seit achtundzwanzig Jahren gute Bekannte, schön sich hier zu treffen. Sie berichtet, dass sie ihre Berufung nun an den Nagel hängt. Sie schafft die Belastungen des Schäfereialltags nicht mehr und der Wolf gibt ihr den Rest. Die tägliche Angst um die Schafe ist einfach zu viel. Die Wölfe, die sich auf das Wettrüsten einlassen, beobachten, passen ihren Moment ab. Ja, sind nachts die Hunde zu aktiv, kommt man eben am Tag. Da war der letzte Übergriff dann morgens, als die Herdenschutzhunde gefüttert wurden. Die Hunde mit ihrem Fressen beschäftigt und die Wölfe springen hinten ein, reißen Schafe. In Anwesenheit des Schäfers.
Nein, das hältst Du auf Dauer nicht aus.
Doch zum Glück funktioniert es hier in diesem Betrieb noch.
Aber wie wird es, wenn der Wolfsdruck größer wird?
Wenn der auf die Beute angewiesen ist?
Zwei Hunde in der Herde gelten als Standard.
Will der Wolf an die Beute, sagt man, pro Wolf ein Hund mehr.
Das verkompliziert die Haltung ungemein, denn schon jetzt ist es schwierig Rudelkonstellationen herzustellen, die sich verstehen. Hirtenhunde sind auch nur Hunde, und je größer ein, sich selbst überlassenes Rudel wird, je mehr sozialen Unfrieden gibt es.
Die andere Frage, die sich stellt ist, was geschieht mit all den zum Herdenschutz untauglichen Hunden?
Ich habe immer daran geglaubt, dass es für jeden Hund das passende Zuhause gibt. Schon viele hüteuntaugliche Hütehunde habe ich an privat vermittelt. Sie sind tolle gut sozialisierte Begleithunde. Nur was geschieht mit den Herdenschutzhunden? Wie viele Häuser in Alleinlage ohne anderes Viehzeug gibt es denn?
Und die Lösung aus anderen Ländern ist auch keine!

Ja, wir Schäfer standen vor dem Wolf schon vor einem Berg von Problemen. So lässt sich nicht alles auf den Wolf schieben.
Aber!
Die Probleme mit dem Wolf sind gewaltig!
Lässt man uns damit alleine sind wir, ist die Hüte- und Wanderschäferei, bald Geschichte.
Jetzt höre ich doch schon wieder damit auf, wie ich im letzten Bericht angefangen habe.
Das will ich nicht.
Meine Meinung zum Wolf findet ihr hier:
Sie hat sich nicht geändert. Im Gegenteil, ich habe zu viele neue Berichte, wo Wölfe als sicher geltenden Herdenschutzmaßnahmen überwunden haben und nichts weiter unternommen wird.

Boso, Fränki, Juna, Gunnar, Floki, Gerda, Torvi!
Ihr seid echte Schätze!
Es hat mir wirklich Spaß gemacht, mit euch zu arbeiten!
Herdenschutz in der Form ist in diesem Betrieb machbar.
Doch mehr können wir nicht tun!
Da sind andere dran.

P.S.
 Am 21.10. treffen wir Schäfer uns in Berlin auf dem Tempelhofer Feld. Trotz all dem Mist um uns herum, trotz vieler leerer Versprechungen, trotz extrem schweren Bedingungen in diesem Jahr feiern wir ein kleines "Trotzdem-Fest", zeigen der Politik, dass wir immer noch eine Anerkennung für unsere Leistungen brauchen und dass wir trotzdem jungen Menschen den Sinn und die Freude am Beruf vermitteln.
https://www.tempelhoferfeld.info/schaefchen-zaehlen-tempelhofer-feld/?fbclid=IwAR1Mr5tAa98S26_VGKKiGqgDMmSBov8suPrbXKZ0Ch-oEEW7A7mRnrUTUnI
 



Mittwoch, 26. September 2018

Hüten im Schwabenländle im August 2018


Und ein zweites Mal geht es zur Urlaubsvertretung 700 Kilometer in den Süden. Baden-Württemberg, an der Grenze zu Bayern.
Über die Unterschiede von Nord nach Süd hatte ich mich schon letztes Jahr ausgelassen.
Beim Lesen meines Berichtes von damals, berührt mich besonders der Schluss, stimmt mich traurig. Ich möchte nicht wieder so enden und doch ist es wichtig.
Also beginne ich dieses Mal mit dem gleichen Ende:


