Montag, 6. November 2017

Gipsy

01.03.1995 – 06.11.2008

   
Nachruf auf den ersten Hund 

Einige von Euch werden dies schon kennen. Als Gipsy 2008 im Alter von 13 Jahren starb, schickte ich sie mit diesem Bericht über die Regenbogenbrücke im Borders-Forum. Dem damals heißesten Treffpunkt für Hütehundinteressierte, offen auch für Altdeutsche Hütehunde.
Nun, neun Jahre später, gehört Gipsy weiter zu meinem Leben und so meine ich, dass ich auch hier von ihr erzählen möchte.

Seit meiner frühesten Kindheit war mein größter Wunsch ein eigener Hund. Aber selbst als die Erfüllung möglich gewesen wäre, verkniff ich ihn mir. Schon lange wusste ich, dass ich Schäferin werden wollte und viele Betriebe nehmen dich Unerfahrenen nicht mit eigenem Hund.
In der Lehre lernte ich erst mal mit erfahrenen Althunden Hüten. Als es dann hieß, die nächste läufige Hündin wird belegt und ich bekomme einen Welpen, war meine Aufregung ins unermessliche gestiegen.
Ich träumte davon mir aus einem Wurf meinen Hund auszusuchen, am liebsten eine schwarze, zottige Strobelhündin mit etwas weiß.
Ja, und dann wurde bis Januar keine der Hündinnen läufig, nun alle auf einmal. Jetzt war ein Decken unmöglich, da die Welpen in der Hauptreisezeit, in der jeder Hund arbeiten mußte, kommen würden.
Mitte Juni fand sich dann eine bereits 10 Wochen alte Tigerhündin aus einer befreundeten Schäferei. Sie hieß Gipsy, nach ihrer Ururgroßmutter und der Jimi Hendrix Verehrung ihres Züchters.
Nichts war wie ich es mir in meinen Träumen ausgemalt hatte. Gipsy war kurzhaarig, braun-dunkelbraun getigert mit weiß und stehohrig. Ich war verliebt.
Ein kleiner frecher Teufel und blitzgescheit dazu.

Gipsy, 4 Monate, Anna, 19 Jahre
Gipsy wuchs zu einer fröhlichen, überschäumenden Junghündin heran, liebevoll genannt Gräte Rübennase (Gräte wegen ihrer langen Grätenbeine).

Gräte Rübennase

Sie war begeistert an den Schafen und lernte manches mal schneller als ich.
Als ich ihr das Springen zeigte, sprang sie beim Zaunumbauen einfach aus Freude immer wieder hin und her.

Dannewerk, Herbst 1995, Gipsy beginnt die Schafsfront zu wehren. Auf der Außenseite läuft der Haupthund

Dosenmoor, Sommer 1996, Gipsy auf der Außenseite, zu erkennen an ihren spitzen Ohren

Beim Laufen lassen der Betriebshunde, rumpste sie absichtlich gegen die Leithündin, um dann schon weit weg zu sein, wenn diese knurrend nach dem Übeltäter Ausschau hielt.
Solch Schabernack machte Gipsy einfach Spaß, ohne dass sie je Interesse an der Führungsposition im Hunderudel hatte.

Schafsberg, Winter 1996, das Hütehunderudel: Border Collie "Racki", Altdeutsche Hütehunde "Gipsy", Gelbbacke "Biene" und deren Mutter Tiger "Fanny"

Als Gipsy etwas über ein Jahr war, meldete mich mein Meister zum Frauenleistungshüten bei Harald Höfel auf dem Heuberg an. Zu dem Zeitpunkt lief Gipsy noch nicht die Außenseite und Stand auch noch nicht auf Entfernung, das motivierte.

Gipsy an der Ecke...

