Freitag, 5. Mai 2017

Ylva, Teil 1

Ylva, geb. 01.01.2012
In den meisten meiner Berichte kommt Ylva vor.
Sie ist mein Altdeutscher Hütehund, genauer eine Strobelhündin.
Doch obwohl ich schon einige Hundeberichte geschrieben habe, gibt es noch keinen über sie.
Das ist irgendwie untergegangen und immer hat sich eine andere Geschichte in den Vordergrund gedrängt.
Es wird höchste Zeit, ist sie doch nun schon seit einigen Jahren mein Haupthund ohne den gar nichts geht.


Ylva ist ein nordischer Name und bedeutet Wölfin.
Das wusste ich noch nicht, als ich ihn vorschlug.
Der Name stammt aus „die Abenteuer des Röde Orm“ von Frans G. Bengtsson. Eine Wikingergeschichte die als das Männerbuch für Männer gilt. Ich aber kann sie jedem, der auf derben, nordischen, zwischen-den-Zeilen Humor steht, nur empfehlen.
Nur kurz zitiert:
„Als die Bienen geschwärmt hatten und das Heu hereingebracht war, machte man sich daran, das große Tauffest auszurichten. Es dauerte, wie Orm das gewünscht hatte, drei Tage, und schon bald nachher redete man davon als von einer ganz eigenen Begebenheit; denn es ging zu Ende, ohne dass eine Waffe von Blut gefärbt wurde, trotzdem alle Gäste Abend für Abend so betrunken waren, wie man sich das auf dem Gastmahl eines großen Häuptlings nur wünschen konnte. Kein anderes Unglück geschah, als dass zwei junge Männer, die sich einen Rausch angetrunken hatten, zu dem großen Hunden hineingingen, um mit ihnen zu spielen. Der eine von ihnen war schnell wieder draußen und trug keinen anderen Schaden davon als einige Schrammen und zerrissenen Kleider; aber der andere wurde zu Boden geworfen und auf sein lautes Schreien hin von zwei Frauen des Hofgesindes gerettet, denn sie konnten ihn herausschleppen, weil die Hunde sie kannten. Er hatte Wunden an Armen und Händen, und ein Ohr war ihm abgebissen. Darüber wurde viel gelacht, und man nannte die Hunde lobend eine Zierde der ganzen Gegend; aber gespielt wurde mit ihnen nicht mehr.“

Zurück zu meiner kleinen Wikingerbraut.
Ylva heißt eigentlich Mira vom Wolfspfad.
Gipsi vom Wolfspfad ist ihre Mutter.
Holzapfel's Buff ihr Vater.
Hier ein Link zu einem Beitrag in dem Buff vorkommt:
Landschaftspflege mit Schafen 
Eingetragen bei der Arbeitsgemeinschaft zur Zucht Altdeutscher Hütehunde.
Der Wurf war eine Wiederholung, sowohl in meinem Ursprungsbetrieb als auch in der Schäferei, in der ich zu der Zeit arbeitete, liefen schon sehr erfolgreiche Geschwister.
Geboren wurde sie am 01. Januar 2012.
Mit 10 Wochen zog sie auf den Betrieb.


Sie war nicht mein Hund und sprach mich auch nicht weiter an, kleiner, schwarzer Strobel.
Und doch machte ich mir sie, wie alle Junghunde in den Betrieben in denen ich arbeite, zur Aufgabe.
Sie kam mit, wenn die Hütehunde zwei mal am Tag gemeinsam springen durften.
Und auch sonst hatte ich sie bei meinem täglichen Tun, außer zum Hüten, dabei. Sei es beim Füttern im Stall oder beim Zaunbau, Gruppenkontrolle oder Litze stellen.
Ylva war ein lustiges, freundliches, angenehmes Hundchen, dass ohne groß aufzufallen mit lief.
Fütterte ich im Stall schlüpfte sie durch die Fressgitter mit zu den Mastlämmern und sprang zwischen ihnen rum, ohne zu viel Trubel zu veranstalten und ohne sich einschüchtern zu lassen.

Ylva wurde älter und zeigte sich sehr zugänglich und leicht zu beeindrucken.
Ihren Chef machte das nicht glücklich. Er bevorzugt harte Hunde.
Als sie ungefähr ein halbes Jahr war, hatte er sie mit im Stall. Beim Befüllen eines Wassertrogs sprang der Schlauch aus dem Eimer und der Strahl traf den Hund.
Ylva erschrak so, dass sie sich von da an weigerte in Gegenwart ihres Chefs den Stall zu betreten.
Der beschloss, dass sie nicht der passende Hund für ihn ist.