Urlaubsvertretung in der Schäferei ist Arbeit, die mich zufrieden macht, mich erfüllt, die mich gut beschäftigt.
Und doch bin ich mir meines Luxus sehr bewusst.
Der Betrieb ist bestens organisiert und auf mich vorbereitet.
Ich habe den ganzen Tag zu tun und habe doch so viele Dinge nicht getan.
Keine Zäune, außer dem Nachtpferch gebaut, kein Wasser gefahren, keine Parasiten behandelt, kein Winterfutter gemacht, kein Weidetagebuch oder Bestandsregister geführt, keine Anträge geschrieben, überhaupt nichts an Papierkram, keinen Stall gemistet, keine Schur organisiert, keine Lämmer geschlachtet und vermarktet.
Zum Glück stand auch kein Kontrolleur auf dem Hof, der erwart, dass ich alles liegen und stehen lasse und nun mit ihm Flächen abfahre, vermesse, Tiere begutachte, Schlachträume inspiziere, Bücher durchgehe. Gefühlt gibt es pro Betrieb einen Kontrolleur, der, gut bezahlt nach Stunden, nichts anderes macht, als Fehler zu suchen und zu ahnden.
Auch habe ich keine Herdenschutzhunde versorgt, keinen Wolfsschutz gebaut, keine Nachtwache gehalten.
Erst recht habe ich nicht das Haus geputzt, Reparaturen vorgenommen, Amts- und Arzttermine wahrgenommen oder Freunde getroffen.


Auch dieser Betrieb hat, wie alle in denen ich aushelfe, trotz stattlicher Kinder, keine Nachfolger.
Unter diesen Bedingungen, bei denen es sich dazu abzeichnet, dass es nur noch schlechter wird, will keiner mehr schäfern.
Die Hüte-Wanderschäferei stirbt.
Eine jahrhundertealte Kultur stirbt.
Eine Lebensweise stirbt.
Und nimmt vieles mit:
Das Schaf, letzte Nutztierart, die noch in Freiheit lebt.
Hütehunde, deren Art Herden in kleinteiliger Kulturlandschaft zu hüten, weltweit einmalig hier entstanden ist.
Mager- und Trockenrasen.
Heideflächen.
Moore.
Kulturlandschaft, die Mensch und Tier und Nutzung in Einklang mit Natur bringt.
Es sind nicht nur Schäfer und Schafe die verlieren, es ist die Gesellschaft.


Ja, Urlaubsvertretung.
Das heißt, ich habe den Betrieb, die Schafe, für mich ganz alleine.
Die Hunde der Schäferei erinnern sich noch an mich, gehen gerne mit mir auf die morgendliche Fahrradtour.
Nur der alte Max, der meinem Lille so ähnlich sah, ist nicht mehr dabei.
Schade.
Im Stall stehen um die zwanzig Muttern mit kleinen Lämmern, die über Tag auf die Wiese kommen.
Die Herde steht ein paar Kilometer vom Hof entfernt, malerisch an einer Seenlandschaft.
Der große Vorteil, ich muss kein Wasser fahren. Dazu weiden die Schafe die schmalen Uferstreifen, eine unglaublich schöne Kulisse zum Hüten.


Als ich aus dem endlich angenehmen Schleswig-Holstein ankomme, sind hier 30°C. Mich haut die Hitze fast um, doch zwei Tage später fällt es auf höchstens 17°C.
Das schafft mich.
Die Schafe auch.
Nach Monaten Hitze und Trockenheit plötzlich Regen und kalt, die Schafe verzichten aufs fressen. Nasses Grass, iih, pfui Teufel.


Zumindest kann ich mir erzählen, dass es daran liegt, nicht daran, dass sie sich an mich gewöhnen müssen.
Doch, sicher, wir müssen uns auch zusammen raufen.
In manchen Dingen bin ich ein gnadenloser Hüter.
Ich liebe fressende runde Schafe.
Die verwöhne ich, stopfe sie mit Leckereien voll.
Wer den ganzen Tag rumzuchtelt, da und dahin drückt, den Kopf in die Luft reckt, nicht frisst, den belohne ich am Abend garantiert nicht mit frischem Futter. Erstrecht nicht, wenn es den ganzen Tag ja schon frisch war, immerhin ist die Herde gerade erst in dem Gebiet angekommen.
Und mir ist auch egal, dass sie vorher saftigere Wiesen gehabt hatten.
Das ist es, was es gibt! Fresst es! Oder lasst es bleiben!

nur übers Futter latschen


Dann bleibt ihr stehen!