...stehen bis zum Schluß

und gucken ob nicht noch irgendwo ein Tier im Graben hängt

Drei Monate später schafften wir dann tatsächlich als zwei Lehrlinge unter all den Schäferinnen den zweiten Platz und Gipsy beeindruckte besonders durch den sichtlichen Spaß den sie bei der Sache hatte.
Leistungshüten bei Harald Höfele auf dem Heuberg 1996, Auszug aus dem Engen Gehüt

Gipsy hat sichtlich Spaß

Preisverleihung, 2. Platz



Zwei Jahre später dann wurden wir sogar erster.

1998, Heuberghüten

Nach der Lehre gings erstmal für zwei Monate mit Freundin im Auto durch die USA. Die Amerikaner bewunderten Gipsy für ihre freundliche, ruhige Art und ihren gehorsam, denn Hundeerziehung schien da weitestgehend ein Fremdwort.
Gipsy passte auf uns auf, besonders Nachts, wenn wir im Auto übernachteten.
Sie lief sich am Grand Canyon die Pfoten wund, badete im Pazifik, spazierte durch das nicht mit Worten zu beschreibend schöne Montana und sah die Niagarafälle.

Texas 1997

Pazifik, Trinidat


einmal um die Welt!

Grand Canyon

Washington State, Wild Horses monument, wir rennen mit



Zurück im Schäferalltag wandelten wir eine reine Koppelherde in eine Hüteherde.

1998

Gipsy arbeitete mit sehr viel Überblick.

1999, Dummersdorfer Ufer, Gipsy auf der Außenseite
 
Eine Grenze bei starkem Schafsdruck zu halten, war nicht ihre Stärke, da gab sie schonmal nach.
Von Ziegen ließ sie sich aber nie einschüchtern, im Gegenteil, sie geierte nach ihnen und diese sonst so frechen Biester waren ihr gegenüber Lammfromm.
 
Gipsys große Leidenschaft war die Sortieranlage, dort arbeitete sie Druckstark auf engstem Raum.
Auch die Schafe im Winter aus dem Stall zu treiben, damit wir einfüttern konnten, gehörte zu ihren Spezialitäten. Da konnte das Mutterschaf noch so renitent sein, sie bewegte es und wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen an das danebenstehende Lamm zu gehen.

Schafsberg 1999, Schafe mit kleinen Lämmern aus dem Stall treiben zum Einfüttern




Beim Wiederreinlassen in den, mit Hafer eingefütterten, Stall hielt sie die Schafe bis direkt vors Tor und sicherte dann ihre Torseite, so dass sich kein Schaf am Eingang drückte.


Ihr zweiter Spitzname war Hühnerretze. Zu dem kam sie, weil sie zu gerne ganz entspannt an einer Gruppe scharrender Hühner auf dem Hof vorbeilief, um dann plötzlich mitten hinein zu springen. Da stand sie dann lachend, das aufgeregt gackernde Spektakel beobachtend.

Ihre große Liebe unter den Hunden war der Border Collie Racki des Schäferkollegen. Die beiden waren immer zusammen, außer wenn Gipsy Heiß war und sie erlaubte auch keinem anderen Hund das Spielen mit Racki. Noch Jahre später freute sie sich über jeden schwarz-weißen kleineren Hund und blickte sich suchend um, wenn man „Racki“ sagte.

Gipsy, Katze Smilla, Border Collie Racki

Als meine Katze nicht genug für ihre Babys hatte, sprang Gipsy ein, bildete Milch aus und übernahm die Pflege.

1997 Gipsy übernimmt Smillas Babys


Gedeckt wurde sie von einem gelbbackigen Strobel.

1995, Gipsy und Strobel Schorsch, beide 9 Monate alt

Mit dem hatte sie zuvor auf der Grünen Woche in Berlin in gemeinsamen Hütevorführungen die vom Aussterben bedrohten Tierarten des Jahres 1998, die Weiße Gehörnte Heidschnucke und den Altdeutschen Hütehund, repräsentiert.