Nun gibt es sicher genug, die solch eine Entscheidung kritisieren und verurteilen.
Da muss ich vielleicht einen Einschub zu „harten“ und „weichen“ Hunden machen.
Ich weiß, es gibt viele, die sagen, ein Hund der „hart“ am Vieh ist, muss nicht automatisch „führerhart“ sein.
Meine Erfahrung ist da eine andere.
Natürlich immer mit Abstufungen.
Dafür gibt es keine Messlatte, sondern immer nur Eindrücke, Gefühle und eben Erfahrung.
Ein Hund der selbstständig Arbeitet, der in jeder Situation die Schafe hält, egal wie groß der Druck der Herde, egal wie gestresst der Schäfer, ist auch immer ein Hund, der eine härtere Ansprache durch den Schäfer braucht.
Bin ich jemand, der gut und leicht mit harten Hunden klar kommt, habe ich meist auch eine sehr starke natürliche Präsenz. Da muss ich mich dann für einen weicheren Hund immer zurück nehmen, runter fahren. Etwas was nicht nur eine große Anstrengung ist, sondern fast unmöglich wird, habe ich zu dem Weichei nur harte Hunde zum Arbeiten.
Es ist in der Hüteschäferei ja nicht so, dass der junge Hund nur zu präparierten Übungseinheiten an die Schafe kommt. Nein, kommt er mit, ist er beim ganztägigen Hüten dabei, wobei die eigentliche Arbeit von den Althunden erledigt wird. Harte Althunde und dazu einen sensiblen Junghund der alles auf sich bezieht, das wird nichts.
Also macht es durchaus Sinn, für den nicht zu einem passenden Junghund frühzeitig einen besseren Platz zu finden.
Es ist auf jeden Fall besser, als es nicht zu tun!
Wie oft trifft man Hunde, die zu lange am falschen Platz waren?
Wie oft habe ich schon gehört: „Ich frage mich, was er früher erlebt haben muss um nun so und so zu sein.“
Bei leicht zu beeindruckenden Hunden müssen das nämlich nicht immer die vermuteten Schläge und Gewaltorgien gewesen sein. Oft reicht schon, nicht die Möglichkeit zu bekommen, sich druckfrei zu entfalten.
Ich selbst gehöre zum Gegenteil, ich habe mit „harten“ Hunden Schwierigkeiten.
Damit meine ich nicht, dass ich Hunde bevorzuge, die man nicht mal böse angucken darf, geschweige denn mal einen schlechten Tag haben darf, ohne dass sie sofort jedes Arbeiten einstellen.
Wenn ich von harten Hunden rede, meine ich die, die beständig die Körperspannung einer gespannten Stahlfeder haben, arbeiten würden, bis sie tot umfallen, sich mit Begeisterung in druckvolle Situationen stürzen.
Solch ein Hund ist für die meisten Betriebe unerlässlich, er rettet, egal in welcher Situation.
Ob es mit kleinen, unerzogenen Lämmern im Frühjahr aus dem Stall geht, ob seine Pfoten nach 20 Kilometer Reise durchgelaufen sind, ob die Herde beschließt, sie muss nun auf diesen leckeren Getreideaufwuchs oder ich einen miesen Tag habe und meine Laune zum Himmel stinkt.
Gleichzeitig sind es Hunde, die nicht einfach mal neben her laufen, die du unbeaufsichtigt machen lassen kannst, die nie streit im Rudel anfangen würden.
Selbst Schäfereien die es umgänglicher bevorzugen, habe meist einen Hund von dieser Sorte, fürs Grobe, fürs Retten.
Ich aber habe keine Schäferei.
Es ist nicht so, dass ich mit solch einem Hund nicht hüten kann. Es kostet mich aber unglaublich viel Kraft und Konzentration. Das mache ich nicht einfach so, ich muss bewusst meine Körperspannung erhöhen. Das ist dann nicht mein Alltag und ganz sicher nicht privat bei mir Zuhause.

Zurück zu Ylva.
Ich überzeugte ihren Schäfer, dass sie bleiben durfte und ich mit ihr arbeiten würde.
Nicht als mein Hund aber eben als mein Betriebshund.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich gerade von einer Hündin getrennt, die durch ihren Vorderbeingriff nicht zum Hüten geeignet war und ich hatte keine Lust mich schon wieder emotional an einen jungen Hund zu binden, bei dem seine Hütetauglichkeit noch völlig in den Sternen stand.
Ja, sie war auch nicht der Hund, der mein Herz direkt ansprach.
Ylva war nun acht Monate und begleitete mich zum Hüten.
Und das war genau das was sie tat, mich begleiten.
Für die Schafe zeigte sie keinerlei Interesse.
Sie lief mit, zoppelte etwas an den Althunden, blieb aber immer nahe bei mir.

Ylva und Grisu

Dabei lernte sie schnell die Grundregeln: Nicht zwischen den Schafen, nicht zwischen mir und den Schafen, auf mein Rufen hören, an der Leine nicht nerven.
Ich nannte sie meinen optimalen Hütebegleithund.

Ylva und der alte Sky

Der Herbst kam und ging.
Januar 2013 und damit Ylvas erster Geburtstag.
Ab und an lief sie nun mal mit einem Althund mit, manchmal auch alleine.
Doch immer noch wirkte sie nicht wirklich interessiert an Schafen.

Ylva läuft ab und an mit

Die Hütezeit im Betrieb war zu Ende. Die Herde wurde auf den großen Schleswig-Holsteinischen Mähwiesen gekoppelt.
Das hieß nicht, das nun weniger Arbeit war, im Gegenteil.
Die Herde Stand in 15 bis 20 Netzen die täglich umgestellt werden mussten.
Dazu gab es bis zu 5 Gruppen in Litze, gerne auf 5 bis 10 Hektarstücken.
Unterschiedliche Mastlämmergruppen, Böcke, Schafe mit frischen Zwillingen auf besonders gutem Futter, Schafe mit Einzellämmern usw.
Alle mussten täglich kontrolliert werden, steht die Litze, ist genügend Strom drauf, ist alles Gesund, braucht es ein Fußbad, werden sie Rund, reicht das Futter noch, müssen sie umgestellt werden?
Wenn ja, wohin geht es? Müssen sie gefahren werden? Wie viele Hängerladungen sind es?
Alles musste so koordiniert werden, dass nicht alle Gruppen an einem Tag um mussten, das wäre unmöglich zu schaffen.
Dazu der Stall, der sich nun auch füllte. Flaschenlämmer, Ziegen, Problemlämmer mit Müttern, überhaupt alles, was für draußen nicht fit genug schien.
Ylva war bei all diesen Arbeiten mein dauerhafter Begleiter.
Einmal, es war wohl März, Ylva war also schon 14 Monate, ging ich durch die große Herde, sah nach frisch geborenen Lämmern, kontrollierte die Schafe. Plötzlich fiel mir ein, dass ich ja den jungen Hund dabei hatte.
Hektisch blickte ich mich um.
Einen Junghund so zu vergessen, ihn so los zu lassen, heißt einen Freifahrtschein zu erteilen Schafe zu scheuchen.
Aber nein, Ylva war genau in meinem Windschatten, die Schafe ignorierend.
Ich gebe zu, da hatte ich dann schon große Zweifel, dass sie je anfangen würde zu arbeiten.
Ylvas Eltern hatten drei Mal gemeinsamen Nachwuchs gezeugt. Ich kannte einige Geschwister und wusste, dass die Bandbreite nicht nur im Aussehen, sondern auch und gerade im Verhalten sehr groß war.
Zwei waren aus der Schäferei geflogen. Eine davon, eine ältere Schwester, hatte auf ihrem Weg zum Familienhund kurz Station bei uns auf dem Hof gemacht. Sie war ein netter Hund, aber nicht für Schafe zu begeistern.
Das krasse Gegenteil zu dieser war Ulla, eine Hündin bei meinem Vater im Betrieb. Die hatte für nichts anderes Sinn, nur Schafe, Schafe, Schafe. Und das mit großer Selbständigkeit und Härte. 