Geht doch!


Morgen habt ihr dann schon Hunger!
Vier Tage reiben wir uns so, die Schafe und ich.
Nein, kein bisschen frustrierend.
Der fünfte Tag beginnt mit kalten 7°C, ich muss mir mehr Klamotten zusammen suchen.
Aber es ist klar und sonnig, herrlich!
Und direkt nach dem Ausfahren aus dem Nachtpferch, merke ich schon die veränderte Stimmung.
Die Schafe fressen, fressen, fressen.


Ich starte jeden Morgen mit dem gleichen Futter der Tage zuvor. Mit leerem Magen kann man auf dem Alten auch noch mal fressen.
Ja, ich weiß, ich wiederhole mich, aber es ist einfach wichtig.
Es macht die Bäuche voll, die Fläche wird sauber ausgefressen und, jetzt, wo auch hier so viel vertrocknet ist, die Bauern den letzten Halm noch mähen wollen, gibt es nichts zu verschwenden.
Und heute fressen sie und fressen.
Egal wo ich sie „hin halte“, sie haben die Köpfe unten, sind am rupfen.


Überhaupt, wenn jemand das noch nie gehört hat: Geht, hört es euch an!
Es gibt KEIN schöneres Geräusch als das!
Eine zufrieden Gras rupfende Schafherde.


Der Klang hat etwas von leichter Brandung am Morgen, oder Wind, der in Blättern spielt. Unglaublich beruhigend und entspannend.
Wenn dann noch Regen oder Gewitter in der Luft liegen, die Schwalben tief über den Schafen fliegen um Insekten zu fangen, da bleibt die Zeit stehen. Verwachsen wir in dem Moment.


Ein Landwirt kommt vorbei, schaut einen Moment zu und sagt, dass er da hinten, neben dem Nachtpferch, noch eine Stilllegung mit Klee hat. Ob ich die haben wolle? Er würde sie sonst nur unterpflügen.
Natürlich nehme ich die gerne!! Vielen Dank!
Was für ein Geschenk!
Als die Herde abends eigentlich satt ist, gehen wir auf den Klee.
Die Schafe sind total begeistert.
Doch ich bin auf habacht.
Klee ist unglaublich lecker, aber gleichzeitig sehr, sehr gefährlich.
Er bläht. Ratz, fatz und dir platzen die Schafe weg.
Nicht umsonst heißt eine alte Schäferweisheit:
Ein Schaf sucht jeden Tag seinen Tod.
Darum ist der Beruf des Hirten auch einer der ältesten der Welt.
Das Schaf braucht seinen Hirten, der es behütet.
Ich gebe der Herde zehn Minuten.
Und ich lasse sie nicht über das ganze Stück laufen, sie bekommen eine Fläche von ca. 30 auf 30 Meter. Da mögen sie noch so sehr weiter wollen.
Mehr Klee, mehr Klee!


Die Stiele könnt ihr auch fressen!
Und so stehe ich, schaue auf die nun wirklich schlingende Herde.
Nach sechs Minuten heben die ersten zwei die Köpfe, kotzen.
Vielleicht hier kurz für Nichtschäfer:
Ein Schaf, das kotzt, hat nichts mit dem, uns bekannten Erbrechen bei Übelkeit zu tun.
Wenn ich abends die Herde total satt habe, sie immer noch am Fressen sind, gibt es einige, die einfach nicht aufhören können. Ist so ein Schaf dann so richtig voll, reckt es den Kopf in den Himmel, bäumt sich auf und kotzt Gras hoch. Das Wiederkäuen wird erzwungen, mehr geht nicht.
So erfreut den Schäfer abends kotzende Schafe.
Ich beschließe, dass das reicht.
Sicher ist sicher.
Zeit für den Nachtpferch.
Herrlicher, befriedigender Tag!