1998. Berlin, Grüne Woche




Gipsy war Fremden gegenüber sehr zurückhaltend. Sie ließ sich zwar streicheln, zeigte aber in all ihrem Ausdruck, dass sie das nicht wollte. In jüngeren Jahren versuchte sie, die Leute auch gerne nach solch einer Streichelattacke von hinten zu knapsen.
Manch einen Praktikanten und auch meinen angehenden Mann trieb sie zur Weißglut, wenn sie einfach ihren Schuh durchzog. Ich sehe sie noch, wie die Praktikantin vor ihr steht und sie ausschimpft. Und Gipsy lacht sie aus, mit diesem typischen Grinsen im Gesicht und dazu ein Jaulen, dass jeder verstand.
Mochte sie jemanden, dann gab sie gönnerhaft ihre Aufmerksamkeit. Begrüßte durch ihr einzigartiges Heulen und sich auf den Rücken legend forderte sie zum Bauchkraulen auf. Wirklich jeder, der ihre Gunst besaß, fühlte sich dadurch geehrt.


Einmal hatte die ranghöchste Betriebshündin Biene sich einen verbotenen Knochen geklaut. Ich war so doof, und packte die Hündin am Nacken, damit sie ihre Beute wieder freigab. Diese ließ den Knochen fahren und ging auf mich los, zerbiß meine Hose und dann war Gipsy da, stellte sich dazwischen und wehrte ihre wütende Chefin von mir ab.

mit Biene

Überhaupt waren Gipsy und ich uns lange so nahe, dass ich mir ein Leben ohne sie kaum vorstellen konnte.
Sie war immer an meiner Seite, ob privat oder beruflich.

1999, Flaschenlamm Mowgli gehört dazu
 
Sie konnte auf jede Party mit, lief auf dem Bürgersteig, während ich mit dem Fahrrad auf der Straße fuhr, stand auf Zuruf.
Mit sieben Jahren bekam sie noch ein zweites mal Welpen, fast gleichzeitig mit meinem ersten Kind.

2002 nochmal Mama

Und dann ereilte mich das was jeden Hundefreund ereilt.
Die üble Erkenntnis, dass ein Hundeleben so viel, viel kürzer ist, als das eigene.
Ich selbst war noch mitten in meinem Muttersein, als sie schon alte Oma wurde.
Mit zehn Jahren machte sie mir auf die gleiche Weise, wie sie mir schon immer ihren Willen deutlich gemacht hatte, klar, dass sie ihr Leben nun lieber bei ihrer Urlaubsbetreuung weiter leben wollte.
Kein lärmendes Kinder-jüngere-Hunde-und-gestreßte-Eltern-Haus mehr.
Sondern Ruhe als Einzelhund bei älteren Leuten, mit gemütlichen Spaziergängen, einem eigenen Bett, Sofortbeschmusung nach Aufforderung, Spezialernährung und Leberwurstbrot.
Ich konnte es ja verstehen und sie war nicht aus der Welt.

Gipsy mit zwei Kindern, Benne und Bode

Dort lebte Gipsy die letzten dreieinhalb Jahre ein ruhiges beschauliches altengerechtes Leben, das letzte halbe Jahr an allen Beinen und dem Rücken vergoldet.


Nun, mit 13,5 Jahren, ging es ihr letzte Woche plötzlich schlechter, sie erbrach sich, war schlapp, es wurde Magenverstimmung vermutet und mehrere Tierärzte konsultiert.
In der Tierklinik diagnostizierten sie Gebärmutterentzündung, meinten aber auch gleich, dass man sich die OP gut überlegen sollte, denn es sei unwahrscheinlich das der Hund diese überlebte.

An ihrem letzten Abend war ich zum Verabschieden.
Gipsy wirkte ganz entspannt, obwohl sie bereits nicht mehr auf die Beine kam. Etwas stresste sie meine Anwesenheit und die viele Besorgnis die im Raum hing. Zwischen ihrem wegdösen warf sie immer wieder besorgte Blicke zu ihrem jetzigen Frauchen.
Alle hofften wir, dass sie in der Nacht alleine den Weg finden würde.
Aber nun kam doch die Tierärztin zu ihr nach Hause.
Ich war nicht dabei, ich wollte nicht noch mehr Aufregung in diesen Raum bringen.