Geschwister:

Thor

Tom

Ulla

Bud


Der Frühling 2013 kam.
Sehr, sehr spät.
Es wuchs einfach nicht.
Ende April gings auf die Walz.
Lauter kleine Naturschutzgebiete, bis zu 20 Kilometer auseinander und nirgends genug Futter.
Hungermärsche, bis wir aufgaben, die Schafe festsetzten und nochmal fütterten.
Bei diesen Frühjahrsreisen ist die Hauptarbeit für die Hunde nicht vor der Herde sondern hinten.
Hinten sind die kleinen Lämmer, die noch keine Regeln kennen und die Mutterschafe, die besorgt auf diese aufpassen.
Da braucht es gute starke Hunde. Sie müssen nachschieben, sich nicht von den Müttern einschüchtern lassen und dabei nicht zu grob zu den Lämmern sein.
Und plötzlich hatte Ylva Spaß.
Mit Begeisterung und Ausdauer schubste sie hinter der Herde.
Ich erkannte das Hundchen gar nicht mehr wieder.

April 2013

Es war einer der ersten dieser Märsche.
Wir zogen das gefährlichste Stück des Weges.
Eine kurvige Straße ohne Möglichkeit vor dem Autoverkehr auf einen Acker oder Seitenweg auszuweichen. So staute es sich.
Das Begleitfahrzeug das normalerweise hinter der Herde ist, fuhr nun vor der Herde durch die Kurven. Mit der Fahne aus dem Fenster winkend bremste es entgegenkommende Autos ab.
Hinter der Herde bestand keine Gefahr, war da doch schon eine Schlange sich gedulden müssender.
Von vorne kam ein Schlepper mit Pflug. Er blieb brav stehen, ließ die Herde passieren.
Als die Schafe vorbei gezogen waren, waren immer noch einige Lämmer unter dem in der Luft hängenden Pflug.
Ylva lief um sie weiter zu scheuchen.
Der Trecker fuhr an.
Ylva schrie.
Mit einer Pfote das Auge wischend kam sie laut weinend zu mir zurück.
Mein Herz purzelte in die Hose.
Ich brüllte dem Schlepperfahrer nach.
Aber was sollte ich machen?
Kack, Mist, Verdammter.
Die Herde zog weiter.
Lämmer fingen an zu trödeln.
Ungeduldige Autos.
Wir mitten auf der Straße.
Mein schmerzgepeinigtes Hundchen.
Nichts konnte ich tun, außer der Herde hinterher zu jagen.
Weiter gings.
Da mussten wir nun durch.
Endlich, endlich über die Kreuzung aufs frische Futter.
Komm, Ylvchen, zeig mal her.
Ein Loch, direkt über dem Auge.
Tief, aber nicht so groß, dass es genäht werden musste.
Glück gehabt!!!!!!
So erleichtert war ich.
Hielt und drückte MEIN Hundchen.

Und dann kam dar Frühling mit macht.
Es spross und wuchs und sang! Endlich!

Mai 2013

Es wurd wieder gehütet.
Und auch, wenn Ylva hinter der Herde begeistert war, beim Hüten war sie sehr unbeständig.
Pendelte etwas mit dem Althund, lief ein paar Meter, wenn ich sie schickte.

Juni 2013
Auch mal ein paar Meter mehr.
Aber so richtig wurde es nichts.
Oh, Mädchen, was sollte aus Dir noch werden?

Zum September2013 stand für mich ein Wechsel an, zurück in meinen Ursprungsbetrieb.
Ein Hund sollte mich begleiten und Ylva war nur ein Kandidat.
Da war auch noch Caro.

Klein Caro, dahinter Grisu, Thor, Johnny, Pace, Ylva, Sky


Schwarzer Strobel, ein halbes Jahr jünger als Ylva und auch unter meiner Betreuung.
Bisher hatte er noch nichts an den Schafen gezeigt, was aber sicher auch daran lag, dass er sich in Gegenwart des Schäfermeisters und seiner Althunde kein Zucker traute.

Caro fühlt sich deutlich unwohl, dabei geht gerade gar nichts um ihn

Ich hingegen hatte eine tiefe Zuneigung zu ihm. Seine Art sich an meiner Seite zu bewegen, nach mir zu schauen, sich an mich zu hängen, berührte mich. Er war der Hund, den ich dabei hatte, streifte ich abends nach Feierabend noch über den Hof, oder saß auf einem Baumstamm, der untergehenden Sonne nachsinnend.

Caro

Nur mit zu den Schafen hatte ich ihn nie.
Caros Schwester, Amy, war in meinem Ursprungsbetrieb als Hund für die Auszubildende und das krasse Gegenteil zu ihrem Bruder. Immer unter Hochspannung, nur Sinn für die Schafe und nicht interessiert an der Liebe eines Lehrlings.
So wurde vorgeschlagen, dass Caro mit mir ging, Ylva zu der Auszubildenden und Amy zu meinem alten Chef.
Hundekarusell.
Und ich gebe zu, ich musste darüber nachdenken.
Caro lag mir sehr am Herzen.
Doch Ylva fühlte ich mich verpflichtet.
Sie war davon überzeugt, mein Hund zu sein.
Meine Entscheidung stand.
Ylva ist mein Hund!
Amy wechselte den Betrieb und passte wie die Faust aufs Auge.
Wenn es auf die Reise ging, trippelte sie, gespannte Stahlfeder, neben ihrem Schäfermeister her. Kam das ersehnte Kommando sprang sie vor überschießender Begeisterung zwei Meter in die Luft und stieß dabei helle Schreie aus. Schon jetzt schlossen alle Schafe zur Ordnung auf. Und dann kam sie nach hinten gefegt, nicht bellend, nein, schreiend. Hier tanzte kein Schaf mehr aus der Reihe.
Ein Traum für eine Hütewanderschäferei mit schwierigen Wegen.
Doch ein Hund, den ich keinen Moment handeln wollte.

Amy

Caro kam zu der Auszubildenden. Er schloss sich ihr glücklich und treu an, wurde ein Hütehund der mit viel Überblick und Bedacht Schafe arbeitet. Ein Hund der seine, durch die Welt reisende, unterschiedlichste Betriebe erkundende Schäferin auf Schritt und Tritt begleitet.