Die Böcke sind im Ritt.
Das heißt, sie sind in der Herde zum Decken der brünstigen Mutterschafe.
Einer dieser stolzen Merinolandschafböcke hatte sich so heftig geboxt, dass ein Teil seiner Kopfhaut lose gerissen war. Nicht dramatisch, aber doch muss so eine Wunde kontrolliert werden.
Kleine, eigentlich harmlose Verletzungen sind ein gefundener Eiablageplatz für Fliegen. Und die Maden fressen das Tier bei lebendigem Leib. Dass gleiche kann bei verschissenen Schwänzen passieren. So ist eine meiner Aufgaben, einen sehr genauen Blick auf alle Tiere zu haben. Schafe zeigen Schmerzen und Unbehagen nicht wie wir oder auch Hunde. Im Gegenteil, sie zeigen sie eigentlich gar nicht. Ein Madenbefall ist dazu von außen, unter der Wolle versteckt, nicht zu erkennen. Ich kann ihn nur daran sehen, dass das Tier unruhiger ist, den Kopf etwas schräger hält, immer wieder in sich hinein horcht, mit den Ohren schlackelt.
Den Bock kontrolliere ich täglich. Das ist nach ein paar Tagen immer wieder eine Herausforderung, da er gar keinen „Bock“ darauf hat, und behandle die Wunde mit Blauspray. Am besten fange ich ihn morgens, beim Äpfel fressen. Da ist er so gierig, dass er mich vergisst.
Ja, Äpfel bekommt die Herde morgens. Alle Nachbarn bringen ihr Fallobst an den Stall und ich nehme es dann mit raus, verteile, mache die Schafe glücklich. Wehe, es gibt einen Tag mal keine, dann ist das Geschrei groß.


Merinoschafe sind asaisonal. Das heißt, sie können das ganze Jahr über lammen.
So auch jetzt.
Ab und an erwartet mich morgens eine Mutter mit frischgeborenen Lamm. Die lade ich ein, bringe sie Heim.
Im allgemeinen etwas, was schnell und einfach zu machen ist. Lamm an den Vorderbeinen genommen und die frischgebackene Mama läuft brav hinten drein.


Doch manchmal gibt es auch andere. So wie die Eine, die wie irre, in unerreichbarem Abstand, um mich und ihr Lamm zirkelt, total aufgeregt, aber auf keine Fall näher kommt.
Als ich das Lamm ins Auto stelle und hoffe, dass sie dazu einsteigt, will sie auch das nicht, rennt um die offene Tür.
Ach, Mama, du siehst gar nicht aus, wie eine junge unerfahren Erstlammende.
Aber hilft ja nichts, bist du nicht willens, so...
Die Herde mit dem Hund eng gestellt, das Schaf mit dem Schippenhaken am Hinterbein gefangen und in Richtung Auto gezogen.
Doch kaum haben wir die Herde verlassen, lässt sie sich fallen. Ein schlaffes Schaf ist ungleich schwerer, als ein angespanntes. Ich keuche und stöhne, während ich sie zum Auto zerre. Ein Blick auf ihre Zähne verrät mir, dass sie schon drei Mal gezahnt hat.
Drei Jahre alt, eigentlich zu alt für so ein Theater!
Aber so fett und schwer wie sie ist, kann es natürlich auch durchaus ihr erstes Lamm sein.
Endlich habe ich sie am Auto, die Vorderbeine rein gehoben, doch am Rest scheitere ich.
Sie ist einfach zu schwer.
Das Lämmchen ist ähnlich agil und schon längst wieder aus dem Auto gepurzelt. So hat das Schaf auch keinerlei Motivation einzusteigen.
Was nun?
Ich könnte sie am Auto anbinden, das Lamm holen.
Den Hund ran gerufen: „Ylva, ich brauche dein Halsband.“ Leine habe ich am Gürtel.
Meine Altdeutsche Hütehündin kommt brav, ich greife ihr Halsband. Sie kriegt Panik in der Enge am Auto, zwischen mir und fest geklemmtem Schaf, zappelt.
Das Schaf bekommt einen Schreck, macht einen Satz nach vorne.
Ins Auto!
Ich lasse den Hund los, greife die Tür.
Die Huddel dreht, will natürlich sofort wieder raus, spring mit allem was sie hat gegen mich.
Ich brülle wie ein Stier. Nicht aus Wut, auch nicht, um das Tier abzuschrecken. Nein, einfach, um die Kraft zu halten.
Sie hingegen stemmt die Hinterbeine in den Boden, legt ihr ganzes Gewicht gegen mich.
Kurzes Schwanken und dann schaffe ich, nicht rückwärts umzufallen, drücke zurück, bekomme die Tür geschlossen.
Das Auto wackelt von dem tobenden Schaf.
Schnell das Lamm geholt, zu seiner Mutter geschoben. Zufrieden grunzende Ruhe kehrt ein.
Schäferei, immer was los.