Und nun weiß ich nicht!
Ich dachte, dadurch das sie so lange wo anders gelebt hatte wäre es leichter...

Jetzt sehe ich sie, wie sie da über die Regenbogenbrücke neben meinem Schwiegervater her marschiert. Er langsam und bedächtig mit der Leckerlitasche in der Hand. Aus dieser wird sie genau zehn bekommen, da wir sonst vielleicht Mecker nach oben schicken. Sie geht neben ihm, mit durchhängender Leine, ihre goldenen Augen auf sein Gesicht geheftet, den Schwanz hoch erhoben, sich selbst bremsend, um auf seine alten Schritte Rücksicht zu nehmen.

Ich wünsche ihnen viel Spaß!“

Neun Jahre ist das her und es treibt mir die Tränen in die Augen das zu lesen. Dabei ist die Trauer längst vorbei, auch die Erinnerung an die alte Gipsy. Nun ist sie wieder jung, so jung wie ich damals war.


Sie gehört untrennbar zu meiner Jugend.
Vorbei ist die Zeit, dass ich einen Nachfolger für Gipsy suche. Jeder Abkömmling von ihr bleibt genau das, ein Abkömmling. Ich kann Dinge von ihr in ihnen sehen, mich daran erfreuen, aber es ist nicht sie.
Es gibt viele Nachkommen von ihr, manche sind grandiose Hütehunde geworden, andere grandiose Familienhunde.
Gipsys Platz an meiner Seite haben nun Ylva und Lille.
Lille ist tatsächlich um viele Ecken mit ihr verwandt, ein kurzhaariger Tiger.
Und doch hat er wenig Ähnlichkeiten mit seiner Urahnin, besetzt einen anderen Platz in meinem Herzen.


Gipsy und ich.
Forever young. 

 

Sonntag, 29. Oktober 2017

Hüten, nicht hüten, Hüten im September 2017


In einer großen Schäferei mit tausend und eins Dingen zu Tun, aber nur einer Hüteherde gibt es selbstredend immer einen gewissen run auf das Hüten.
So praktizieren wir gerade Wechselhüten, einen Tag Hüten, einen Tag nicht, dann wieder Hüten.
Eigentlich hätte ich gedacht, dass so zu arbeiten, nichts für mich ist.
Ich mag es, mich in eine Herde einzuhüten, die Schafe, und wenn es nur ein paar Tage am Stück sind, für mich zu haben.
Doch obwohl es nicht der Rhythmus meiner Wahl ist, stelle ich schnell fest, dass er erstaunlich gut funktioniert. Wir Hüter sind in unserer Arbeitsweise ähnlich genug, dass ich nicht das Gefühl habe, die Herde an meinem Hütetag wieder neu auf mich einnorden zu müssen.
Natürlich kennen die Schafe mich nun auch schon seit zwei Jahren und, wie ich schon öfter erwähnt habe, ist das ein enormer Faktor.


Montag
Heute ist mein Hütetag.
Morgens gleich fahre ich den Wassertank im Auto füllen.
Am Hof mit Schlauch würde das eine Stunde dauern, mit einem an den Tank angeschraubten Feuerwehrschlauch und richtig Druck auf der Leitung habe ich in zwei Minuten 700 Liter abgezapft.
Als ich bei der Herde ankomme, schauen sie nur gelangweilt.
Ja, wir haben schon alle den Ehrgeiz, die Schafe abends richtig rund und satt zu haben.
Meine Altdeutschen Hütehunde, Ylva und Lille, sind das Gegenteil von gelangweilt. Ein Tag Hütepause und sie tun so, als hätten sie schon Wochen nicht mehr arbeiten dürfen.
Das Hütegelände ist durchzogen von Wegen. Das ist praktisch, so kann ich einen übermotivierten Hütehund in der Grenze „parken“. Leider sind diese Wege aber viel geschottert und Lille hat schnell die Pfoten durch. So ziehe ich ihm Schuhe aus dem Schlittenhundeversand an die Vorderpfoten. Auch die läuft er an einem Tag durch, was das betrifft, er würde auch noch mit offenen Pfoten laufen. Erst Zuhause würde er dann kaum noch krabbeln, bei den Schafen kennt er keinen Schmerz.