Caro

Caro mit seiner Schäferin
Und wenn wir uns mal treffen, drückt er sich an mich, weiß um unsere Verbundenheit. Auch, wenn wir nie zusammen gehören werden.

Februar 2016, meine beiden, Lillebror und Ylva. Caro zu besuch


Ylva ist mein Hund.
Und sie wurde noch ein richtig guter Hütehund.
Ihre Ausbildung dahin folgt in einem anderen Bericht.

Februar 2017, Obstbaumwiesen, Ylva und Lillebror bei der Arbeit


Freitag, 21. April 2017

The Shepherd's Life

A Tale of the Lake District
Mein Leben als Schäfer
von James Rebanks


Diesmal ist es kein Bericht sondern eine Buchempfehlung.
Wo soll ich Anfangen?
Vielleicht damit, dass dies absolut persönlich wird.
Oft kritisiere ich negativ, wenn jemand in der von mir initiierten facebook-Gruppe „Wanderschäfer“ einen Link zu einem Bericht einstellt und in der Überschrift seinen persönlichen Sermon dazu schreibt.
Damit wird dem Leser jede Möglichkeit auf eigene Meinungsbildung genommen, färbt den Bericht schon vorweg als Untermauerung des eigenen Standpunktes.
Etwas, was ich total ablehne.
Und doch werde ich es jetzt auch machen und daher warne ich Euch Leser vor.
Dies ist nicht einfach eine Buchempfehlung, nein, es ist zutiefst aus meinem Herzen.
Lange hat mich ein Buch nicht mehr so berührt, so mitgenommen und so viel aus dem Leben auf den Punkt gebracht.


Ich hatte „The Sheperd's life“ schon vor Monaten von meiner Mutter geschenkt bekommen. Im Original, da ich gerne Bücher in englisch lese.
Somit richtet sich all das folgende auch auf dies Original und ich kann nur hoffen und wünschen, dass die Übersetzung dem grandiosen Schreiben von James Rebanks gerecht wird.
Ich muss gestehen, erst mal wanderte das Buch ins Regal.
Auch wenn ich gerne englisch lese, ziehe ich doch andere Inhalte vor. Bücher sollen mich wegtragen, weit fort aus meinem Alltag. Ich liebe es, einzutauchen, mich mit den Charakteren zu verbinden und alles andere zu vergessen.
Darum lese ich.
Das Buch eines Schäfers entspricht natürlich nicht ansatzweise diesen Kriterien.
Im Gegenteil.
Doch bekomme ich oft sämtliche Bestseller in denen Schafe eine Rolle spielen geschenkt. „Glenkill“ zum Beispiel schon drei Mal.


Nun ist Frühjahr 2017.
Die Lammzeit ist vorüber und doch stehen alle Schafe noch im Stall.
Der Tag beschäftigt einen mit Füttern, Streuen, Tränken und Gesundheitsversorgung.
In dem Betrieb in dem ich gerade Arbeite ist besonders das Wassergeben eine äußerst unbeliebte Aufgabe. Alle Schafs- und Ziegengruppen haben schwarze Maurerbütten gefüllt zum Tränken. Diese müssen einmal am Tag gereinigt und das Wasser erneuert werden.
Das verdreckte Wasser wird natürlich nicht einfach in den Stall gelehrt, sondern die Wanne zum Entleeren und Schrubben raus gezogen.
Der Wasserdruck auf dem Schlauch ist sehr gut, nicht wie in anderen Betrieben, wo ich parallel zum Wassermachen den ganzen Stall füttere.
Nein, die Wannen laufen schnell voll, es bleibt kaum Zeit, zwischendurch etwas anderes zu erledigen. Ganz im Gegenteil, passiert es dann, dass die Wanne überläuft und den Stall unter Wasser setzt.
Gleichzeitig braucht es lange bis alle Wannen gefüllt sind, Zeit in der man rumsteht und gerne genervt ist.
Oder eben liest.