Die Tage sind zu einem Ganzen verschmolzen.
Ich bin eingetaucht in mein Tun, in diese Herde, in das Hüten, genieße es.
Die Schafe bringen mir ihren Respekt, ihre Zuneigung entgegen.
Wir nehmen alles Futter mit, das wir kriegen können. Dazu gehören auch die Wegränder.
Langsam wandere ich vorne her, die Hunde haben Pause und Schafe fressen an den Rändern. Nun sind sie auch so weit, dass ich, wenn die Wiese hinter einer Einfahrt lockt, nicht den Hund schicken muss. Ich rufe nur: „Ey, ihr Lumpen, nicht weiter!“ Und sie drehen bei, folgen mir.







Einmal, die Herde ist gerade richtig lang ausgestreckt, kommt von vorne ein großer Maislaster. Ich signalisiere, dass ich hier nun eh auf die Wiese abbiege und er bleibt stehen.
Damit es schneller geht, schicke ich den Hund, den Schafen etwas Beine machen.
Eines der großen Lämmer hüpft in den Nachtpferch, der auf der anderen Seite des Weges steht.
Warum auch immer.
Erstmal die Schafe auf die Wiese bringen.
Nun springt das Lamm aber nicht mehr raus. Nein, es hechtet sich in den Zaun, reißt das Elektronetz auf ganzer Länge aus dem Boden.
Ich lasse Schippe, Rucksack und Hut fallen, renne zurück.
Der Zaun reißt, das Lamm springt, auf kürzestem Weg, hinter der Herde her. Ins Gebüsch. Den Zaun über den Weg ziehend.
Lamm gefangen, aus dem Netz gepult und den Zaun vom Weg geräumt.
Dann mich bei dem Landwirt für sein Hilfsangebot und seine Geduld bedankt.
Was macht die Herde?
Nein, sie ist noch nicht über die ganze Wiese geschleift. Danke auch an Lillebror, meinen rumpeligen Altdeutschen Hütehundrüden, der in solchen Situationen nicht etwa scheiße baut. Nein, er geht und hält die Herde, hütet alleine, gestaltet ein erstaunlich gutes Hütebild.
Zum Glück habe ich Zaunflickzeug im Rucksack und im Auto sind Ersatzpfähle für die zerbrochenen.


Um uns fällt der Mais.
Abends geht es, vor dem Klee, noch eine halbe Stunde auf abgeerntete Maisäcker.
Lecker Kolben nagen!


Eine halbe Stunde, weil zu viel Durchfall macht.
So schaffen wir aus den geplanten fünf bis sieben, zehn Tage heraus zu holen.
Doch dann ist wirklich alles runter gefressen.
Weiter geht es.

Zu dem See, an dem ich letztes Jahr schon gehütet habe.
Den Mittagspferch dort habe ich die Tage zuvor gebaut und auch ein Fahrrad hin gebracht.
Es sind vier Kilometer durchs Feld.
Die Schafe laufen, freuen sich darüber, dass es zu neuen Ufern geht.
Ich mache extra langsam, am Wegrand fressen lassen, alles mitnehmen.
Überhaupt wäre das meins.
Wegrandschäfer.
Mit einem kleinen Herdchen Wegränder beweiden.
So wie früher.
Früher konnte eine Schäferei damit überleben.
Heutzutage total utopisch.
So kommen wir am Mittagspferch an. Genügend frisches Futter, dass ich mich auf das Fahrrad schwingen kann, zurück radele und Auto und Nachtpferch nachhole.


Und damit ist meine Zeit schon wieder zu Ende.
Mir bleibt noch ein schöner Tag im neuen Grün, mit den liebenswerten, sofort wieder zappeligen Merinos.
Hach, alles frisch! Soll ich da einen Happen nehmen? Oder da drüben? Da hinten war ich noch gar nicht! He, wo frisst die denn? Das ist sicher noch besser!
Drückt nur ihr Lumpen! Dann halte ich eisern! Dafür habe ich meine Hunde!
Hüten heißt halten!
Macht es gut!
Bis nächstes Jahr!
Ich freue mich auf euch!