Ich öffne den Pferch und rufe die Schafe, mit den Ziegen an der Spitze trotten sie hinter mir her.


Kaum sind sie aus dem Zaun, mache ich mich ans umbauen, überlasse die Herde sich selbst.
Das Gebiet ist abgeweidet, es sind die letzten Tage hier. Das wissen die Schafe, es lohnt sich nicht irgendwohin zu drücken, so verteilen sie sich und fangen an zu fressen.
Nachdem der Nachtpferch umgebaut ist, fülle ich noch frisches Wasser in die Wannen und mache mich hütefertig.
Es ist mitte September und das Wetter ist plötzlich auf Herbst umgeschlagen. Wenn die Sonne raus kommt, ist man sofort in Schweiß. Aber jetzt ist es kalt, windig und sieht nach Regen aus.
So kommt das ganze Regenzeug samt Hut mit.
Hüten geht es, die Hunde freuts und auch die Schafe machen brav mit.
Den Vormittag vergnüge ich mich mit „Ecken aushüten“.


Überhaupt einer meiner liebsten Hütebeschäftigungen. Völlig egal ob in den Mooren Norddeutschlands, den kleinen Blumenwiesen des Südens oder hier auf den Hessischen Flächen, ich gucke nach den Ecken, den Rändern, da wo es schwierig ist die Schafe zum Fressen zu bewegen, da lasse ich sie weiden.


Ja, eine große einfache Wiese ist auch nett, Schafe drauf lassen, sie verteilen sich, Hund in die Grenze und Ruhe ist. Das macht Spaß als Abendabschluss, ein entspannter Moment des Müßiggangs.
Aber den ganzen Tag?
Ich würde vor Langweile vergehen, würde anfangen Muster in die Wiese zu hüten.
Nein, natürlich würde ich kein Futter verschleifen, aber vielleicht einen Zaun drum stellen und Heim fahren.
Erst nachmittags entlasse ich die Schafe aus meinem strengen Griff, sie dürfen sich verteilen wie sie möchten. Die Herde steht weit und frisst sich zufrieden rund.


Was war das für ein schöner Tag.
Solch Hütetage erfüllen mich, durchdringen mich.
Als ich abends ins Haus komme, werde ich gefragt, warum ich so strahle.
Erst gucke ich irritiert.
Aber es stimmt, ich strahle.
Warum?
Ich war doch hüten!
Ach so, ja.


Dienstag
Heute sollen die weiblichen Lämmer aus der Herde.
Die Bocklämmer stehen schon längst extra, sie sollen nicht ihre Mütter decken.
Die weiblichen durften länger mit laufen, doch nun wird es höchste Zeit. Die Böcke müssen in den Ritt und natürlich sollen die Nachzuchtlämmer nicht im ersten Jahr gedeckt werden. Außerdem gibt es stallnah leckeren Luzerneacker, auf dem sie noch besser zunehmen.
Heute morgen muss nun der Defender auch wieder heil sein. Zuletzt war die Untersetzung all zu oft in den Leerlauf gesprungen und so war der Land Rover zur Reparatur.
Ich werde bei der Werkstatt abgesetzt, fahre mit dem Defender Heim und hänge den großen, dreiachsigen Ifor Williams Hänger an. Nun baue ich die zweite Ebene ein und streue mit Stroh. Die Lämmer sollen ja eine angenehme Reise haben. Das man bei dem Williams die zweite Ebenen mit ein paar Griffen auf und ab bauen kann, weiß ich doch immer wieder sehr zu schätzen.
Nun geht’s raus zur Herde.
Die steht schon im Zwangspferch und die anderen sind dabei die Lämmer auszutrichtern.