So stand ich vor dem Bücherregal auf der Suche nach einem Buch, klein genug für die Hosentasche, nicht zu spannend, damit ich nicht alles um mich vergesse und natürlich keins aus der Bücherei, dem ein bisschen Stalldreck nicht schadet.
Und da sprang mir „The Shepherd's life“ ins Auge und mit kam es in meine Stalltasche, zu Klauenschere, Viehzeichenstift, Trinkflasche, Blauspray und Sonnencreme.
Ich fing an zu lesen und war vom ersten Moment an gefesselt.
James Rebanks erzählt sein Leben im Lake District Englands.
Sein Großvater war schon Schäfer und sein Vater nach ihm.
Als kleiner Junge begleitet er seinen Großvater auf Schritt und Tritt, wächst im Farmalltag auf.
Schule erlebt er als große Störung in seinem Schäferleben, das einfach ist.
Nicht nur das, von Seiten der Institution Schule und den Nichtfarmern unter den Klassenkameraden gibt es keinerlei Verständnis, im Gegenteil, nur Verachtung.
Zu Erfahren, dass das was man lebt, was man ist, auf was man stolz ist, so gering geschätzt wird, führt zu Zorn, Gegenwehr und schließlich dazu, dass er mit 16 die Schule schmeißt und ganz in den elterlichen Betrieb eintaucht.
Sein Vater ist vom alten Schlag und James Rebanks hat eigene Ideen, das ist nicht immer leicht.
Selbst die Fernbedienung am Abend unterliegt der Kontrolle des Vaters.
Dies hat zur Folge, dass Rebanks die Abende gerne lesend verbringt.
Er schreibt dazu:
„I was always curious about other places, but I had no desire to go to any of them. And we didn't do holidays.“
„Ich war immer Neugierig auf andere Gegenden, aber ich hatte kein Bedürfnis dahin zu kommen. Wir machten keine Ferien.“
Eines Tages stolpert er über ein Buch des Vaters seiner Mutter, von der er das Bücherinteresse geerbt hatte. „A Shepherd's Life“ von W.H. Hudson. Er findet es belustigend, dass sein Großvater, den er nie kennen gelernt hatte, Bücher über Schäfer las, und beginnt eher widerwillig das Buch zu lesen. Er erwartet all die Vorurteile und Bevormundungen die er bisher von der Nichtschäferwelt erfahren hat. Um so erstaunter und gefesselter ist er.
„Two things I loved: the brilliant plain storytelling, no messing about; and the sudden livechanging realization it gave me that we could be in books – great books.“
„Zwei Dinge die ich liebte: Der brillante und gleichzeitig einfache Erzählstil, kein lustig machen. Und die plötzlich lebensverändernde Erkenntnis die das Buch mir gab: Wir konnten in Büchern sein – in großen Büchern.“
Mit 21 Jahren beschließt James Rebanks wieder zur Schule zu gehen. Er macht seinen Abschluss und wird an der Universität Oxford angenommen, wo er studiert und mit einem double first in Geschichte abschließt.
Doch sein Herz gehört weiter dem Schäferleben im Lake Distrikt.
Dort arbeitet er in seiner freien Zeit, auch nach dem Studium. Wenn doch die Farm nicht genug abwirft um ihn und seine Familie voll zu ernähren.
Zu den beständig schlechter werdenden Bedingungen schreibt er:
„It was the same for small farmers everywhere. Our sheep made the same price at market as they had done twenty years earlier. We kept more and more and made less and less money. The cost of everything else was rocketing. Farm workers go old and were never replaced. Our buildings were thirty or forty years old and slowly falling apart, but there was no money to replace them either. Our tractors and machinery were also ageing. Farming was changing too, with a raft of new regulations that would cost a fortune to abide by on an old farm like ours. My father and mother and I were working like dogs, running fast to stand still, but just got worse and worse. No one in our world knew what to do about it, other than work like hell and hope that something would change. My dad's catchphrase was 'farming is fucked'.“
„Es war das Selbe für alle kleinen Höfe überall. Unsere Schafe brachten auf dem Markt den gleichen Preis wie vor zwanzig Jahren. Wir hielten immer mehr und mehr und machten weniger und noch weniger Geld. Die Kosten von allem anderen schossen in die Höhe. Farmarbeiter gingen in den Ruhestand und wurden nie ersetzt. Unsere Gebäude waren dreißig oder vierzig Jahre alt und fielen langsam auseinander, aber da war kein Geld um sie zu sanieren. Unsere Traktoren und Maschinen alterten auch. Und die Landwirtschaft veränderte sich, es gab jede Menge neue Regulierungen die ein Vermögen kosteten, wollte man so einen alten Hof wie unseren denen anpassen. Mein Vater, meine Mutter und ich arbeiteten bis zur Erschöpfung, rannten schnell um auf der Stelle zu stehen, aber es wurde nur schlimmer und schlimmer. Niemand in unserer Welt wusste, was dagegen zu tun war, außer wie der Teufel zu arbeiten und zu hoffen, dass sich irgendwas ändern würde. Der Standardspruch meines Vaters war: Schäferei ist am Arsch.“
Mit diesen Worten trifft James Rebanks die Situation der Weidetierhalter weltweit!
Mit seinem Buch erzählt er nicht nur seine Lebensgeschichte, auch lässt er uns Teilhaben an dem Jahresablauf in der Schäferei.
Diesen schildert er sehr Detailfreudig und mitreißend.
Dabei ist es mit Sicherheit auch für jeden Nichtschäfer verständlich. Wobei ich das natürlich nicht genau beurteilen kann. Aber die Bestsellerlisten die das Buch anführt, bestätigen doch meine Aussage.
Für mich war es eine Freude Einzutauchen. Nicht nur, wegen den vertrauten Aspekten, auch und gerade da, wo er Dinge schildert die neu und anders sind, als ich sie aus der Schäferei kenne, fesselt er mich.
Seine Beschreibungen der Vorbereitungen für die Auktionen und diese selbst sind für mich eine spannende, fremde Welt. Habe ich bisher nur in Betrieben mit Gebrauchschafen gearbeitet wo höchstens der Bock gekört von der Auktion kam, war mir dieser ganze Rummel nicht nur unerklärlich. Ich wollte ihn auch nicht so recht verstehen.
Rebanks schafft es, mich hinein zu ziehen, in das Schrubben, Bürsten, Zupfen der Schafe, dem Präsentieren, den Stolz auf die eigene Zucht.
Ich war so tief in der Geschichte, dass ich Rotz und Wasser heulen musste, als die Maul- und Klauenseuche über England rollte und alle Schafe des Hofes, hochtragend noch dazu, gekeult wurden.
Die Schilderung der Lammzeit trifft die horrende Arbeitsbelastung, das nervenaufreibende und gleichzeitig die Freude dieser Jahreszeit.
Auch macht er an allen Ecken deutlich, wie wertvoll die Arbeit für Natur und Umwelt ist, wie viel Herzblut, Tradition und Verstand dahinter steckt.
Die Wurzeln die die Menschen des Lake District mit ihrem Land verbindet, reichen Tief, machen sie Teil der Landschaft, der Schönheit, schaffen eine Sicherheit und Geborgenheit von der jeder Stadtmensch nur träumen kann.
Und auch mich fasziniert gerade das, bin ich doch Schäferin und Schäfertochter, fehlen die Wurzeln. Betriebe die schon seit Generationen auf, von und mit ihrer Scholle leben berühren etwas tief in einem. Eine Sehnsucht die viele in sich tragen, nach dem Ankommen, dem wissen wo man hin gehört.
James Rebanks berichtet von einer Kulturform die es schon seit tausenden von Jahren gibt, die von allen Seiten bedroht wird und doch so brandaktuell ist. Deren Verlust nicht nur zum Schaden der sie lebenden wäre, sondern ein Schaden für die Menschheit.


Er spricht mir aus dem Herzen und aus der Seele.
Leute, lest dieses Buch!
Taucht ein in das Leben eines Weidetierhalters. Seht, dass es wert ist dies zu erhalten.

Viel Spaß beim Lesen!

Eure Anna


Es folgt kein Link zum Buch, da ich doch hoffe, dass es Kaufinteressierte in dem kleinen Buchladen ihres Vertrauens bestellen werden. Die Buchpreisbindung macht möglich, dass die deutsche Ausgabe überall das selbe kostet:
Mein Leben als Schäfer
von James Rebanks
C. Bertelsmann Verlag, München 2016
ISBN 9783570102916
Gebunden, 288 Seiten, 19,99 EUR


Bei Wikipedia gibt es nur im Original einen Eintrag:
The Shepherd's Life 






Samstag, 18. März 2017

Frühjahr 2017

Februar 2017 in Hessen.
Wir sind immer noch draußen.