„Zwangspferch“ ist ein birnenförmiger Zaunkreis, der in der Spitze in einen Trichter aus Metallhurden mündet. Der daran angeschlossene Gang ist genau so schmal, dass immer nur ein Schaf zur Zeit durchlaufen kann. Am Ende des Ganges kommt ein Türchen, das sich nach rechts oder links verschieben lässt. Die Schafe laufen zügig in den Gang, sind sie doch das Prozedere gewohnt und mit Hilfe des Türchens werden die Lämmer in einen Hurdenkreis sortiert. Ist der voll, entwurmen wir sie noch und dann dürfen sie auf den Hänger laufen. Auch das machen sie brav. Zwischen 60 und 70 Tiere bekommen wir geladen und ich fahre mit ihnen von dannen.
Das wird wohl drei oder sogar vier Touren geben.
Als ich die Mädels auf die vorbereitete Fläche entlasse, sind sie sehr unsicher. Alles fremd, plötzlich so wenige und dann keine Mütter mehr, dass ist schon etwas gruselig für so ein kleines Schaf. Doch sind sie über ein halbes Jahr, ein Alter in dem man schon sehr gut ohne Mama lebt. Bald überwiegt die Neugier und die Begeisterung für das leckere Futter. Schon nachdem ich gewendet habe sind sie alle am Fressen.
So vergeht mein Tag im Auto.
Die dritte Tour und es ist klar, ich bekomme nicht alle mit.
Stopfen möchte ich sie ja auch nicht, somit muss ich für die letzten 15 Tiere nochmal fahren.
Die stehen da dann auch etwas verloren, als ich wieder komme. Die Herde ist schon längst im Gehüt, nur sie warten da noch. Um so schneller habe ich sie auf dem Hänger und los geht’s.
Ich komme ein paar Meter und der Gang zur Untersetzung springt raus. Ich lasse ausrollen, möchte ihn wieder rein machen. Aber nein, ich kann den Schalthebel frei bewegen ohne dass er irgendwas greift.
Mist.
Ich telefoniere.
Immerhin, es sind nur 15 Lämmer auf dem Hänger, die bekommen wir auch anderweitig transportiert. Und doch muss ich nun warten, bis mich jemand holt.
So vergnüge ich mich mit Zäune und Trichter abbauen, morgen wollen wir das Gebiet wechseln.
Und endlich werden die 15 Lämmer und ich abgeholt.
Diese noch ausgeladen und Feierabend.