Es ist ein perfekter Winter. Genug Futter, nicht zu viel Regen, nicht zu kalt und in den kurzen Zeiten mit starkem Frost hat Schnee das Gras vor dem Absterben geschützt.


Die Herde ist rund und zufrieden.
Doch das Hüten ist ziemlich anstrengend.
Manchmal würde ich es sogar als nervenaufreibend bezeichnen.
Winterweide.
Das sind nie die eigenen Stücke. Es sind landwirtschaftliche Flächen, ob Ackerfrucht, Mäh- oder Obstbaumwiesen. Der Bauer freut sich, wenn der Bewuchs nochmal runter kommt. Gemäht wird um diese Jahreszeit auf Grund von Nässe und Kälte nicht mehr. In kurzes Gras kann der Frost nicht einfallen und es wächst im Frühling schneller.
Für die hessener Herde gibt es hauptsächlich Obstbaumwiesen.
Leider will nicht jeder in einer Gemarkung, dass seine Flächen nachgeweidet werden. Also sind es meist kleine Parzellen und Streifen die zu hüten sind, kaum zu unterscheiden von den verbotenen daneben.
Als ich die Stücke gezeigt bekomme, habe ich Schwierigkeiten, mir zu merken, wo ich drauf darf und wo nicht.
„Da, da kannst du drauf. Da nur bis zu dem etwas kürzeren Gras. Da nicht. Da wieder. Da nur drüber ziehen, wenn sie etwas fressen macht es nichts. Auf das gar nicht, der mag uns nicht und macht gleich den riesen Tamtam, wenn er da nur einen Köddel findet. Das kannst Du ganz hüten usw. usw.“
Dazu die Problematik mit dem Nachtpferch. Viele wollen schon mal gar nicht, dass man auf ihren Stücken pfercht. Und denen, die es es erlauben, will man natürlich auf keinen Fall die Fläche „schwarz machen“. Stehen die Schafe nachts zu eng und ist der Boden noch etwas matschig, oder es regnet die Nacht, ist morgens der Pferch schwarz. Nicht nur kann jeder von weitem sehen, was einem da passiert ist, auch wächst es im Frühling später.
Dazu ist das natürlich keine gemütliche Nacht für die Schafe.
Also groß einsperren.
Und das mit all den Obstbäumen.
Mit der vielen Zeit, die so ein Schaf nachts hat, da nagt es auch mal an einem alten Baum, den es sonst höchstens mit dem Arsch angucken würde. Ja, zum schuppern eignet sich die borkige Rinde immer.
So baue ich also Nachtpferche kurvig, mit schleifen. Viel, viel Zaun für wenig Fläche.
Doch die eigentliche Herausforderung sind die Obstbäume am Tag.
Das die Stücke so klein sind, finde ich als Schleswig-Holsteiner zwar ungewohnt, aber gleichzeitig macht das auch Spaß, ist ordentlich Arbeit für die Hunde.
Das eigentlich nervenaufreibende sind die Bäume.
Ist der Stamm geschält, hat der Flächeneigentümer die Herde sicher den letzten Winter drauf gelassen.
Für mich ist es das erste Mal.
Mit der Merinoherde im Taunus hatte ich schon im Frühherbst Obstbaumstücke gehütet. Aber das ist kein Vergleich. Damals waren die Schafe, und ich, mit Obstessen beschäftigt, die Rinde hat niemanden interessiert.
Nun gibt es kein Fallobst mehr, die paar Äpfel am Boden sind in Sekunden weggefressen, da lockt der Baum.
Mancher mehr, mancher weniger.
Und ich habe keinen Ahnung von Bäumen, schnelles lernen ist angesagt.
Wahlnussbäume.
An denen darf man nicht mal vorbei ziehen. Die reizen das Schaf, wie mich ein Schokoladentörtchen aus kleiner Manufaktur.
Glatte Rinde mögen sie lieber als borkige.
Junge Bäume schmecken besser als alte.
Ist man frisch auf dem Stück, zieht Schaf erst mal das Gras vor.
Doch die Ziege niemals.
Zum Glück sind bis auf vier schon alle aufgestallt.



Ben, Böcki, Bobo, Bodo, ich wache über euch!
Sind die Bäume nicht zu Hochgewachsen bevorzugen Ziegen Wassertriebe, hängen in den Baumkronen und lassen so die Stämme in ruhe.
Da sind aber auch Klimke, der Leithammel, Balthasar, die Schöne und noch so paar Spezialisten die Rinde besonders lecker finden.
Dazu gibt es Bäume die anziehend sind, denen ich aber überhaupt nicht ansehen kann, was an ihnen so anders ist.
Schön sind Stücke, auf denen frisch die Bäume beschnitten wurden und die Zweige noch nicht abgeräumt. Da kommt jeder auf seine Kosten.


Außer mir, ich habe nur die ganze Zeit die Herde, die Ziegen, die Baumliebhaber unter den Schafen und die Bäume im Auge. Immer in der Herde unterwegs, bereit zur Verteidigung der Rinde.
So viel zu gemütlicher Schäferromantik.
Aber da war doch noch was.
Ja, genau.
Eigentlich hüte ich ja mit Hunden.
Der eine dazu noch ziemlich jung.
Lillebror ist nun 14 Monate. Er hat sich zu einem fleißigen Riesen gemausert, der nie die Füße still halten kann. Er läuft unermüdlich, mit Überblick und sehr weit. 

video 


Doch auch, wenn er von Natur aus weit ist, ist er mir eigentlich noch zu klein für die Außenseite. Es ist eine Sache, ihn raus laufen zu lassen, eine ganz andere, ihn zu zwingen dort zu bleiben. Noch braucht er die Sicherheit, dass er jeder Zeit wieder zu mir kommen kann. Ich möchte ihn nicht in die Selbständigkeit drängen. Er hat noch zu oft Blödsinn im Kopf, als dass ich ihn ermutige, losgelöster von mir zu arbeiten.
Aber das eine was man will, das andere was man muss.
Ich muss mich in der Herde bewegen, Bäume schützen.
Das innere der Herde ist für den Junghund unantastbar, da darf er nicht rein.
Somit muss er draußen bleiben.
Auf der Außenseite.
Er ist dabei sehr unsicher, aber sein starker Lauftrieb lässt ihn schnell pendeln.

video

So habe ich also Schafe, Ziegen, Bäume, jungen Hund und Hütegeschehen dauerhaft im Blick und in der Konzentration.
Ist es Winter?
Kalt ist es mir nicht.
Und dann fangen die Schafe an zu lammen.