Mittwoch
Morgens fahren wir zu viert mit zwei Fahrzeugen raus zur Herde und dem invaliden Auto.
Der Defender wird so weit fahrtüchtig gemacht und zur Werkstatt gebracht.
Zurück bleiben ein Auto, der Azubi ohne Führerschein und ich.
Die Herde ist noch deutlich satt, so wollen wir die Strecke der heutigen Reise einmal abfahren.
Das Tor, welches vom Hütegelände führt ist zu und abgeschlossen.
Warum das denn??!!
Grummel!
Natürlich soll es immer zu sein, und wie oft hat es mich in letzter Zeit genervt, dass es offen stand.
Liegt es doch so, dass man da keinen Hund laufen lassen muss, ist es zu und ich hab es dann auch immer schnell, mit der Herde im Nacken, wieder zu gemacht.
Ja, aber jetzt ist es abgeschlossen und keiner unserer Schlüssel passt.
Erstmal telefonieren.
Der Zuständige für die Schafsbeweidung ist nicht zu erreichen.
Also fahren wir eben zum Hauptbüro. Ich frage mich durch, bis ich herausfinde, wer für das Verschließen des Tores verantwortlich ist und wo ich den finde.
Im Büro im Nachbarort.
Tatsächlich trudelt der auch, fünf Minuten nach dem wir angekommen sind, ein und hat einen Schlüssel für uns. Er ist zuständig für Tore und da das immer offen stand, hatte er ein neues Schloss dran gemacht.
Soweit so gut. Jetzt drängt es aber doch, dass die Herde auf Futter kommt.
Wir fahren zu ihr und ich weise den Azubi ein.
Er und sein Hund sind noch relativ Hüteunerfahren.
Doch das ganze Gelände ist abgefressen, was heißt, die Schafe drücken nirgends hin. Es geht also darum, die Herde in Ruhe zu lassen. Damit sie auf so abgelutschtem Futter noch fressen, darf man sie nicht stören.
Zur Not mach den Hund fest.
Damit lasse ich ihn alleine.
Bei dem anlernen von Auszubildenden halte ich nichts davon, die Leute wochenlang zum Hüten mitzuschleppen.
Das hat mehrere Gründe. Der egoistische ist sicherlich, dass ich einfach gerne beim Hüten meine Ruhe habe. Auch ich selbst war in der Ausbildung gerade mal drei Tage mit dem Meister mit.
Außerdem kann ich in der Zeit gut was anderes schaffen.
Aber vor allem, bin ich überzeugt, dass man doch nicht wirklich was lernt.
Schaut man als unerfahrener einem Hüter zu, sieht das alles total einfach aus.
Wie man das selbst bewerkstelligt, muss man sich selbst erarbeiten.
Nicht, dass ich jemand damit komplett alleine lassen würde.
Wichtig ist abzufragen wie es gelaufen ist, fragen zu beantworten, zu erklären. Dazu auch immer wieder den Lernenden zu beobachten, ihm Rückmeldung auf sein tun zu geben.
Und ihn dann wieder mit zu nehmen, je mehr man weiß, desto interessanter wird es, einen anderen bei seiner Art zu Hüten zu beobachten.
Doch dieses Gefühl, für all die Schafe verantwortlich zu sein, zu spüren, was für eine Macht die Herde hat, wie leicht das einem aus der Kontrolle gleiten kann, und dann doch wieder Lösungen zu finden, das kann man nur alleine erfahren.
So fahre ich zum nächsten Gebiet, ein alter Steinbruch. Auf der Fahrt achte ich auf den Weg und eventuelle Schwierigkeiten für die Herde.
Angekommen baue ich den Nachtpferch auf, vier Zäune im besten Futter, dass wird sie heute Abend freuen.
Dazu gibt’s wieder Wannen mit Wasser.
Als ich fertig bin kommt auch schon mein Kollege um mich abzuholen. Mein Auto lasse ich stehen.
Zurück geht es zur Herde.
Der Azubi hat sich wacker geschlagen, nur haben sie nicht wirklich gefressen. Was aber in dem Fall auch an den abgefressenen Flächen gelegen haben könnte.
Unser Kollege fährt vor, die große Straße sichern, ich übernehme die Herde und der Azubi läuft hinten drein.
Kaum sind wir durch das Tor vom Gelände explodiert die Herde.
Das abnehmende Futter der letzten Tage hatte sie brav und träge gemacht.
Nun ist alles frisch und grün, am Wegrand, die nächste Wiese. Schaf kann sich garnicht entscheiden, an was man nascht. Sie springen in alle Richtungen, rennen, hopsen. Beide meine Hunde müssen hart wehren um den Zug auf der Strecke zu halten.


Dann kommt die Straße. Mein Kollege hat die Autos angehalten, wir überqueren.
Auf der anderen Seite bleiben die Leitziegen stehen, fressen am Straßenrand.
Ich ziehe weiter, habe die Straße verlassen und sie wird für den Verkehr frei gegeben. Kollege und Azubi wollen weiter, haben noch eine lange Liste zu erledigender Dinge.
Doch da stehen auch noch die Ziegen.
Und ich sehe wie Böcki den Kopf hebt, auf die andere Seite der Straße zum vertrauten Betriebsauto guckt.
Dazwischen der nun rasende Verkehr.
Ich fange an zu schwitzen.
Nun bloß keinen Hund laufen lassen, ich rufe.
Die Ziegen überlegen noch einen Moment und folgen dann der Herde.
Aufatmen.
Aber weiter geht’s, zur linken beginnt ein Versuchsfeld mit lauter kleinen, kaum zehn Zentimeter großen, bis an den Wegrand gepflanzten, leckeren Pflänzchen.
Die Herde gebärdet sich weiter wie wild.
Doch auch die Hunde sind aufgeheizt von der Stimmung, arbeiten wie irre.
So kommen wir gut vorbei, auch an allen anderen Ackerfrüchten.
Dann endlich die Wiesen die zum Steinbruch führen. Es sind nicht unsere und wir sollen sie nicht beweiden, aber gemäht werden sie dieses Jahr auch nicht mehr. So macht es nichts, die Schafe drüber fressen zu lassen.
Ich lasse sie weit, bewege mich langsam, halte die Hunde im Zaum.
Da fängt es an zu schütten.
Mist!
Mein Regenzeug liegt bis auf den Hut im Auto.
Treibe ich nun die Herde an?
Nein, sie fressen so schön, etwas nass hat noch keinem geschadet.
Und schließlich kommen wir doch an, ich hole beim vorbei ziehen mein Regenzeug aus dem Auto. Wobei, viel bringt das jetzt auch nicht mehr, selbst meine Wanderschuhe sind durch.
Aber als sich die Herde weit auf dem frischen Futter verteilt, ich mich oben an der Abbruchkante auf den Umhang setze, stört mich das nicht mehr.
Zu schön ist der Anblick der friedlich fressenden Schafe und hinter ihnen, noch tiefer der blau leuchtende See der Kieskuhle.


Die Herde ist bald rappel satt und ich fahre in den Nachtpferch.
Lille lasse ich das erste mal beim Einfahren mir gegenüber, auf der anderen Seite der Schafe, stehen.
Und er macht seine Sache sehr gut.


Zaun zu, Strom an, Heim geht’s.
Feierabend.
Von wegen.
Wir müssen nochmal los, elf Brackschafe holen, die Morgen früh noch weg sollen.
Das heißt, zuerst den Defender aus der Werkstatt einsammeln. Damit fahre ich dann zum alten Hütegelände, den Hänger anhängen der da noch steht. Von dort geht es dann zu der Fläche auf der die Bracken stehen. Die hat mein Kollege schon in dem großen Rondell, nun müssen sie noch in den kleinen Hurdenkreis.
Rein da, Törchen zu. Ein paar sind auf und davon.
Lumpen!
Nicht gehütete Schafe verwildern einfach schnell.
Aber die, die wir haben, reichen.
Zwölf eingeladen und die Ohrmarken notiert.
Heim geht’s!
Feierabend!
Und sollte jetzt jemand Mitleid mit den armen Bracken haben, dann kann ich nur sagen, das gehört dazu. Ein weibliches Lamm das zum Mutterschaf in dieser Herde wird, hat es geschafft. Es darf ein gutes, schönes, friedliches Schafleben leben. Es wird erst gebrackt (zum Schlachten markiert), wenn es wirklich alt ist, zu alt um noch in der Herde mit zukommen, geschweige denn ein Lamm auszutragen. Oder natürlich sie hatte Euterentzündung und kann deshalb kein Lamm mehr aufziehen. Und selbst dann wird die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen. Jede Lammzeit gibt es wieder so ein paar Kandidaten, bei denen man sagt: „Ja, ja. Die hätte eigentlich schon weg gemusst.“
Und trotzdem fällt auch mir das Brackschafe einsammeln immer schwer. Aber heute war kein vertrautes Gesicht darunter.
Am Ende dieses Tages bin ich einfach nur erschöpft, müde und froh bald schlafen zu können.
Meine Hunden geht es nicht anders.
Gute Nacht.
Morgen wird wieder nicht gehütet.
Aber es gibt ja noch sechs andere Schaf- und Ziegengruppen die versorgt werden müssen und dazu noch Haufenweise andere Arbeit.
Zu Tun gibt es immer.
Und übermorgen darf ich auch wieder Hüten!