Ja, es kommt nicht überraschend.
Immerhin war vor 150 Tagen, oder 5 Monaten, der Ritt eröffnet worden. Was heißt die Böcke kamen in die Herde.
Seit Wochen hatten wir schon immer mal ein ungeplantes Lamm, da irgendein Lammböckchen zu lange in der Herde geblieben war.
Auch, dass die Schafe jetzt gleich richtig loslegen, war absehbar. Da sind viele Mütter so kugelig, dass sie sehr langsam ihre runden Bäuche und Euter tragen.
Alles was Zwillinge bekommt oder nicht ganz sicher fit ist, kommt Heim.
So habe ich nur frischgebackene Mütter mit Einzellämmern in der Herde.
Der junge Hund darf arbeiten, arbeiten, arbeiten.
Ich habe schon mal erwähnt, das Ylva, meine Haupthündin, nicht in die nähe von Neumüttern geht. Viel zu gefährlich.
Immerhin, Lille lässt sich davon nicht beeindrucken.
Er arbeitet Mutterschafe entschlossen, ohne dabei auf das Lamm daneben auszuweichen. Dabei findet er Lämmer nicht uninteressant. Wenn sie etwas älter sind, anfangen Grenzen zu testen, zeigt er viel Talent sie vorsichtig, aber bestimmt zu behandeln.



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Die Lammzeit startet richtig durch.
Morgens fahre ich nun in aller frühe zur Herde.
So dass ich mit dem ersten Licht durch die Schafe wandern kann. Die liegen zu meist noch und lassen sich von mir nicht stören.
Ich verschaffe mir einen Überblick. Wie viele frische Lämmer? Haben alle eine Mutter? Haben alle schon getrunken? Ist überall alles in Ordnung?

Ein ungeliebter Zwilling. Ich klaue mit ihm Biestmilch bei einer Einzelmutter mit viel Milch. Zuhause bekommt er die Flasche.

Nun zeichne ich Zwillinge mit ihren Müttern zusammen. Alle drei bekommen mit dem Viehzeichenstift einen Strich an die gleiche Stelle. Dann lade ich sie ein.

Fehlt jemandem, dass ich mich hingerissen über diese kleinen Lämmer äußere?
Ja, vielleicht habe ich nach 26 Jahren Lammzeit nicht mehr dieses: Oh, wie süüüüüß!
Aber ich sehe mich nicht als abgestumpft. Mich sprechen einfach andere Dinge an.
Ein Schaf, das sein Lamm problemlos bekommt.
Der erste Kontakt zwischen Mutter und Lamm.
Das tiefe Grunzen der Mutter und das zarte zirpen des Lammes.
Dieser Moment ist so magisch!
Das zu beobachten erfüllt mich zu tiefst.










Wenn ich denke, dass es okay ist zu stören, nehme ich das Lamm an den Vorderbeinen.
Etwas, was Tierfreunde auch gerne monieren.
Wie kann ich auf so grobe Art das Lamm halten!
Hab ich denn gar kein Gefühl?
Doch.
Das ist nicht mein Baby! Hat in meinen Armen nichts verloren!
Keine fremden Gerüche und Keime an dieses Neugeborenen.
Es gehört mir nicht!
Möchte ich mein egoistisches Kuschelbedürfnis ausleben, kann ich das mit älteren Lämmern machen. Toll finden die das auch nicht, nehmen aber keinen Schaden daran.
Oder ich kuschel mit Flaschenlämmern. Die sind mutterlos und einsam, für jede Zuwendung dankbar.
Ich nehme also das Lamm an den Vorderbeinen und halte es dabei so, dass es nicht auf dem Boden schleift und das sein Bauch und Nabel der Mutter zugedreht sind.
Ein gutes Schaf läuft mir nun überallhin nach.
Weg von der Herde, über den Acker, zum Auto, egal.
Auch das berührt mich sehr.
Dieser absolute Trieb, diese Liebe zu dem eben geborenen.

Zuhause kommen Mutter und Lämmer erst einmal in eine Einzelbucht. So können sie sich in Ruhe aneinander gewöhnen und wir habe den Blick darauf. Nach ein paar Tagen, wenn alles sicher ist, bekommen die Lämmer je nach Geschlecht ins rechte oder linke Ohr eine weiße Marke mit identischer Nummer. Die wiederum bekommt die Mutter auf den Pelz gesprüht. So kann man sie auch später noch zusammen erkennen, sollte doch noch etwas sein.
Aus der Einzelbucht geht es in eine größere Gruppe mit anderen Zwillingen.
Einzellämmer bekommen eine grüne Marke und kommen im Stall auch in Gruppen zusammen. So kann man beim Füttern den Zwillingsmüttern mehr geben.

Ich mache mir schnell Frühstück und fahre aufs Neue raus. Als erstes wieder die Herde kontrollieren.
Dann baue ich den neuen Nachtpferch auf. Glück habe ich, wenn der direkt neben dem Alten liegt, so kann ich Frischgelammte gleich dort rein setzen und habe sie beim Hüten nicht dabei.
Das ist jetzt eh ziemlich abenteuerlich.
Immer muss ich im Blick haben, dass alle Mütter ihre Lämmer mitführen. Dabei akzeptiere ich, dass manche ihr Kind in eigenen Tempo nachbringen. Lillebror schicke ich nicht zu ihnen, würde der sie nur stressen und zur Verteidigung ihres Lammes anregen.
Auch wenn ein Schaf lammt, lasse ich sie mit ihrem Neugeborenen stehen.
Abends kann ich sie immer noch holen.
Es ist Dorfrand und all die Spaziergänger sagen mir dauernd Bescheid, wo noch eine Mutter mit Lamm steht. Ich beruhige und erkläre.
Lobo hat ein Lämmchen!!! Sie war so ein Krepel un nun eine tolle Mutter!

Fragt sich nun jemand, wie wir überhaupt die Schafe draußen lammen lassen können?
Ist es im Stall nicht viel besser, sicherer und einfacher zu handeln.
Dazu macht man sich nicht durch Tierschützer angreifbar.
Letzteres stimmt sicher.
Aber ich widerspreche entschieden der Behauptung das Lammzeit im Stall immer besser ist.
Und damit meine ich nicht, dass noch draußen zu bleiben, weniger Arbeit macht und die Futterkosten senkt. Sicher, letzteres ja.
Aber auch für die lammenden Schafe ist es besser.
Natürlich gehört dazu, dass das Futter gut ist, die Temperaturen nicht zu tief unter 0°C fallen oder es zu nass ist, man die Weide häufig wechselt und die Herde in Überwachung hat.
Schafe die zum Lammen mehr Platz haben sind entspannter, haben weniger Schwergeburten, stehen sicher zu ihren Kindern.
Im Stall muss ich auch nachts dauernd raus und trotzdem kommt es zu vertauschten und verlorenen Lämmern, die dann nicht mehr angenommen werden. In meiner Erfahrung deutlich häufiger, als draußen.
Auch Krankheiten streuen lange nicht so schnell. Der Infektionsdruck draußen ist wesentlich geringer. Wobei ich da nun nicht von Standweide rede.
Im Stall verbreiten sich Infekte schnell und häufig.
Natürlich, Stallhygiene ist dabei mit entscheidend.
Aber auch wenn sich an alle Protokolle gehalten wird, wie Nachgeburten entsorgen, Wasser- und Fresströge regelmäßig und gründlich reinigen, häufig Einstreuen, kalken, kein Eutersekret ins Stroh melken usw. ist der Krankheitsdruck im Stall größer.
Wir brauchen doch nur bei uns Menschen gucken. Was für unglaubliche Hygienemaßnahmen gibt es in Krankenhäusern und wie oft werden dort Menschen angesteckt?
Krankenhäuser sind kein gutes Beispiel, da da so viele Kranke aufeinander treffen?
Dann schaut doch mal in Kindergärten und Schulen.
Gerade im Winter, wo es nicht viel raus geht, jagt eine Infektwelle die nächste.
Und wie oft steht an der Eingangstür: „In der Mäusegruppe sind Läuse aufgetreten“ oder „In der Blümchengruppe gibt es Würmer“.
Warum sollte es dann in Tierställen anders sein?
Viele glauben, im Stall ist alles gut.
Doch die Wahrheit ist doch, wir sehen nicht, was in Ställen abgeht.
Bisher habe ich immer in Betrieben gearbeitet, die möglichst lange draußen geblieben sind und ich hatte nie das Gefühl, das irgendwann dadurch Tierwohl gefährdet war.
Es ist natürlich immer eine nervenaufreibende Zeit. Jeder neue Tag ist anders, man muss immer schnell und spontan auf Futtergegebenheiten und Wetter reagieren.
Gibt es zum Beispiel Eisregen, und das Gras ist mit einer dicken Eisschicht überzogen, muss sofort gefüttert werden.
Zu viel Regen und aufgeweichte, matschige Weiden, dazu noch kalter Wind. Schnell in den Stall.
Der Nachtpferch muss nicht nur in der Größe passen, sondern auch richtig liegen. Wird es stürmisch braucht es Schutz im Windschatten.
Schnee, nicht zu hoch, schützt das Gras vor Frost und die Schafe scharren sich gerne ihr Futter frei. Regnet es auf den Schnee und friert dann wieder, kommt kein Schaf mehr ans Gras.
So bringt der Winter viel Spannung und muss gemanagt werden.
Etwas was sich nicht mit Tierschutzgesetzen regeln lässt und auch nicht von Amtstierärzten, die von Schafhaltung leider meist zu wenig Ahnung haben.
Den Schäfern ihr Wissen und Können abzuerkennen und sich mit „alle Tiere im Winter in den Stall“ zu behelfen, ist nicht im Sinne der Schafe!

Zurück zu der draußen lammenden Herde.
Wir sind bei über 20 neuen Lämmern am Tag.
Das Hüten wird nicht mehr möglich, habe ich doch nun so viele Schafe die Junge führen, dass sie einfach stehen bleiben, in ihrem großen Verbund keinen Trieb mehr haben, sich der Herde anzuschließen. Ich laufe von vorne nach hinten, schiebe Schafe nach.
Leider hatte die Handycamera nicht gedreht und für mehr war der Moment zu hektisch

Aber da waren doch auch noch die Obstbäume auf die geachtet werden muss.
So geht’s nicht weiter.
Es ist auch abzusehen, dass sie in dem Tempo weiter lammen werden.
Aber wie schon gesagt, spontanes Neuplanen ist Alltag in einer Schäferei.
Es gibt drei Möglichkeiten.
A - alle Schafe die gelammt haben werden Heim gefahren
B - wir bauen draußen einen Trichter auf, lassen die Schafe durch laufen, kontrollieren die Euter und fahren alle Hochtragenden Heim
C – wir stallen auf
A bedeutet nicht nur einen riesen Aufwand, sondern auch Stress für Mütter und Lämmer bei diesen Ablammzahlen.
Das gleiche gilt für B.
Da das Futter draußen bei besten Witterungsbedingungen nur noch ein bis zwei Wochen reichen würde und wir dann bis zum Frühjahr eh aufstallen, entscheiden wir uns für C.
Drei Etappen sind es bis nach Hause.
Es sind keine langen Märsche, die Herde soll es gemütlich haben.
Ich gehe vorne, habe den entspannten Spaziergang.

Die hinten haben den Stress. Alle nicht laufenden Lämmer werden ins Auto verladen. Das bringt natürlich die Mütter in Rage. Sie suchen ihre Lämmer und der Hund hinten muss hart arbeiten, sie der Herde nachzuscheuchen.
Auf der Etappenwiese angekommen, werden die Lämmer ausgeladen. Schnell sortiert es sich und Friede kehrt ein.
Die Sonne kommt raus und es schmeckt fast nach Frühling.
Die Schafe fressen entspannt, die Mütter nahe bei ihren Lämmern, durch rufen immer wieder Kontakt haltend.
Ich genieße diesen letzten Hütetag in vollen Zügen.